What’s the Score?

Es gibt eine Sache, die ich an Videospielen liebe: der Highscore. Man sammelt Punkte, indem man total abstrakte Handlungen vollzieht und sich Spielregeln annähert – kein anderes Medium hat das, auch das Medium des Körpers schafft im Sport keine ähnliche Verknüpfung von Euphorie, Vergleichbarkeit und Kryptik. Highscores sind DER SHIZNIT! Der eigene Geist wird zum Laser-Torpedo und es besteht die Möglichkeit, dass das, was man macht, Außenstehenden völlig unerklärlich bleibt. Es besteht die Möglichkeit, dass man sich in gesellschaftliche Randbereiche des Spaßes begibt: Mehr Menschen nehmen Drogen als Highscores zu setzen.

Mir kommt es vor, als hätten Spiele irgendwann in den 90ern ihre Lust an Highscores verloren, vielleicht als Arcades auszusterben anfingen – und mit ihnen jener jugendliche Spielmodus, der von Freundschaft und Rivalität bestimmt ist. Wenn ich also zusammenfassen soll: Highscores sind Jugend und Enthusiasmus.

Ich habe auch ambivalente Gefühle, was Highscores angeht, denn ich bin nicht gut in jener Art von Spiel, die Highscores einfordert. Geil, nech? Schreibt seit Jahren über Spiele, beherrscht aber nicht die Kerntugend, Ka-Ching, fünf Öcken in die Gamestarkasse. Man könnte sagen, ich stehe Highscores so gegenüber wie ich als Atheist orthodoxem Glauben gegenüberstehe: Mit einer Mischung aus Faszination, Ehrfurcht und Argwohn.

Aule kann Highscores. Ich merkte das bereits, als wir gemeinsam Metal Slug spielten – ein Spiel, in dem es nicht um Scores geht, das aber durchaus jene Fähigkeiten fordert, die auch zu guten Highscores führen: Koordination, Gedächtnis, Reflexe, Entscheidungsschnelligkeit. Dieser Eindruck wurde mit einem traumatischen Erlebnis eindeutig: “Iron Fisticle”. Ich versuchte vergeblich beim Highscore-Battle zwischen Predo und Aule mitzuhalten, aber es war so, als hätte man mich ohne jede Vorbereitung in ein Eishockey-Kit gesteckt und ins Spiel geschickt. Und zwar gegen die Bruins. Es war lächerlich.

Ich weiß auch nicht, wieso ich so schlecht im Highscoren bin. Oder doch: Ich beobachte mich immerzu. Immer wenn ich “in the zone” komme, werde ich mir dessen bewusst und fürchte mich davor, “the zone” wieder verlassen zu müssen. Und das passiert dann natürlich. Und wisst ihr was? Im sportlichen Wettkampf war ich ganz und gar nicht so, da konnte ich total gut abschalten. Hrmpf.

Epilog:

Geometry Wars 3. Aule hat es nur zwei Stunden gespielt. Ich habe sein Highscore im Klassikmodus  “Evolved” um fast zwei Millionen Punkte geschlagen. DER WIRD MICH NIEMALS EINHOLEN!

Sims, Häuser

Ich habe gerne Sims gespielt und es ging mir dabei darum, Häuser zu bauen; ich hatte kein Interesse an den Leben der Sims-Familien und schickte sie arbeiten, damit ich die Häuser um ein Stockwerk erweitern konnte. Deutet das wie ihr wollt, so war es halt.

Meine Frau und ich suchen derzeit ein Haus; wir möchte ein altes kaufen und restaurieren. Diese Suche ist eine Reise in dunkle Gewässer. Es geht mitten ins Unterbewusstsein, unsere Wunschproduktion als Individuen und als Ehepaar.

Man besichtigt so ein altes Haus, meistens ist es wirklich eine verlebte Ruine mit bröckelndem Stuck an den Decken, und sieht sich um. Man denkt sich die Einrichtung der derzeit darin wohnenden Menschen weg (denn meistens richten sie sich wie Serienmörder ein, eine Familie hatte alte Puppen UND Geigen in die Sandsteinmauer genagelt) und projiziert sich in die Räume. Es ist sehr anstrengend.

