Move Your Body

Ich bin gut darin, Musik mit Verspätung abzuholen; dabei ist das Ausmaß wesentlich. Es gibt Bereiche der Verspätung, die nicht mehr sentimental sind, sondern einfach nur uncool. Zum Beispiel: Ich habe 1995 jeden Tag „She Sells Sanctuary“ von „The Cult“ gehört (welches ursprünglich 1985 erschien) und das war extrem schlechtes Timing, dachte ich. So ein Jahrzehnt sorgt dafür, dass die Musik gerade angegangen genug klingt, um uncool zu sein. Aber da ich lange gute Musik heimlich und schlechte Musik öffentlich hörte, war mir das letztlich egal.

2015 habe ich Techno entdeckt und bin inzwischen voll so „ich habe ohnehin nichts mehr zu verlieren“-mäßig druff, jawohl! Aber immerhin gibt die Verspätung wieder Sentimentalität her.

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Ich habe also Techno entdeckt und empfinde diese Reue: Wieso nicht früher? Darüber habe ich ehrlich gerätselt und dann wurde mir klar, dass mir Techno in den 90ern popkulturell verkapselt erschien. Ich dachte damals, dies sein ein Paralleluniversum, das keine Berührungen mit mir hatte, weil es – Achtung jetzt! – nicht in meinen Comics vorkam.

Ich bin ja auch sprachlos, ist ja gut!

Es ist erstaunlich wie sehr man sich in fehlgeleiteten Soziogrammen verlieren kann, wenn man ein pubertierender Loser ist (wie isch). Ich dachte so was wie: „Wowie-Zowie, ich mag Comics, Chicks mögen keine Comics, ich mag Chicks, Chicks mögen mich nicht.“

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Ich habe ja bereits berichtet, dass mein Hören von Hardcore und Heavy Metal ein Freundschaftsdienst war, den ich leistete, um in der Nähe von Menschen zu bleiben, die mich mochten; sie verlangten es nicht von mir und wären bestimmt meine Freunde geblieben, wenn ich mich geoutet hätte: „Ich liebe Tina Turner viel mehr als Mainstrike!“ (“You won’t see me ashamed”, LOOOOOOOOOOOOL!)

Aber gut. Ich war jung und leicht zu verunsichern. Ich hätte nie sagen können, dass ich eher so Baby-Baby-Halbstark bin als alles andere.

Ein beträchtlicher Teil meines heutigen Freundeskreises hat hingegen viel Jugend mit Techno verbracht und ich habe sie alle über die Musik ausgefragt und darüber, wieso unter YT-Videos alter Techno-Tunes mehr Nostalgie stattfindet als in allen anderen Musikgenres.

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Es war halt eine Bombenzeit, meinen sie alle.

„Hedonismus ist das Stichwort. Jung und druff zu sein, das fühlt sich nach Unsterblichkeit an!“, erklärte Hanny, ein Freund von mir, mit dem ich viel flaniere.

„Und dann wird man alt und fett und fühlt sich sterblicher denn je?“, verfolge ich den Gedanken küchenpsychologisch weiter.

„Weiß nicht. Vielleicht vermisst man einfach das Tanzen?“

Ah ja? Vielleicht vermisst man auch schlicht und einfach diese Techno-Mieze vom MTV? Ich war ja voll verliebt in die!

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Ich habe mehr an Erklärungsmodell von Hanny erwartet, schließlich ist er Psychologe! Er arbeitet mit Jugendlichen und einmal begegneten wir einer seiner Patientinnen in einem Kaufhaus – ihre Ernährungsstörung war offenkundig, das Mädchen sah skelettiert aus.

„Freigang mit Eltern“, erklärte Hanny und verdarb mir dann den Tag mit einem Vortrag über Anorexie, die im Spätstadium einen flaumigen Pelz auf den Leibern der leidenden Kinder und Jugendlichen wachsen lässt, da der Körper aus irgend einem Atavismus heraus so versucht, sich zu wärmen. Er verfügt ja nicht mehr über einen Fettanteil, den er dazu heranziehen könnte. Und Hanny ist außerdem skeptisch, was Heilungschancen betrifft: Bei meisten Patienten gehe es darum, Möglichkeiten zu schaffen mit der Erkrankung zu leben.

