Computercortison

Fette Flocken statt fetter Schrift. Der Rechner summt.
Und betäubt die Nerven.
Memes aus Moos: draußen ist was los.

Vor kurzem brannte meine Grafikkarte durch. Nicht weiter schlimm, kauft man sich eben eine neue. Beginnt, sich mit diesen Geräten zu beschäftigen. Drei Lüfter, ein Kühlergrill, vier Lüfter, lächerliche Bezeichnungen. Monster mit Preisschild. Ich wollte nicht, konnte für so etwas kein Geld ausgeben. 200€ und aufwärts, Kosten eines Mikrourlaubes.
Also unterwegs mit Onboard-Grafik. Kein The Crew, kein Geglotze in künstliche Welten, klar, manches ging, aber mit Verzögerungen. Rissen im Bildschirmgemälde. Stattdessen spielte ich alte Titel von Spiderweb Software – Geneforge, Avernum: Escape From The Pit. Außerdem Sunless Sea. Textbasierte Titel mit hohem Fremdweltengrad. Großartige Spiele, keine Substitute. Aber mit hohen Anforderungen an die Vorstellungskraft. Aber selbst Sunless Sea, ein Unity-Titel, lief mäßig. Ich wurde nervöser. Etwas fehlte.
Ich suchte weiter nach Grafikkarten, ganze Abende lang, nach etwas, das mir dumme Entspannung – nichts lesen müssen, nur gucken – garantieren würde, aber trotzdem mit Bescheidenheit: nur ein Lüfter sollte es sein. Ich weiß nicht ganz, warum mir das so wichtig war.
Ich erinnerte mich an Spielesessions, bei denen ich stundenlang geradeaus gefahren war, mit dem Gamepad in der Hand und überhaupt nichts fühlte, als hätte ich ein starkes Schmerzmittel genommen. Dazu Musik. Alles legal und im Rahmen der Möglichkeiten.
Die Fluchtorte waren mir nicht mehr zugänglich, die Zugangsvorraussetzung durchgebrannt. Von anderen höre ich oft, dass, wenn etwa ihr Smartphone kaputt geht, von irgendeinem Freund immer schnell Ersatz herkommt. Ältere Technik, die nur rumliegt, rutscht die Rampe runter zu einem. Bei mir nicht.
Ich bin oft für andere da. Höre mir an, was sie für Probleme haben, oft sind das komplexe Darstellungen von Beziehungsgeflechten, die man entwirren muss. Mir war es nie aufgefallen, aber ich spielte tatsächlich zur Entspannung. Ich gebe es zu. Um nicht da zu sein? Was weiß ich. Es steht vielleicht im Widerspruch zu allem, was ich bisher auf dieser Seite behauptet habe. Der Wegfall der konstruierten Pose, drunter liegen angeschmorte Nerven.
Wie soll ich mich nun verhalten? Eine Grafikkarte kaufen ist, wie ein schwarzes Ticket zu erwerben, kein goldenes, die findet man ja per Zufall.
Kennt ihr das, ein Suchtmittel abzusetzen? Stellt euch vor, das Internet fällt für ein paar Stunden aus, man ruft trotzdem den Browser auf, um gegen eine Fehlerwand zu laufen. Eine Reihe von Schocks. Dann setzt die Heilung ein.
Gefühlt häufig fängt man dann an, zu zeichnen. Die Zeit verlangsamt sich, man kann Stunden wieder in Echtzeit fühlen, sie werden nicht runtergerissen oder verschlungen. Es tröpfelt.
Ich weiß nicht, ob ich an manche Orte zurück möchte, die virtuellen USA, das virtuelle Hawaii, Ibiza. Vielleicht muss ich dort wirklich hin. Mit dem Durchbrennen meiner Grafikkarte ist etwas passiert, ich kann es noch nicht benennen, aber es geht um weitaus mehr als Bildraten.
Ich schreibe diesen Text in Leipzig. Leipzig ist nicht weit weg von Chemnitz, trotzdem war ich kaum dort die letzten Jahre. Ich musste nicht. Wenn ich fort wollte, konnte ich schneller springen, billiger, immersiver. Aber in Wirklichkeit saß ich mit einem knubbeligen Gamepad zu Hause und glotzte. Gamepads haben sich durchgesetzt am PC, viel mehr Menschen nutzen sie. Vielleicht, weil man dabei etwas in der Hand hat, dass sich wie ein Organ anfühlt. Bei Maus und Tastatur muss man die Hände ausstrecken. Sie liegen flach auf den Geräten. Es ist eine künstliche, technische Situation. Bei Gamepads klammert man, das Ziel ist, alle Übersetzungsmühen zu nivellieren. Irgendwas stimmt mit diesem Immersionsgedanken nicht. Vielleicht bin das auch nur ich.
Das war kein Erweckungserlebnis. Eher ein Erschreckungsbewegnis. Computerspiele sind Cortison. Ich glaube nicht, dass diese Verletzung so schnell aufhören wird, wehzutun. Vielleicht ist es auch gar keine Verletzung, sondern der eigentliche Antrieb, fortzuleben, der schmerzen muss. Den man keinesfalls verkleben darf.