Wir haben letztens ein Haus aus der Gründerzeit besichtigt, das wir auch gekauft hätten, wenn uns nicht jemand zuvorgekommen wäre; das Obergeschoß war von einer paranoiden alten Dame bewohnt worden: Die Eingangstür hatte sechs Schlösser, ich habe sie alle gezählt. Sie lebte inzwischen in einem Heim und das Haus sollte verkauft werden, damit dieser Aufenthalt weiterhin finanziert werden kann. Ihre alte Wohnung war vollgestellt mit Unrat, das passiert alten Menschen zwangsläufig, insbesondere dieser Generation, die kein Bewusstsein dafür hatte, dass der Körper gepflegt werden will; sie können sich immer schlechter Bewegen, vereinsamen und fangen an, einen Fick auf alles zu geben. Diese Frau war außerdem sehr gläubig, denn überall hingen Kreuze, Jesuse und Bilder von Pilgerstätten. Aber sie hatte auch ein Eingerahmtes Bild von Heydrich über ihrem Schreibtisch hängen. Es war das einzige Bild dieser Art und ich rätsle immer noch, wieso es da hing. Das Haus war nämlich sonst völlig frei von Bildern oder Symbolden des „Dritten Reichs“.

„Das ist doch der Heydrich!“, sagte ich zum Makler. Der wurde eisig und behauptete, er wisse nicht, wer das sei. Der Mann war uralt und ich glaube, ich habe da irgend einen Knopf gedrückt, ohne es zu wollen. Vielleicht war sein Vater ein SS-Offizier gewesen, den Rotarmisten mit einem Panzer überfahren haben, oder so. Deutschland, ey! Ich bin mir sicher, diese Anmerkung hat mich das Haus gekostet; der Sack war gekränkt und hat das Objekt an einen unserer Mitbewerber verkauft.

Zurück zu meinen Sims: Ich stellte fest, dass meine Projektionen und meine ganze Wunschproduktion beim Spielen absolut materialistisch waren. Ich spürte nie ein Kitzeln, wenn meine Sims Eltern wurden oder sich verliebten, aber es machte mich ungemein glücklich, wenn sie wohlhabend wurden. Mein Verhältnis zu meinen Freunden, hingegen, ist umgekehrt: Ich freue mich vor allem über die Kapitel ihrer Emotionen, wenn sie genesen, Eltern werden oder sich verlieben. Ihre Autos, Bausparverträge und Jobs fühle ich überhaupt nicht, ich vergleiche da auch nichts, dafür ist es zu langweilig. Bringt dies nicht Videospiele auf den Punkt? Emotionen, die nicht von Kraken oder Fischen empfunden werden können, können von Spielen nicht evoziert werden. Dieses Medium ist so klein.

Danke für meine Jugend, Terry.

:( :( :(

Gaston: Mein erstes Scheibenwelt-Buch war “MacBest”, welches ich null kapierte, da ich 15 war und noch nichts von Shakespeare gelesen hatte. Ich war aber trotzdem voll hooked.

Das zweite Buch war “Mort” und das war dann lange mein Favorit. Marc kaufte Mort nach der Schule und gab es mir dann schon an der Kasse – ich sollte es zuerst lesen. Bis heute rührt mich diese Geste sehr. Überhaupt assoziiere ich Pratchett eng mit unserer Freundschaft; wir entdeckten ihn zusammen und wechselten uns lange beim Kauf seiner Bücher ab. Schnell war unklar und unwichtig, wer welchen Band gekauft hatte und wir lasen sie alle ohnehin mehr als einmal.