Was für ein Alptraum.

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Das Verhältnis von Körperlichkeit und Jugend finde ich überfordernd aber auch faszinierend; meine eigenen Erinnerungen und Gespräche mit meinen Schülern lassen bei mir den Eindruck entstehen, als habe ein junger Mensch das Gefühl, seinen Körper irgendwie beherrschen zu müssen, was sich schnell wie ein Versuch anfühlt, einen Marathon mit einer schläfrigen Königsboa in den Händen zu laufen. Besser kann ich das nicht beschreiben. Meine Beherrschungsversuche dauerten 16 Jahre bis der Körper ernsthaften Schaden davon getragen hatte. Er war zu lange Opfer meiner Projektionen gewesen.

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Sagt euch Bushwick Bill was? Er ist in der Mitte dieses Bildes:

geto boys

Bushwick Bill war einer der drei „Geto Boys“, einer dieser begnadeten, zugleich psychotischen Menschen, die in den 80ern rappten. Das Foto entstand nach seinem Selbstmordversuch: Bill versuchte eine Freundin zu zwingen, ihn zu erschießen, indem er unter anderem ihr Kind ergriff und drohte, es aus dem Fenster zu werfen, wenn sie seinem Wunsch nicht Folge leistet. Die Situation eskalierte zu einem Handgemenge, ein Schuss löste sich dabei und traf Bill ins Auge; seine Band-Freunde dachten, es wäre eine gute Idee, dies zu verewigen und das Foto zum nächsten Album-Cover zu machen. Er hat ein (fantastisches) Lied darüber gemacht, „Ever So Clear“, bei dem er zu erklären versucht wie es zu dieser Situation kommen konnte. Dabei weiß er, dass sein Verhalten unentschuldbar ist und rechtfertigt es nicht; aber er eröffnet den Erklärungsversuch mit der Beschreibung einer Kindheit in der Armut als kleinwüchsiger Mensch.

Es wird für mich nie ein besseres Lied über den Schrecken unserer Gefangenschaft in einem Körper geben als „Ever So Clear“.

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Ich habe also Hanny gefragt:

„Ok, hat die Techno-Nostalgie vielleicht was mit der Versöhnung von Gedanken und Körper zu tun?“

„Wie meinst du das?“

„Ich stelle es mir so vor: Man ist voll druff und tanzt wie der Derwisch und Körper und Gedanken hören endlich auf, sich gegenseitig so paranoisch zu belauern.“

Er dachte darüber nach:

„Hm. Hm. Hm-hm-hm. Nein.“

„Wieso?“

„Naja, da waren schon damals so Typen auf der Tanzfläche, mit Sixpack und Bodybuilder-Pecs und so. Da hast du dich schon schäbig gefühlt, wenn du (wie isch) ein Moppel vom Dorf warst.“

Na super.

Tomatensaft ist eine Tugend, Götterspiele sind Götterscheiße

John Walkers Molyneux-Ausgequetsche ist bedeutungslos, entwertet durch seinen Anlass: Die Wutangst des kleinen, sich betrogen fühlenden Kickstarter-Honks.
Naja, ich war auch mal so einer. Als ich beim Crowdfunding-Urväterchen Bandstocks die Produktion eines Patrick Wolf-Albums mit 100 Pfund mitfinanzierte – mit Aussicht auf “Gewinnbeteiligung”.
Die Seite wurde irgendwann abgeschaltet, eine Ausschüttung fand nie statt, mein Privileg war es, mir eine Special Edition des Albums kaufen zu dürfen, darin ein loser Zettel mit den Namen aller Unterstützer.
Ja, ich war wütend. Vielleicht hätte ich mich auch über einen Inquisitor gefreut, der Patty mal so richtig in Bedrängnis bringt. Aber dort ging es um Musik. Nicht um ein “Götterspiel”. Götterspiele sind wie Götterspeise, auch genannt Wackelpeter. Ich mache daraus jetzt kein Molyneux-Wortspiel. Obwohl!