Gastons kvunterbvnter Frühlings-Roundup!

1. “Darkest Dungeon”

Kam mit Hype, war Teil meines Gehibbels. Fazit nach Erscheinen: Schade. Ich will das erklären: Dieses Spiel hat einiges, das dafür spricht – die Mignola-Styles (auch wenn Mignola schon 2003 out war, aber egal – hübsch sind sie), der Rundenstrategiegroove, alles da. Es hat allerdings auch ein paar Sachen, mit denen ich nicht klar komme. Es bestraft mich zum Beispiel fürs Spielen. Das ist wirklich wahr – in “Darkest Dungeon” gibt es eine Leiste, welche die seelische Gesundheit eurer Figuren bemisst. Jeder Schritt im Kerker, jeder kritische Treffer der Gegner treiben den Wahn-o-Meter hoch, bis eure Figuren schließlich verrückt werden. Wenn sie verrückt sind, unterbrechen sie den Kampf STÄNDIG mit idiotischem Gebrabbel und – im Ernst jetzt – belasten die seelische Ruhe ihrer Mitstreiter. Am Ende sind sie alle wahnsinnig und können überhaupt nicht kämpfen. Mannchmal reichen schon vier kritische Treffer hintereinander für den kollektiven Wahn. Es ist, als würde man mit der Klasse einer Walldorfschule abenteuern gehen. Oder mit Larpern. Es fuckt einen vollends ab. Wieso ein Spiel, das das Spielen straft? Ich finde das so dumm. Keine Empfehlung.

2. “Banished”

Aaaaaalter, ist das gut. Habe es in unserer Curator-Sektion uff Steam als “Bausparercrack” bezeichnet und finde immer noch, dass dies treffend ist. Ich habe vorgestern NEUN FUCKING STUNDEN an einem Tag erspielt, das ist mir seit hundert Jahren nicht mehr passiert. Es ist wie Anno aber viel geiler, weil keiner nach Kakao fragt, vielmehr werden sie alle krank und ihnen ist kalt und sie haben hunger und man muss sie mit eisernem Organisationsgeschick aus dem Elend holen. So gut. Ich kann nicht aufhören. Sogar das UI ist perfekt. Klare Empfehlung.

3. “Sniper Elite 3″

Rebellion waren ja schon immer so ein bisschen “dodgy” wie der Brite sagen würde, aber “dodgy” auf die gute Art. Nehmen wir etwa “Sniper Elite 3″: Man kann Nazischweinen aus einem Kilometer Entfernung die Testikeln wegschießen UND DIES WIRD IN ZEITLUPE UND RÖNTGENAUFNAHME GEZEIGT! Das macht “Sniper Elite 3″ zu einem perfekten Spiel, wenn ihr mich fragt. Never change “Rebellion”! Falls ihr euch fragt, was sich von V2 zu 3 geändert hat: Alles ist besser. Stealth funktioniert endlich, Fallen machen endlich Sinn, das Leveldesign ist mega und die Steuerung ist auch noch besser, wenn auch still a teensy bit hakelig.

4. “Tinykeep”

Ich frage mich, wieso dieses Spiel keinerlei Hype erlebt hat – es ist so cool. Dies ist ein altmodisches Kerker-Abenteuer: Man flieht und prügelt sich unterwegs. Die Roguelike-Elemente sind minimal und somit gut erträglich. Die Physik-Effekte nerven ein wenig. Aber der Rest ist so cool: Jedes Level stellt einen vor neue Herausforderungen. Mal muss man eine Skeletthorde beschwörden und dann besiegen. Dann kämpft man gegen Dämonen. Dann kämpft man gegen Orks und muss zugleich vor einem unbesiegbaren Steinmonster spielen. Ich empfinde so eine Abwechslung als sehr oldschoolig, das gefällt mir – man kann sich geradezu gestanzte Tipps-Seiten zu “Tinykeep” vorstellen, in denen die Eigenheiten des nächsten Levels erklärt werden.

5. “The Evil Within”

Speaking of Tipps: “The Evil Within” spiele ich mit Guide. Ich spiele nämlich SEHR GERNE mit Guides, mit Guides zu spielen steigert sogar meinen Spielspaß ordentlich. Das ist wirklich so, denn diese Sache mit Suchen und Herumprobieren bis es klappt… fuck that shit. Bin ich ein armer Primat in einem Versuchslabor? Hell no! Ich kümmere mich ums Ballern, der Guide kümmert sich darum, dass ich nichts übersehe.