“Mort” blieb mein Favorit, auch wenn die Tod-Reihe nicht meine liebste war – ich mochte sie mehr als die Hexen-Reihe (die ich bis heute null digge – bis auf “Lords and Ladies” ) und etwas weniger als die Stadtwachenromane. Meine liebsten Scheibenwelt-Bücher gehören keiner der großen Reihen. Ich liebe “Monstrous Regiment”, weil es den Ton unheimlich gut hält: Es ist dunkel, aber auch lustig und es hat trotz des Witzes eine ehrliche Dramatik. (Der Versuch des Kommentars zum scheinbaren Irrsinn ethnischer Kriege Südosteuropas lahmt an diesem vulgären Anglo-Parochialismus, aber das macht nichts).

Lieber Terry, ich habe mit dir intensiv Deutsch gelernt. In der 10. Klasse gab es eine Klassenfahrt nach Köln; dort kaufte ich mir “Men at Arms” in der englischen Ausgabe – ich wollte schauen, ob es mir gelingen würde, einen ganzen englischsprachigen Roman zu lesen. Es klappte. Ich habe Germanistik und Anglistik studiert und meine, dass du mir dabei geholfen hast. Doch, ich bin mir sogar sicher. Die didaktischen Kicks waren natürlich wesentlich (einige deiner Bilder – der Mund, der wie ein Katzenarsch aussieht oder Anführungszeichen, die ein Wort so heben wie eine Zange ein Stück Kacke – sind Teil meiner Gedanken geworden), aber die Lacher waren der Shiznit. Es ging bis zu Tränen.

Ruhe in Frieden.

 

Marc:

Siehst du, Toni, so ist das mit der Erinnerung. Sie ist wie ein Hund, der sich niederlässt, wo er will. Ich hätte schwören können, dass du mir “Mort” ausgeliehen hast, es wird dann aber doch “Alles Sense” gewesen sein, welches ich innerhalb einer Nacht las und dir am nächsten Morgen wieder zurück brachte. Meine Augen füllen sich mit Tränen, während ich daran denke, was Terry Pratchett für mich ,meine Jugend und unsere Freundschaft bedeutet hat.

Danke.

Kampfsport

Als ich zum ersten Mal ins Boxen ging, trieb ich schon seit sechs Jahren intensiv Sport; damit meine ich, dass ich an fünf bis sieben Tagen in der Woche trainierte. Heute geht das nicht mehr, insbesondere im Winter werde ich bei einem Traninigspensum jenseits von vier Wochentagen ständig krank. Ich erleide einen Infekt nach dem anderen.

Das Boxen war trotz meiner Sportlichkeit furchteinflößend. Damit meine ich nicht den Sport selbst, denn in meinem Verein trainierten viele Wettkämpfer, die leistungsstark genug waren, um Trainingseinheiten in den Olympia-Stützpunkten in Heidelberg oder Schifferstadt mitzumachen und sie waren sehr nett, ebenso die Trainer. Furchteinflößend war der konditionelle Anspruch dieses Sports, denn Boxen ist vom Wechsel der Tempi bestimmt – mal ist es so schnell und intensiv wie ein Sprint, dann wird es zum Langlauf, der auf die eben überlastete Lunge hämmert.

Mir gefielen die Räumlichkeiten, in denen das Training stattfand; der Verein mietete die Sporthalle einer Schule, die ursprünglich ein Knabeninternat gewesen war. Der Raum war im dritten Stockwerk, unter dem Dach. Die Decke wurde von verzierten, gebogenen Holzgiebeln gestützt und die Schwebebalken unter dem Hallenboden wippten und vibrierten mit unseren Schritten. Die Trainer hetzten uns bei Treppensprints die Stockwerke ab und auf. Schneller, schneller! Sie beschimpften uns dabei auch spielerisch, so wie das im Boxen der Brauch ist: Schneller, du hässliches Arschgesicht. Schau mich nicht so böse an, sonst brech‘ ich dir die Nase. Du bist so hässlich. Du bist ein Alptraum. Im Ring rennen sie vor dir fort, weil du so hässlich bist, nicht weil du gut schlagen kannst.

Du. Bist. So. Hässlich.