Wackelpeter ist wenige Tage haltbar und löst sich danach unter Abgabe von Wasser auf.

Ja, in ein paar Tagen wird eh keiner mehr darüber reden.
Ich lese gerade, dass das famose Strategiespiel Utopia auch zum Genre zählt. Nicht akzeptabel! Simulierte Allmacht ist nicht in Ordnung. Wer will denn bitte virtuell angebetet werden? Kinder? Erwachsene mit echt heftigen Problemen?
In den Kriegsspielen, die einige von euch Shodanisten ja gerne spielen, ist immerhin die Scheißigkeit des Krieges als Autoschamerzeuger enthalten.
Wie auch immer, Walker kann mir unter die Augen treten, wenn er Modelara, die am schwersten zu kriegende Interviewpartnerin der ganzen Welt, zum Thema Videospiele und Mode interviewt hat!
Aber wie ich euch so kenne, werdet ihr trotzdem in den Kommentaren über Peter reden. Ich interessiere mich mehr für Saft.
Wie ihr vielleicht wisst, trinke ich seit über einem Jahr jede Woche einen halben Liter Tomatensaft (mit Spaß) und war seitdem nicht mehr erkältet. Fehlt mir das Fieber? Ja, jetzt könnte ich umleiten zum grippalen, ungesunden Spielen, vor dem man eigentlich kapituliert, ins Bett zurückflüchtet. Ich wollte aber nicht über Computerspiele an sich schreiben, nicht heute. Lieber wieder über Musik. Ich brauche nämlich eure Hilfe!
Wie ich eventuell bereits irgendwo erwähnte, bin ich ein großer Fan von Peter Ivers, der, ganz passend zum Shodanin Shodannews, einen schwarzen Gürtel trug und trotzdem singen konnte wie eine sexy Katze. Nun die Frage! Wie nennt man diese Stimmlage? Ich brauche mehr davon. Es ist keine Kopfstimme. Sondern ein cooles, lässiges Maunzen.

Ja, ich verehre ihn. Er sang in Eraserhead das Stück In Heaven und legte es der Frau im Heizkörper in den Mund:

Wenn ihr mir bei meiner Suche nach einem Ivers-Ersatz (er wurde 1983 ermordet) nicht helfen könnt, dürft ihr natürlich auch über Peter Wackelpudding reden. Oder wann ihr euch betrogen fühltet! Eure Kleinsparererlebnisse! Außerdem interessieren würde mich brennend, ob von euch jemand heimlich Spiele entwickelt oder zumindest Spielekonzepte im Ärmel versteckt. Es wäre mir ein großes Anliegen, wenn These Nerds gemeinsam mal ein Spiel entwickeln würden. Das würde ein Monstertitel werden. Aber sicherlich kein Götterspiel – und kein “story driven exploration game”, das weiß ich. Stattdessen Laserkriegkatzen? Maunzende Laserkanonen? Nein, das ist zu ironisch. Das geht nicht.

Ich gehe nun mit meiner Katze reden. Die ist sehr empfänglich für neue Spielideen. Das Grundkonzept ist zwar immer gleich (Objekte bewegen sich und sie rennt hinterher), aber dieses Konzept kann man tausendfach variieren – Schnüre durch Löcher in Kartons ziehen, Schnüre irgendwo aufhängen, hauptsache Action. Hier ein Bild von meiner Katze beim Zocken!

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Round-Up mit V.: Februar 2015

Vinzenz meldet sich zum Schreibdienst. Was habe ich gespielt in der letzten Zeit, was blieb hängen, was war scheußlich? Ganz am Schluss kommt noch eine kleine Ausführung zu The Crew und Computerspieltourismus.
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Infame Zeiten

Einstieg mit dem allseits bekannten Beispiel für semantische Pejorisierung: Mit „Dirne“ bezeichnete man einst schlichtweg Mädchen, allerdings verschob sich der Gebrauch und irgendwann wurden nur noch Prostituierte als „Dirnen“ bezeichnet. Und „geil“? „Geil“ hat erstaunlich biedere Wurzeln, da im Althochdeutschen vornehmlich besonders fruchtbare Natur als “geil” bezeichnet wurde: saftige Wiesen und so was. Pejorisierung ist also ein sprachlicher Steam Sale, der nie endet.