(Erinnert ihr euch noch an dieses dramatische Scheißgelaber zu “Dark Souls”, als man sich darüber empörte, dass Aule mit Guide spielt? Das war vielleicht scheiße!)

Zu “The Evil Within”: Die Steuerung nervt ein bisschen aber der Rest ist feinster Abenteuerkick en facon de Resi 4. Voll gut!

6. “Shadowgate”

Noch ein Spiel, das Aule nicht mochte, mir aber gefällt. Gleich vorweg: Ich habe die famose NES-Version nie gespielt – meine Erinnerungen an die ganze MacVenture-Zockage haben vor allem mit den zwei „Déjà Vu“-Spielen zu tun (denn „Uninvited“ habe ich ebenfalls nie gespielt), die ich ausgiebig mit einem Freund spielte, der einen Amiga besaß. Eigentlich war das kein Freund und ich verbrachte nur Zeit mit ihm, weil er einen Amiga hatte… I’m ruchlos that way. Diese Spiele waren wichtig für meinen Englisch-Spracherwerb! Wir spielten sie mit einer Komplettlösung und einem Wörterbuch, damit wir alles verstehen konnten. Eben diese beiden Spiele waren der Anlass meines „Shadowgate“-Kaufs, denn bei Steam wurden sie im Bundle mit dem aktuellen Remake angeboten; ich habe sie aber immer noch nicht angespielt, denn ich bin auf Shadowgate hängengeblieben.

Wieso eigentlich? Es ist ein Adventure und ich hasse üblicherweise Adventures – aber ich bin bereit, sie zu dulden, wenn sie zumindest nicht versuchen lustig zu sein und außerdem hübsch sind. Beides trifft bei „Shadowgate“ zu. Außerdem finde ich das Gerätsel soweit erstaunlich schlüssig und musste nur zwei Mal zu einer Komplettlösung greifen (die Lösung ist übrigens – wie jene von “The Evil Within” – von gamesfaqs. Es freut mich ungemein, diese Seite zu benutzen, ich liebe es, ausgedruckte Komplettlösungen unter dem Monitor liegen zu haben!). Ich will aber bald einen Run starten, der komplett lösungsbegleitet ist und bei dem ich mir die Achievements holen werde. Aber so was von!

What’s the Score?

Es gibt eine Sache, die ich an Videospielen liebe: der Highscore. Man sammelt Punkte, indem man total abstrakte Handlungen vollzieht und sich Spielregeln annähert – kein anderes Medium hat das, auch das Medium des Körpers schafft im Sport keine ähnliche Verknüpfung von Euphorie, Vergleichbarkeit und Kryptik. Highscores sind DER SHIZNIT! Der eigene Geist wird zum Laser-Torpedo und es besteht die Möglichkeit, dass das, was man macht, Außenstehenden völlig unerklärlich bleibt. Es besteht die Möglichkeit, dass man sich in gesellschaftliche Randbereiche des Spaßes begibt: Mehr Menschen nehmen Drogen als Highscores zu setzen.

Mir kommt es vor, als hätten Spiele irgendwann in den 90ern ihre Lust an Highscores verloren, vielleicht als Arcades auszusterben anfingen – und mit ihnen jener jugendliche Spielmodus, der von Freundschaft und Rivalität bestimmt ist. Wenn ich also zusammenfassen soll: Highscores sind Jugend und Enthusiasmus.

Ich habe auch ambivalente Gefühle, was Highscores angeht, denn ich bin nicht gut in jener Art von Spiel, die Highscores einfordert. Geil, nech? Schreibt seit Jahren über Spiele, beherrscht aber nicht die Kerntugend, Ka-Ching, fünf Öcken in die Gamestarkasse. Man könnte sagen, ich stehe Highscores so gegenüber wie ich als Atheist orthodoxem Glauben gegenüberstehe: Mit einer Mischung aus Faszination, Ehrfurcht und Argwohn.

Aule kann Highscores. Ich merkte das bereits, als wir gemeinsam Metal Slug spielten – ein Spiel, in dem es nicht um Scores geht, das aber durchaus jene Fähigkeiten fordert, die auch zu guten Highscores führen: Koordination, Gedächtnis, Reflexe, Entscheidungsschnelligkeit. Dieser Eindruck wurde mit einem traumatischen Erlebnis eindeutig: “Iron Fisticle”. Ich versuchte vergeblich beim Highscore-Battle zwischen Predo und Aule mitzuhalten, aber es war so, als hätte man mich ohne jede Vorbereitung in ein Eishockey-Kit gesteckt und ins Spiel geschickt. Und zwar gegen die Bruins. Es war lächerlich.