Ich wurde in meiner ersten Woche von der damaligen deutschen Meisterin im Schwergewicht verdroschen. Ich wurde von einem fiesen Ex-Knacki ausgeknockt; er traf mich am Kinn und ich fiel wie ein Baum nach hinten, in die Arme meines Trainers. Der fragte mich danach: Wie geht es dir? Ich sagte: Ich schäme mich irgendwie. Darüber lachte er. Wer boxt wird umgehauen. Da brauchst du dich nicht zu schämen.

Es gab einen Typ, der meine Nemesis war. Ich hatte riesige Angst vor ihm im Sparring, weil er mir nicht lag. Ein anderer Typ hasste mich und ich hasste ihn auch; er hatte einen witzigen Namen: Enoch. Wir lieferten uns hitzige Schlägereien, die alle amüsierten. Einmal kam er ins Training und sagte mir, ich sei heute fällig. Da hatte ich irgendwie Schiss, denn er sagte es mit einer Bestimmtheit, die ich ihm abnahm. Mein Trainer sagte mir, ich müsste mich nun stellen, ich müsste ihm sein Maul stopfen. Mein Trainer mochte Enoch nämlich auch nicht sonderlich. Also ging ich in den Ring, obwohl ich ein ungutes Gefühl hatte; heute bin ich sehr froh, dass ich dies tat, denn ich prügelte drei Runden lang die Rotze aus Enochs Schädel. Bereits in der ersten Runde erwischte ich ihn mit einem Haken, der nicht besonders stark war, dafür klatschte mein Handschuh auf Enochs Wange so laut, dass sich unsere Sportsfreunde um den Ring versammelten, um uns zuzuschauen. Irgendein Schalter legte sich in meinem Hinterkopf um und ich boxte weiter ohne nachzudenken – so wie man es eigentlich tun soll. Ich schlug Enoch eine Kontaktlinse aus dem Auge und tat so, als hätte ich das nicht gemerkt und schlug immer weiter auf ihn ein. In der zweiten Runde drückte ich ihn durch die Seile und er stürzte zu Boden; das ganze wurde mit jeder Sekunde roher, unsportlicher und spaßiger. Nach der dritten Runde trat er einen Springbock um und ging wütend heim, er hatte das mit der Scham nicht kapiert.

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Es ist fies, in einer Gesellschaft aufzuwachsen, die Maskulinität glorifiziert; ich war nie besonders maskulin, daher die Scham. Kampfsport war mein Weg, sie zu überwinden.

Lange begriff ich nicht, was ich da eigentlich mache. Wieso begab ich mich in die Nähe dieser vielen Menschen, die mir überhaupt nicht ähneln? Ich sparrte mit Mitgliedern infamer Biker-Gangs. Ich sparrte einem Neo-Nazi, der damit prahlte, dass er bei One-Night-Stands auf Mallorca ungefragt einen Labello-Stift in den Anus des jeweiligen Mädchens einzuführen pflegte – „aus Spaß“. Ich sparrte mit einem Hool, der mir in einer Runde zwei Kopfstöße verpasste; der zweite spaltete meine Oberlippe entzwei und ich habe heute eine kleine Narbe an dieser Stelle. Ich sparrte mit Türstehern, die in Tiefgaragen von Fitnessstudios Steroide verkauften, mich erkannten, wenn ich an ihnen vorbeilief und mir zuzwinkerten. Ich sparrte mit einem Kung-Fu-Trainer, der seine „Technik testen“ wollte und schlug ihn drei Mal in einer Runde nieder; ich schlug ihn mit Wut und Intensität, weil ich ihn, seine ekelhafte Fernost-Romantik und seine beschissene Kung-Fu-Hose verachtete.