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Es ist mir gar nicht klar, ob der Begriff „Gamer“ jemals eine Pejorisierung durchlaufen ist. Gab es eine Zeit, als man sich ganz unschuldig als „Gamer“ bezeichnete und das mit der Unbefangenheit einer Person, die sich als „Fußball-Fan“ bezeichnet, sagen konnte? Der Begriff selbst erscheint mir als recht neumodisch; ich nahm ihn ab ca. 2003 wahr und es waren immer irgendwelche Kotzeimer im Internet, die sich so bezeichneten; „Gamer“ waren Menschen, die viel und dumm spielten. Sie hatten nichts mit mir zu tun.

Und dennoch ist eine Pejorisierung möglich: War der „Gamer“ früher nicht mehr als jemand, mit dem man sich öffentlich ungern zeigen würde (weil er sich schlecht anzieht und so weiter), so ist der „Gamer“ seit „Gamergate“ mehr – er ist zum Aktivisten geworden. „Gamer“, das sind assoziativ Menschen, die Frauen im Internet im schlimmsten Fall bedrohen – und im besten Fall interessieren sie sich für ihr Sex-Leben. Ich unterstelle vielleicht zu viel Assoziation und solltet ihr anders empfinden, so korrigiert mich. Bei “Superlevel” hat es sogar für das Attribut „INFAM“ gereicht; „Gamer“ ist also jene Art von Begriff wie „Rasseamt“. INFAM!

„Superlevel“ ist wirklich zuverlässig, wenn es darum geht, mich zu unterhalten und deshalb sage ich: Never change, „Superlevel“!

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Wisst ihr, was mich an 2014/15 so fasziniert? Diese zwei Jahre sind eine Replik der 90er – sie sind von Aggression, Abgrenzung, Furcht, Paranoia, Chauvinismus und Xenophobie gezeichnet (bedenkt wie prophetisch ich in meinen Gedanken zu “Gone Home” war. Tja!).

Da gehe ich letztens mit einem Buddy Chillaxen und Shoppen, als vor uns eine ziemliche Schlägerei ausbricht; es prügeln sich irgendwelche Demonstranten und man weiß nicht, wer wofür demonstriert. Die Boxerei ist rabiat und man merkt, dass hier viele kämpfen, die sich zu prügeln wissen.

Mein Freund und ich saßen auf einer dieser Stangen, die man nutzt, um Fahrräder abzuschließen und sahen dem Tohuwabohu (Etymologie inzw. bekannt, nech) zu, welches sich später als die erste dieser Hogesa-Demos herausstellte.

Es war nicht nur deswegen ein kurzweiliger Tag, ich hatte auch einige gute Einkäufe gemacht. So habe ich zum Beispiel mein liebstes Ralle-Hemd nachgekauft, da mein Kater aufs ursprüngliche gestrullert hatte. Er war mir böse, weil ich ihm sein Medikament gegeben hatte. (Dabei setze ich ihn in meinen Schoß und halte mit der einen Hand seine Pfoten fest, während ich ihm mit der anderen die Nierenmedikamente verabreiche. Er ist mir danach immer furchtbar böse, aber diese Eskalationsstufe war neu.)

Der Geruch des Katzenurins ist unheimlich schneidend und obwohl er allen zufolge nach mehrfachem Waschen nicht mehr wahrzunehmen war, traute ich mich nicht mehr, mein Hemd zu tragen – dass ich das gleiche Hemd nochmals fand, war also super, und es war auch noch reduziert!

Voll gut!

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Ich habe mir außerdem inzwischen Unmengen von Sportkleidung aus Merinowolle gekauft, weil ich so verfroren bin. Ich wiege nur noch 75 Kilogramm, nichts scheint mich mehr zu wärmen.

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Bald kommen wieder weniger aufgeregte Zeiten. Die Pegida wird irgendwann zu 15 fröstelnden Aluhut-Menschen reduziert werden, die infamen Gamer werden kaum noch jemanden bedrohen. Der aggressive Backlash der Ängstlichen ist stets dramatisch, aber vergeblich.