Ich weiß auch nicht, wieso ich so schlecht im Highscoren bin. Oder doch: Ich beobachte mich immerzu. Immer wenn ich “in the zone” komme, werde ich mir dessen bewusst und fürchte mich davor, “the zone” wieder verlassen zu müssen. Und das passiert dann natürlich. Und wisst ihr was? Im sportlichen Wettkampf war ich ganz und gar nicht so, da konnte ich total gut abschalten. Hrmpf.

Epilog:

Geometry Wars 3. Aule hat es nur zwei Stunden gespielt. Ich habe sein Highscore im Klassikmodus  “Evolved” um fast zwei Millionen Punkte geschlagen. DER WIRD MICH NIEMALS EINHOLEN!

Sims, Häuser

Ich habe gerne Sims gespielt und es ging mir dabei darum, Häuser zu bauen; ich hatte kein Interesse an den Leben der Sims-Familien und schickte sie arbeiten, damit ich die Häuser um ein Stockwerk erweitern konnte. Deutet das wie ihr wollt, so war es halt.

Meine Frau und ich suchen derzeit ein Haus; wir möchte ein altes kaufen und restaurieren. Diese Suche ist eine Reise in dunkle Gewässer. Es geht mitten ins Unterbewusstsein, unsere Wunschproduktion als Individuen und als Ehepaar.

Man besichtigt so ein altes Haus, meistens ist es wirklich eine verlebte Ruine mit bröckelndem Stuck an den Decken, und sieht sich um. Man denkt sich die Einrichtung der derzeit darin wohnenden Menschen weg (denn meistens richten sie sich wie Serienmörder ein, eine Familie hatte alte Puppen UND Geigen in die Sandsteinmauer genagelt) und projiziert sich in die Räume. Es ist sehr anstrengend.

Wir haben letztens ein Haus aus der Gründerzeit besichtigt, das wir auch gekauft hätten, wenn uns nicht jemand zuvorgekommen wäre; das Obergeschoß war von einer paranoiden alten Dame bewohnt worden: Die Eingangstür hatte sechs Schlösser, ich habe sie alle gezählt. Sie lebte inzwischen in einem Heim und das Haus sollte verkauft werden, damit dieser Aufenthalt weiterhin finanziert werden kann. Ihre alte Wohnung war vollgestellt mit Unrat, das passiert alten Menschen zwangsläufig, insbesondere dieser Generation, die kein Bewusstsein dafür hatte, dass der Körper gepflegt werden will; sie können sich immer schlechter Bewegen, vereinsamen und fangen an, einen Fick auf alles zu geben. Diese Frau war außerdem sehr gläubig, denn überall hingen Kreuze, Jesuse und Bilder von Pilgerstätten. Aber sie hatte auch ein Eingerahmtes Bild von Heydrich über ihrem Schreibtisch hängen. Es war das einzige Bild dieser Art und ich rätsle immer noch, wieso es da hing. Das Haus war nämlich sonst völlig frei von Bildern oder Symbolden des „Dritten Reichs“.

„Das ist doch der Heydrich!“, sagte ich zum Makler. Der wurde eisig und behauptete, er wisse nicht, wer das sei. Der Mann war uralt und ich glaube, ich habe da irgend einen Knopf gedrückt, ohne es zu wollen. Vielleicht war sein Vater ein SS-Offizier gewesen, den Rotarmisten mit einem Panzer überfahren haben, oder so. Deutschland, ey! Ich bin mir sicher, diese Anmerkung hat mich das Haus gekostet; der Sack war gekränkt und hat das Objekt an einen unserer Mitbewerber verkauft.

Zurück zu meinen Sims: Ich stellte fest, dass meine Projektionen und meine ganze Wunschproduktion beim Spielen absolut materialistisch waren. Ich spürte nie ein Kitzeln, wenn meine Sims Eltern wurden oder sich verliebten, aber es machte mich ungemein glücklich, wenn sie wohlhabend wurden. Mein Verhältnis zu meinen Freunden, hingegen, ist umgekehrt: Ich freue mich vor allem über die Kapitel ihrer Emotionen, wenn sie genesen, Eltern werden oder sich verlieben. Ihre Autos, Bausparverträge und Jobs fühle ich überhaupt nicht, ich vergleiche da auch nichts, dafür ist es zu langweilig. Bringt dies nicht Videospiele auf den Punkt? Emotionen, die nicht von Kraken oder Fischen empfunden werden können, können von Spielen nicht evoziert werden. Dieses Medium ist so klein.

Danke für meine Jugend, Terry.

:( :( :(

Gaston: Mein erstes Scheibenwelt-Buch war “MacBest”, welches ich null kapierte, da ich 15 war und noch nichts von Shakespeare gelesen hatte. Ich war aber trotzdem voll hooked.