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Ich fing mit Kampfsport an, weil ich in mir einen angeketteten Kampfhund imaginierte, der irgendwie befreit werden musste. Dabei war es die ganze Zeit über gar kein Kampfhund, sondern einer dieser Windhunde, die den ganzen Tag schlafen wollen. Dies wurde mir klar, als mich Verletzungen zwangen, Kampfsport aufzugeben und mich neu zu orientieren; ich war überzeugt, dass mein Restleben von der Sehnsucht nach Sparring und Männlichkeit bestimmt sein würde – doch diese Sehnsucht kam nie. Vielmehr stellte ich fest, dass ich unheimlich gerne alleine bin, wenn ich Sport mache. Der Ausdauersport erfüllt mich mit Frieden und Frieden war mir zuvor völlig fremd. Hört sich voll melo an, ist aber wahr, isch schwör!

Der fuchsteufelswilde alte Toni, der drei Mal wöchentlich andere Blogs beleidigte und ihnen allen, ALLEN, den Tod wünschte? Dieser Toni trieb Kampfsport.

Dieser neue Toni, der voll lässig ist und Techno hört? Der fährt 100 Kilometer mit dem Rennrad, pausiert an Quellen, isst dabei Feigen und erfreut sich zugleich am Anblick eines Fuchses, der in der sumpfigen Senke gegenüber im Schilf Frösche jagt, sein weißer Bauch ganz nass und schmutzig vor Schlamm, der Blick so keck wie man das von Füchsen kennt. Voll cool!

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Und trotzdem war mir Kampfsport wichtig; jede Sekunde hat mich verändert. Bevor ich zu boxen anfing, hatte ich wiederkehrende Alpträme: Ich träumte vom Krieg oder vom Tod im Familienkreis. Ich fand ungelogen, dass ich den verschiedenen Schrecken meiner Vergangenheit nicht gewachsen war – geschweige denn jenen, die bestimmt noch auf mich warteten. Ich war neurasthenisch. Ich hatte Probleme mit Herkunft, Probleme mit Transgressionen, Probleme mit Identität, Probleme mit Akne, Probleme mit Plautze. Ich hatte 99 Probleme und Chicks waren Nummer Eins.

Scheiße, ich hörte Pop-Musik HEIMLICH! Boxen beendete das alles. Ich habe da keine einfache Antwort für euch; es war irgendwie grotesk, es war absolut notwendig. Es machte mich zur Karikatur, es machte mich hübsch.

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Ihr könnt euch sicherlich vorstellen, dass meine Gefühle für Beat em Ups ambivalent sind: Einerseits liebe ich die popkulturelle Verwertung dieser Idee des Kampfsports. Ich liebe die Musik dazu (insbesondere die ganzen SNK-Grooves, die Street Fighter-Tunes fand ich schon immer ultramegalahm turbo) und das Feeling – sie erinnern mich an jene Fantasien, die ich als verunsicherter Heranwachsender hatte. Träume dieser Art sind definitiv wichtig und cool.

Andererseits empfinde ich einen gewissen Argwohn bei der Erkenntnis, dass Beat em Ups mein intimstes Erlebnis nehmen und es mit Feuerbällen und idiotischen ZOSCH-Sounds füllen. Da erscheinen mir Beat em Ups kaum von Sex-Simulationen unterscheidbar. Denkt an die scheußliche Sex-Szene aus dem dümmsten aller Spiele, Fahrenheit – so etwa.

Move Your Body

Ich bin gut darin, Musik mit Verspätung abzuholen; dabei ist das Ausmaß wesentlich. Es gibt Bereiche der Verspätung, die nicht mehr sentimental sind, sondern einfach nur uncool. Zum Beispiel: Ich habe 1995 jeden Tag „She Sells Sanctuary“ von „The Cult“ gehört (welches ursprünglich 1985 erschien) und das war extrem schlechtes Timing, dachte ich. So ein Jahrzehnt sorgt dafür, dass die Musik gerade angegangen genug klingt, um uncool zu sein. Aber da ich lange gute Musik heimlich und schlechte Musik öffentlich hörte, war mir das letztlich egal.

2015 habe ich Techno entdeckt und bin inzwischen voll so „ich habe ohnehin nichts mehr zu verlieren“-mäßig druff, jawohl! Aber immerhin gibt die Verspätung wieder Sentimentalität her.