Die Kämpfer fürs Gute werden sich Jobs mit Medien suchen müssen, weil der Aufwand empörter Abgrenzung nicht mehr in genügendem Ausmaß belohnt werden wird. Sie werden dann Smiths-Lieder für Szenen des perfekten Dinners oder der „Shopping Queen“ zurechtschneiden. Ich sage mal so: Semi-Infam.

Und ich? Ich werde mir hoffentlich bald die richtige “C.P. Company”-Jacke ausgesucht haben!

In Lasergewittern: Mecha Youth, Cockpit Truth

Wie sprecht ihr das Wort Roboter aus? Ist es RoBOTTer  oder ROHboter? Ich glaube, dass ich zur zweiten, gedehnten Aussprache tendiere, aber ich finde diese erste definitiv cooler; auch weil sie der etymologischen Slawenwurzel näher ist: Der Arbeiter. RoBOTTer, ich muss arrrrrrbeiten.

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Okay. Heute möchte ich über Kampfroboter sprechen.

Meine erste Begegnung mit ihnen hatte ich als Grundschüler – ich war sieben oder acht Jahre alt und ye ole Robotech / Macross lief im Jugoslawischen Fernsehen; ich habe es sofort verstanden. Es war, als ziehe man mir eine eiserne, wohltuende Nadel durch die Brust. Ich wusste Bescheid.

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Es gibt eine Unappetitlichkeit des internetösen Generdes, die ich stets besonders hasste: Das Putzigsein. Ich habe es immer gehasst, wenn sie bei Antigames mit den blöden Dinosauriern kamen. Ich hasse diese „ich bin liebenswert, mache gerade große, blinzelnde Lemurenaugen und habe eine Schrulle, von der man sagen kann, dass sie total nerdig ist“-Pose und zwar intensiv.

Und deshalb hasse ich es, wenn einer bei Twitter so was schreibt wie

„Hauptsache Kampfroboter <3“

Fick dich, du Versager. Kampfroboter sind echt.

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Kampfroboter sind echt, weil sie eine sexuelle Kiste sind; zumindest, solange wir über die ursprüngliche, japanische Variante sprechen, über Mecha. Adoleszente Protagonisten steigen in phallische Kampfmaschinen und prügeln sich mit stets verdächtig (fortpflanzungs)organischen Aliens? Hallo? Stupider und Eindringlicher lässt sich sexuelles Erwachen ja nicht imaginieren.

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Das war schon bei Macross so. Das ist heute immer noch so. Es ist bei „Knights of Sidonia“ so und bei „Fafner Exodus“ (= New Jack Kid Scheißdreck) so. Metallpimmel mit Fäusten und Lasergewehren stellen sich Herausforderungen!

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Und wie viel Melo da nur immer ist! Immerzu erlöschen Freundschaften in Lasergewittern (“YAAARGH, SHINICHI, THE LASER BURNS!”). Immer ist man verliebt (“OOO, CAPTAIN KAGAWA, I YEARN FOR YOU!”)! Immer zerbricht das Herz (“YEEEE! THE HEART ACHES WITH THE INTENSITY OF ANTIMATTER AND PLASMA!”)!

Bei Macross gibt es eine Szene: Da wird der Protagonist gemeinsam mit einer anderen irdischen Pilotin (hubba-hubba!) gefangen genommen und die (riesigen) Aliens zwingen sie, SICH ZU KÜSSEN, weil sie menschliche Emotionen studieren wollen.

Hallo?

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Ein anderes Mal strandet der Typ irgendwo im endlosen Eingeweide des Macross-Raumschiffs… mit einer anderen Pilotin! Die duscht unter einer defekten Wasserleitung, der spannt so ein bisschen und es gibt Romance.

Yeah!

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Es geht also beim Generde um erektile Verhärtung, nicht um diese Verkehrung: Verniedlichung. Verniedlichung verbiete ich.