Das zweite Buch war “Mort” und das war dann lange mein Favorit. Marc kaufte Mort nach der Schule und gab es mir dann schon an der Kasse – ich sollte es zuerst lesen. Bis heute rührt mich diese Geste sehr. Überhaupt assoziiere ich Pratchett eng mit unserer Freundschaft; wir entdeckten ihn zusammen und wechselten uns lange beim Kauf seiner Bücher ab. Schnell war unklar und unwichtig, wer welchen Band gekauft hatte und wir lasen sie alle ohnehin mehr als einmal.

“Mort” blieb mein Favorit, auch wenn die Tod-Reihe nicht meine liebste war – ich mochte sie mehr als die Hexen-Reihe (die ich bis heute null digge – bis auf “Lords and Ladies” ) und etwas weniger als die Stadtwachenromane. Meine liebsten Scheibenwelt-Bücher gehören keiner der großen Reihen. Ich liebe “Monstrous Regiment”, weil es den Ton unheimlich gut hält: Es ist dunkel, aber auch lustig und es hat trotz des Witzes eine ehrliche Dramatik. (Der Versuch des Kommentars zum scheinbaren Irrsinn ethnischer Kriege Südosteuropas lahmt an diesem vulgären Anglo-Parochialismus, aber das macht nichts).

Lieber Terry, ich habe mit dir intensiv Deutsch gelernt. In der 10. Klasse gab es eine Klassenfahrt nach Köln; dort kaufte ich mir “Men at Arms” in der englischen Ausgabe – ich wollte schauen, ob es mir gelingen würde, einen ganzen englischsprachigen Roman zu lesen. Es klappte. Ich habe Germanistik und Anglistik studiert und meine, dass du mir dabei geholfen hast. Doch, ich bin mir sogar sicher. Die didaktischen Kicks waren natürlich wesentlich (einige deiner Bilder – der Mund, der wie ein Katzenarsch aussieht oder Anführungszeichen, die ein Wort so heben wie eine Zange ein Stück Kacke – sind Teil meiner Gedanken geworden), aber die Lacher waren der Shiznit. Es ging bis zu Tränen.

Ruhe in Frieden.

 

Marc:

Siehst du, Toni, so ist das mit der Erinnerung. Sie ist wie ein Hund, der sich niederlässt, wo er will. Ich hätte schwören können, dass du mir “Mort” ausgeliehen hast, es wird dann aber doch “Alles Sense” gewesen sein, welches ich innerhalb einer Nacht las und dir am nächsten Morgen wieder zurück brachte. Meine Augen füllen sich mit Tränen, während ich daran denke, was Terry Pratchett für mich ,meine Jugend und unsere Freundschaft bedeutet hat.

Danke.

Kampfsport

Als ich zum ersten Mal ins Boxen ging, trieb ich schon seit sechs Jahren intensiv Sport; damit meine ich, dass ich an fünf bis sieben Tagen in der Woche trainierte. Heute geht das nicht mehr, insbesondere im Winter werde ich bei einem Traninigspensum jenseits von vier Wochentagen ständig krank. Ich erleide einen Infekt nach dem anderen.

Das Boxen war trotz meiner Sportlichkeit furchteinflößend. Damit meine ich nicht den Sport selbst, denn in meinem Verein trainierten viele Wettkämpfer, die leistungsstark genug waren, um Trainingseinheiten in den Olympia-Stützpunkten in Heidelberg oder Schifferstadt mitzumachen und sie waren sehr nett, ebenso die Trainer. Furchteinflößend war der konditionelle Anspruch dieses Sports, denn Boxen ist vom Wechsel der Tempi bestimmt – mal ist es so schnell und intensiv wie ein Sprint, dann wird es zum Langlauf, der auf die eben überlastete Lunge hämmert.

Mir gefielen die Räumlichkeiten, in denen das Training stattfand; der Verein mietete die Sporthalle einer Schule, die ursprünglich ein Knabeninternat gewesen war. Der Raum war im dritten Stockwerk, unter dem Dach. Die Decke wurde von verzierten, gebogenen Holzgiebeln gestützt und die Schwebebalken unter dem Hallenboden wippten und vibrierten mit unseren Schritten. Die Trainer hetzten uns bei Treppensprints die Stockwerke ab und auf. Schneller, schneller! Sie beschimpften uns dabei auch spielerisch, so wie das im Boxen der Brauch ist: Schneller, du hässliches Arschgesicht. Schau mich nicht so böse an, sonst brech‘ ich dir die Nase. Du bist so hässlich. Du bist ein Alptraum. Im Ring rennen sie vor dir fort, weil du so hässlich bist, nicht weil du gut schlagen kannst.