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Ich habe also Techno entdeckt und empfinde diese Reue: Wieso nicht früher? Darüber habe ich ehrlich gerätselt und dann wurde mir klar, dass mir Techno in den 90ern popkulturell verkapselt erschien. Ich dachte damals, dies sein ein Paralleluniversum, das keine Berührungen mit mir hatte, weil es – Achtung jetzt! – nicht in meinen Comics vorkam.

Ich bin ja auch sprachlos, ist ja gut!

Es ist erstaunlich wie sehr man sich in fehlgeleiteten Soziogrammen verlieren kann, wenn man ein pubertierender Loser ist (wie isch). Ich dachte so was wie: „Wowie-Zowie, ich mag Comics, Chicks mögen keine Comics, ich mag Chicks, Chicks mögen mich nicht.“

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Ich habe ja bereits berichtet, dass mein Hören von Hardcore und Heavy Metal ein Freundschaftsdienst war, den ich leistete, um in der Nähe von Menschen zu bleiben, die mich mochten; sie verlangten es nicht von mir und wären bestimmt meine Freunde geblieben, wenn ich mich geoutet hätte: „Ich liebe Tina Turner viel mehr als Mainstrike!“ (“You won’t see me ashamed”, LOOOOOOOOOOOOL!)

Aber gut. Ich war jung und leicht zu verunsichern. Ich hätte nie sagen können, dass ich eher so Baby-Baby-Halbstark bin als alles andere.

Ein beträchtlicher Teil meines heutigen Freundeskreises hat hingegen viel Jugend mit Techno verbracht und ich habe sie alle über die Musik ausgefragt und darüber, wieso unter YT-Videos alter Techno-Tunes mehr Nostalgie stattfindet als in allen anderen Musikgenres.

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Es war halt eine Bombenzeit, meinen sie alle.

„Hedonismus ist das Stichwort. Jung und druff zu sein, das fühlt sich nach Unsterblichkeit an!“, erklärte Hanny, ein Freund von mir, mit dem ich viel flaniere.

„Und dann wird man alt und fett und fühlt sich sterblicher denn je?“, verfolge ich den Gedanken küchenpsychologisch weiter.

„Weiß nicht. Vielleicht vermisst man einfach das Tanzen?“

Ah ja? Vielleicht vermisst man auch schlicht und einfach diese Techno-Mieze vom MTV? Ich war ja voll verliebt in die!

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Ich habe mehr an Erklärungsmodell von Hanny erwartet, schließlich ist er Psychologe! Er arbeitet mit Jugendlichen und einmal begegneten wir einer seiner Patientinnen in einem Kaufhaus – ihre Ernährungsstörung war offenkundig, das Mädchen sah skelettiert aus.

„Freigang mit Eltern“, erklärte Hanny und verdarb mir dann den Tag mit einem Vortrag über Anorexie, die im Spätstadium einen flaumigen Pelz auf den Leibern der leidenden Kinder und Jugendlichen wachsen lässt, da der Körper aus irgend einem Atavismus heraus so versucht, sich zu wärmen. Er verfügt ja nicht mehr über einen Fettanteil, den er dazu heranziehen könnte. Und Hanny ist außerdem skeptisch, was Heilungschancen betrifft: Bei meisten Patienten gehe es darum, Möglichkeiten zu schaffen mit der Erkrankung zu leben.

Was für ein Alptraum.

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Das Verhältnis von Körperlichkeit und Jugend finde ich überfordernd aber auch faszinierend; meine eigenen Erinnerungen und Gespräche mit meinen Schülern lassen bei mir den Eindruck entstehen, als habe ein junger Mensch das Gefühl, seinen Körper irgendwie beherrschen zu müssen, was sich schnell wie ein Versuch anfühlt, einen Marathon mit einer schläfrigen Königsboa in den Händen zu laufen. Besser kann ich das nicht beschreiben. Meine Beherrschungsversuche dauerten 16 Jahre bis der Körper ernsthaften Schaden davon getragen hatte. Er war zu lange Opfer meiner Projektionen gewesen.