Shebang Memories: Love and Rockets

Ich war eine Zeit lang ziemlich verklemmt; ich hörte Pop-Musik heimlich, weil ich mich schämte. Meine Freunde hörten Hardcore und ich wollte mich anbiedern, indem ich so tat, als gefiele mir diese Scheißmusik.

Aber ich hasste sie. Ich wollte meine „BIS“-CDs laut hören und nicht verstecken müssen, wenn ich Besuch bekam. Ich wollte in meinem Zimmer zu „Yukarin Disco“ tanzen oder zu Takako Minekawa; das tat ich immerhin mit Marc.

Eine Rolle spielte sicherlich auch die prekäre finanzielle Lage meiner Familie. Flüchtlinge haben nie Monetos und wenn man keine Monetos hat, sucht man sich günstige Wege, um sich akzeptabel zu kleiden – und Bandshirts waren günstig. Im Ernst, mein gesamtes Involvement mit Straight Edge und Hardcore hatte vor allem damit zu tun, dass ich nicht wie ein Idiot aussehen wollte. Die Ironie ist offensichtlich.

Ich wollte halt „Anschluss“ wie der 80er-Pädagoge weiß; was soll ich sagen, ich bin auch nur ein Mensch!

Die Leute im „Shebang“ sahen immer so cool aus; die waren zwar irgendwie subkulturell drauf, dachte ich, aber keine schäbigen Klemmis wie ich. Die machten, was sie wollten und taten nicht vor anderen so, als seien „Converge“ oder „Seven Days of Samsara“ irgendwas anderes als schrottiger Krach dreckiger Springbreakfressen. Die waren voll cool, die waren so wie Buddy Bradley. Die hörten in ihrem Laden manchmal Jazz und manchmal hörten sie Rap. Die gaben einen big ole Fick darauf, was andere von ihnen dachten. Die hörten bestimmt „Suicide“ und lasen dazu „Ghost Rider“-Hefte im Bett und trugen löchrige Strickpullis und hatten Spaß! Die wohnten in WGs, wo den ganzen Tag alter Acid lief. Sie waren frei, frei!

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Zu meiner finanziellen Lage: Ich musste ständig arbeiten und das war nur cool, wenn ich in einem Comicladen arbeiten konnte, aber wenn das nicht ging, was es der pure Hass. Ich habe in einem Gemüseladen gearbeitet, wo ich faule Tomaten oder Zucchini aussortieren musste; ihr schleimiger,  spermienartiger Sabber hing von meinen Fingern, als hätte ich eine kosmische Amöbe zerdrückt. Ich hasste mein Leben und wünschte allen den Tod!

Das Problem war: Wenn ich meine Eltern um Monetos für Klamotten bat, ging das mit Auflagen einher. Die wollten, dass ich Rollkragenpullover trage und so was; das war völlig irre! Also sortierte ich faule Möhren aus, die Maden zogen glänzende Spuren auf meinen Unterarmen, ich hasste mein Leben und wünschte allen den Tod. Ich wünschte ihren Aquarien den Tod! Ich konnte mir keine Schulbücher leisten und musste beim Jugendamt Coupons beantragen. Die heißen Chicks in rosafarbenen Ralle-Polos wollten nicht mit mir in die Kiste. Voll Scheiße! Das war damals mein Tune:

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Ich dachte halt: Okay, wenn die Monetos nicht für die heißen Chicks in Ralle-Polos reichen, dann für die Hardcore-Chicks in Bandshirts. Die zehn Mark habe ich allemal! Ich dachte nämlich, diese Hardcore-Chicks wären alle voll so wie die Locas aus den „Love and Rockets“-Comics. Quirlige Elfen, mit denen man verrückte Abenteuer erlebt, aber auch gelegentliche Momente intimster Zärtlichkeit und Freundschaft.

Am Ende ging nur was mit Deutschpunkerinnen, weil in dieser Hinsicht „Love and Rockets“-Comics voll die Verarsche waren!

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Wieso waren die „Love and Rockets“-Hefte eine Verarsche? Sie ließen mich glauben, Punkrock wäre voller cooler Menschen, die zwar fuchsteufelswild und verrückt waren, aber äußerst loyale Freunde. Der deutsche Punkrock war voller Kinder von Pfarrern. Ich scherze nicht! Einer von ihnen stieg in so eine Hermelinfarm, befreite die Tiere, wurde verhaftet, verurteilt und den Schadensersatz zahlte der Pfarrervater; dennoch gab es

es gab

ernsthaft – es gab für ihn

es gab „Solikonzerte“.