Du. Bist. So. Hässlich.

Ich wurde in meiner ersten Woche von der damaligen deutschen Meisterin im Schwergewicht verdroschen. Ich wurde von einem fiesen Ex-Knacki ausgeknockt; er traf mich am Kinn und ich fiel wie ein Baum nach hinten, in die Arme meines Trainers. Der fragte mich danach: Wie geht es dir? Ich sagte: Ich schäme mich irgendwie. Darüber lachte er. Wer boxt wird umgehauen. Da brauchst du dich nicht zu schämen.

Es gab einen Typ, der meine Nemesis war. Ich hatte riesige Angst vor ihm im Sparring, weil er mir nicht lag. Ein anderer Typ hasste mich und ich hasste ihn auch; er hatte einen witzigen Namen: Enoch. Wir lieferten uns hitzige Schlägereien, die alle amüsierten. Einmal kam er ins Training und sagte mir, ich sei heute fällig. Da hatte ich irgendwie Schiss, denn er sagte es mit einer Bestimmtheit, die ich ihm abnahm. Mein Trainer sagte mir, ich müsste mich nun stellen, ich müsste ihm sein Maul stopfen. Mein Trainer mochte Enoch nämlich auch nicht sonderlich. Also ging ich in den Ring, obwohl ich ein ungutes Gefühl hatte; heute bin ich sehr froh, dass ich dies tat, denn ich prügelte drei Runden lang die Rotze aus Enochs Schädel. Bereits in der ersten Runde erwischte ich ihn mit einem Haken, der nicht besonders stark war, dafür klatschte mein Handschuh auf Enochs Wange so laut, dass sich unsere Sportsfreunde um den Ring versammelten, um uns zuzuschauen. Irgendein Schalter legte sich in meinem Hinterkopf um und ich boxte weiter ohne nachzudenken – so wie man es eigentlich tun soll. Ich schlug Enoch eine Kontaktlinse aus dem Auge und tat so, als hätte ich das nicht gemerkt und schlug immer weiter auf ihn ein. In der zweiten Runde drückte ich ihn durch die Seile und er stürzte zu Boden; das ganze wurde mit jeder Sekunde roher, unsportlicher und spaßiger. Nach der dritten Runde trat er einen Springbock um und ging wütend heim, er hatte das mit der Scham nicht kapiert.

***

Es ist fies, in einer Gesellschaft aufzuwachsen, die Maskulinität glorifiziert; ich war nie besonders maskulin, daher die Scham. Kampfsport war mein Weg, sie zu überwinden.

Lange begriff ich nicht, was ich da eigentlich mache. Wieso begab ich mich in die Nähe dieser vielen Menschen, die mir überhaupt nicht ähneln? Ich sparrte mit Mitgliedern infamer Biker-Gangs. Ich sparrte einem Neo-Nazi, der damit prahlte, dass er bei One-Night-Stands auf Mallorca ungefragt einen Labello-Stift in den Anus des jeweiligen Mädchens einzuführen pflegte – „aus Spaß“. Ich sparrte mit einem Hool, der mir in einer Runde zwei Kopfstöße verpasste; der zweite spaltete meine Oberlippe entzwei und ich habe heute eine kleine Narbe an dieser Stelle. Ich sparrte mit Türstehern, die in Tiefgaragen von Fitnessstudios Steroide verkauften, mich erkannten, wenn ich an ihnen vorbeilief und mir zuzwinkerten. Ich sparrte mit einem Kung-Fu-Trainer, der seine „Technik testen“ wollte und schlug ihn drei Mal in einer Runde nieder; ich schlug ihn mit Wut und Intensität, weil ich ihn, seine ekelhafte Fernost-Romantik und seine beschissene Kung-Fu-Hose verachtete.

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Ich fing mit Kampfsport an, weil ich in mir einen angeketteten Kampfhund imaginierte, der irgendwie befreit werden musste. Dabei war es die ganze Zeit über gar kein Kampfhund, sondern einer dieser Windhunde, die den ganzen Tag schlafen wollen. Dies wurde mir klar, als mich Verletzungen zwangen, Kampfsport aufzugeben und mich neu zu orientieren; ich war überzeugt, dass mein Restleben von der Sehnsucht nach Sparring und Männlichkeit bestimmt sein würde – doch diese Sehnsucht kam nie. Vielmehr stellte ich fest, dass ich unheimlich gerne alleine bin, wenn ich Sport mache. Der Ausdauersport erfüllt mich mit Frieden und Frieden war mir zuvor völlig fremd. Hört sich voll melo an, ist aber wahr, isch schwör!

Der fuchsteufelswilde alte Toni, der drei Mal wöchentlich andere Blogs beleidigte und ihnen allen, ALLEN, den Tod wünschte? Dieser Toni trieb Kampfsport.

Dieser neue Toni, der voll lässig ist und Techno hört? Der fährt 100 Kilometer mit dem Rennrad, pausiert an Quellen, isst dabei Feigen und erfreut sich zugleich am Anblick eines Fuchses, der in der sumpfigen Senke gegenüber im Schilf Frösche jagt, sein weißer Bauch ganz nass und schmutzig vor Schlamm, der Blick so keck wie man das von Füchsen kennt. Voll cool!

***

Und trotzdem war mir Kampfsport wichtig; jede Sekunde hat mich verändert. Bevor ich zu boxen anfing, hatte ich wiederkehrende Alpträme: Ich träumte vom Krieg oder vom Tod im Familienkreis. Ich fand ungelogen, dass ich den verschiedenen Schrecken meiner Vergangenheit nicht gewachsen war – geschweige denn jenen, die bestimmt noch auf mich warteten. Ich war neurasthenisch. Ich hatte Probleme mit Herkunft, Probleme mit Transgressionen, Probleme mit Identität, Probleme mit Akne, Probleme mit Plautze. Ich hatte 99 Probleme und Chicks waren Nummer Eins.

Scheiße, ich hörte Pop-Musik HEIMLICH! Boxen beendete das alles. Ich habe da keine einfache Antwort für euch; es war irgendwie grotesk, es war absolut notwendig. Es machte mich zur Karikatur, es machte mich hübsch.

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Ihr könnt euch sicherlich vorstellen, dass meine Gefühle für Beat em Ups ambivalent sind: Einerseits liebe ich die popkulturelle Verwertung dieser Idee des Kampfsports. Ich liebe die Musik dazu (insbesondere die ganzen SNK-Grooves, die Street Fighter-Tunes fand ich schon immer ultramegalahm turbo) und das Feeling – sie erinnern mich an jene Fantasien, die ich als verunsicherter Heranwachsender hatte. Träume dieser Art sind definitiv wichtig und cool.

Andererseits empfinde ich einen gewissen Argwohn bei der Erkenntnis, dass Beat em Ups mein intimstes Erlebnis nehmen und es mit Feuerbällen und idiotischen ZOSCH-Sounds füllen. Da erscheinen mir Beat em Ups kaum von Sex-Simulationen unterscheidbar. Denkt an die scheußliche Sex-Szene aus dem dümmsten aller Spiele, Fahrenheit – so etwa.

Move Your Body

Ich bin gut darin, Musik mit Verspätung abzuholen; dabei ist das Ausmaß wesentlich. Es gibt Bereiche der Verspätung, die nicht mehr sentimental sind, sondern einfach nur uncool. Zum Beispiel: Ich habe 1995 jeden Tag „She Sells Sanctuary“ von „The Cult“ gehört (welches ursprünglich 1985 erschien) und das war extrem schlechtes Timing, dachte ich. So ein Jahrzehnt sorgt dafür, dass die Musik gerade angegangen genug klingt, um uncool zu sein. Aber da ich lange gute Musik heimlich und schlechte Musik öffentlich hörte, war mir das letztlich egal.

2015 habe ich Techno entdeckt und bin inzwischen voll so „ich habe ohnehin nichts mehr zu verlieren“-mäßig druff, jawohl! Aber immerhin gibt die Verspätung wieder Sentimentalität her.

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Ich habe also Techno entdeckt und empfinde diese Reue: Wieso nicht früher? Darüber habe ich ehrlich gerätselt und dann wurde mir klar, dass mir Techno in den 90ern popkulturell verkapselt erschien. Ich dachte damals, dies sein ein Paralleluniversum, das keine Berührungen mit mir hatte, weil es – Achtung jetzt! – nicht in meinen Comics vorkam.

Ich bin ja auch sprachlos, ist ja gut!

Es ist erstaunlich wie sehr man sich in fehlgeleiteten Soziogrammen verlieren kann, wenn man ein pubertierender Loser ist (wie isch). Ich dachte so was wie: „Wowie-Zowie, ich mag Comics, Chicks mögen keine Comics, ich mag Chicks, Chicks mögen mich nicht.“

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Ich habe ja bereits berichtet, dass mein Hören von Hardcore und Heavy Metal ein Freundschaftsdienst war, den ich leistete, um in der Nähe von Menschen zu bleiben, die mich mochten; sie verlangten es nicht von mir und wären bestimmt meine Freunde geblieben, wenn ich mich geoutet hätte: „Ich liebe Tina Turner viel mehr als Mainstrike!“ (“You won’t see me ashamed”, LOOOOOOOOOOOOL!)

Aber gut. Ich war jung und leicht zu verunsichern. Ich hätte nie sagen können, dass ich eher so Baby-Baby-Halbstark bin als alles andere.