WAS NE VERARSCHE!!!!

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Wenn ich „Love and Rockets“ sage, meine ich eigentlich nur die Sachen von Jaime Hernandez; Gilbert habe lange ungerechterweise vernachlässigt, weil er nicht die zeichnerischen Skills seines Bruders hatte. Jaime ist nämlich voll der Mörder, wenn es um Grimassen, Bewegung und präzise Tusche geht. Architektur überfordert ihn, ebenso Natur, aber er kann Figuren wie kein anderer: Schließlich nennt er „Archie“-Comics als wichtigen Einfluss!

Meine ersten „L&R“-Hefte kaufte ich zwar im ersten Comicladen, in dem ich arbeitet, aber es war erst „Shebang“, welches mir zu einer richtigen Sammlung verhalf, denn dort hatten sie irgendwann in einem Flechtkorb eine Ladung der Serie – und zwar sehr günstig. Wir sprechen von Steam-Sale-Hardcoresparerrabatten, Freunde. An diesem Tag kaufte ich mir auch noch zwei abgewetzte Sammelbände von Spain‘ Rodriguez‘-Bikercomics, aber dazu später mehr.

Jaimes „L&R“-Geschichten haben mich aber nachhaltig beeinflusst: Es war nicht nur so, dass ich Punkrock cool fand, weil ich L&R las. Ich wollte auch bestimmte modische Erscheinungen daraus imitieren: Jaime Hernandez fror in seinen Panels diese spezifischen Stilmittel, mit denen man sich im Kalifornien der Mitt-80er abgrenzte: Bandanas, Flitphats mit beschrifteten Unterseiten, bis zum Kinn zugeknöpfte Hemden. Alles, was man aus “Suicidal Tendencies”-Videos kannte, halt. Ich verstand das alles nicht wirklich, weil mir Kontext fehlte, aber ich assoziierte es mit Lateinamerikanern und dachte, dass ich bestimmt supercool wäre, wenn ich mit zehnjähriger Verspätung auch „so was“ zu tragen anfinge.

Habe ich aber nie. Fliphats kehrten erst vier bis fünf Jahre später wieder zurück, als einige Hardcore-Bands diese Sachen zu reenacten anfingen. Hardcore ist schließlich Cosplay mit Gitarren und Vokü. Und zu diesem Zeitpunkt war ich so sehr in dieser idiotischen Hardcore-Szene verstrickt, dass ich sie intensiver hasste als Hunger, Krieg und Cracktros! Fickt euch und eure Pfarrerväter, privilegierte Veganhonks!

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Ich wollte mit einer zehnjährigen Verspätung Mode imitieren, aber es dauerte weitere zehn Jahre bis ein Samen, den die „Love and Rockets“-Hefte in mir gepflanzt hatten, keimte: Die Liebe von Jaimes Heften zum Grappling war endlos. Wrestling wurde hier mit absolut intakter Kayfabe dargestellt und ernst genommen. WrestlerInnen waren cool, muskulös und hart. Sie hatten korrekte Blumenkohlohren, wie sich des g`heart. Dies war lange bevor UFC das Ringen und Grappeln wieder als wesentliche Kampfskills etablierte; dies war in den 80ern, als alle dachten, Boxer seien die härtesten Menschen auf der Welt und das von Meister Wolf-Dieter Klotzmann in Gaggenau erfundene Glong-Kwoi-Kung-Fu echt. Olympisches Ringen war weitgehend unsichtbar (und wenn nicht, so assoziierte man es mit Homosexualität – schreck!) und sein wilder Zwilling, das Pro-Wrasslin, galt als durabolingespritztes Schauspiel.

Aber dazu später mehr.

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In der nächsten Episode: Spain Rodriguez, Kampfspört, noch mehr Comics, noch mehr Klamotten, noch mehr Musik, noch mehr Hass.