Ein beträchtlicher Teil meines heutigen Freundeskreises hat hingegen viel Jugend mit Techno verbracht und ich habe sie alle über die Musik ausgefragt und darüber, wieso unter YT-Videos alter Techno-Tunes mehr Nostalgie stattfindet als in allen anderen Musikgenres.

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Es war halt eine Bombenzeit, meinen sie alle.

„Hedonismus ist das Stichwort. Jung und druff zu sein, das fühlt sich nach Unsterblichkeit an!“, erklärte Hanny, ein Freund von mir, mit dem ich viel flaniere.

„Und dann wird man alt und fett und fühlt sich sterblicher denn je?“, verfolge ich den Gedanken küchenpsychologisch weiter.

„Weiß nicht. Vielleicht vermisst man einfach das Tanzen?“

Ah ja? Vielleicht vermisst man auch schlicht und einfach diese Techno-Mieze vom MTV? Ich war ja voll verliebt in die!

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Ich habe mehr an Erklärungsmodell von Hanny erwartet, schließlich ist er Psychologe! Er arbeitet mit Jugendlichen und einmal begegneten wir einer seiner Patientinnen in einem Kaufhaus – ihre Ernährungsstörung war offenkundig, das Mädchen sah skelettiert aus.

„Freigang mit Eltern“, erklärte Hanny und verdarb mir dann den Tag mit einem Vortrag über Anorexie, die im Spätstadium einen flaumigen Pelz auf den Leibern der leidenden Kinder und Jugendlichen wachsen lässt, da der Körper aus irgend einem Atavismus heraus so versucht, sich zu wärmen. Er verfügt ja nicht mehr über einen Fettanteil, den er dazu heranziehen könnte. Und Hanny ist außerdem skeptisch, was Heilungschancen betrifft: Bei meisten Patienten gehe es darum, Möglichkeiten zu schaffen mit der Erkrankung zu leben.

Was für ein Alptraum.

***

Das Verhältnis von Körperlichkeit und Jugend finde ich überfordernd aber auch faszinierend; meine eigenen Erinnerungen und Gespräche mit meinen Schülern lassen bei mir den Eindruck entstehen, als habe ein junger Mensch das Gefühl, seinen Körper irgendwie beherrschen zu müssen, was sich schnell wie ein Versuch anfühlt, einen Marathon mit einer schläfrigen Königsboa in den Händen zu laufen. Besser kann ich das nicht beschreiben. Meine Beherrschungsversuche dauerten 16 Jahre bis der Körper ernsthaften Schaden davon getragen hatte. Er war zu lange Opfer meiner Projektionen gewesen.

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Sagt euch Bushwick Bill was? Er ist in der Mitte dieses Bildes:

geto boys

Bushwick Bill war einer der drei „Geto Boys“, einer dieser begnadeten, zugleich psychotischen Menschen, die in den 80ern rappten. Das Foto entstand nach seinem Selbstmordversuch: Bill versuchte eine Freundin zu zwingen, ihn zu erschießen, indem er unter anderem ihr Kind ergriff und drohte, es aus dem Fenster zu werfen, wenn sie seinem Wunsch nicht Folge leistet. Die Situation eskalierte zu einem Handgemenge, ein Schuss löste sich dabei und traf Bill ins Auge; seine Band-Freunde dachten, es wäre eine gute Idee, dies zu verewigen und das Foto zum nächsten Album-Cover zu machen. Er hat ein (fantastisches) Lied darüber gemacht, „Ever So Clear“, bei dem er zu erklären versucht wie es zu dieser Situation kommen konnte. Dabei weiß er, dass sein Verhalten unentschuldbar ist und rechtfertigt es nicht; aber er eröffnet den Erklärungsversuch mit der Beschreibung einer Kindheit in der Armut als kleinwüchsiger Mensch.

Es wird für mich nie ein besseres Lied über den Schrecken unserer Gefangenschaft in einem Körper geben als „Ever So Clear“.

***

Ich habe also Hanny gefragt:

„Ok, hat die Techno-Nostalgie vielleicht was mit der Versöhnung von Gedanken und Körper zu tun?“

„Wie meinst du das?“

„Ich stelle es mir so vor: Man ist voll druff und tanzt wie der Derwisch und Körper und Gedanken hören endlich auf, sich gegenseitig so paranoisch zu belauern.“

Er dachte darüber nach:

„Hm. Hm. Hm-hm-hm. Nein.“

„Wieso?“

„Naja, da waren schon damals so Typen auf der Tanzfläche, mit Sixpack und Bodybuilder-Pecs und so. Da hast du dich schon schäbig gefühlt, wenn du (wie isch) ein Moppel vom Dorf warst.“

Na super.