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Sagt euch Bushwick Bill was? Er ist in der Mitte dieses Bildes:

geto boys

Bushwick Bill war einer der drei „Geto Boys“, einer dieser begnadeten, zugleich psychotischen Menschen, die in den 80ern rappten. Das Foto entstand nach seinem Selbstmordversuch: Bill versuchte eine Freundin zu zwingen, ihn zu erschießen, indem er unter anderem ihr Kind ergriff und drohte, es aus dem Fenster zu werfen, wenn sie seinem Wunsch nicht Folge leistet. Die Situation eskalierte zu einem Handgemenge, ein Schuss löste sich dabei und traf Bill ins Auge; seine Band-Freunde dachten, es wäre eine gute Idee, dies zu verewigen und das Foto zum nächsten Album-Cover zu machen. Er hat ein (fantastisches) Lied darüber gemacht, „Ever So Clear“, bei dem er zu erklären versucht wie es zu dieser Situation kommen konnte. Dabei weiß er, dass sein Verhalten unentschuldbar ist und rechtfertigt es nicht; aber er eröffnet den Erklärungsversuch mit der Beschreibung einer Kindheit in der Armut als kleinwüchsiger Mensch.

Es wird für mich nie ein besseres Lied über den Schrecken unserer Gefangenschaft in einem Körper geben als „Ever So Clear“.

***

Ich habe also Hanny gefragt:

„Ok, hat die Techno-Nostalgie vielleicht was mit der Versöhnung von Gedanken und Körper zu tun?“

„Wie meinst du das?“

„Ich stelle es mir so vor: Man ist voll druff und tanzt wie der Derwisch und Körper und Gedanken hören endlich auf, sich gegenseitig so paranoisch zu belauern.“

Er dachte darüber nach:

„Hm. Hm. Hm-hm-hm. Nein.“

„Wieso?“

„Naja, da waren schon damals so Typen auf der Tanzfläche, mit Sixpack und Bodybuilder-Pecs und so. Da hast du dich schon schäbig gefühlt, wenn du (wie isch) ein Moppel vom Dorf warst.“

Na super.

Tomatensaft ist eine Tugend, Götterspiele sind Götterscheiße

John Walkers Molyneux-Ausgequetsche ist bedeutungslos, entwertet durch seinen Anlass: Die Wutangst des kleinen, sich betrogen fühlenden Kickstarter-Honks.
Naja, ich war auch mal so einer. Als ich beim Crowdfunding-Urväterchen Bandstocks die Produktion eines Patrick Wolf-Albums mit 100 Pfund mitfinanzierte – mit Aussicht auf “Gewinnbeteiligung”.
Die Seite wurde irgendwann abgeschaltet, eine Ausschüttung fand nie statt, mein Privileg war es, mir eine Special Edition des Albums kaufen zu dürfen, darin ein loser Zettel mit den Namen aller Unterstützer.
Ja, ich war wütend. Vielleicht hätte ich mich auch über einen Inquisitor gefreut, der Patty mal so richtig in Bedrängnis bringt. Aber dort ging es um Musik. Nicht um ein “Götterspiel”. Götterspiele sind wie Götterspeise, auch genannt Wackelpeter. Ich mache daraus jetzt kein Molyneux-Wortspiel. Obwohl!

Wackelpeter ist wenige Tage haltbar und löst sich danach unter Abgabe von Wasser auf.

Ja, in ein paar Tagen wird eh keiner mehr darüber reden.
Ich lese gerade, dass das famose Strategiespiel Utopia auch zum Genre zählt. Nicht akzeptabel! Simulierte Allmacht ist nicht in Ordnung. Wer will denn bitte virtuell angebetet werden? Kinder? Erwachsene mit echt heftigen Problemen?
In den Kriegsspielen, die einige von euch Shodanisten ja gerne spielen, ist immerhin die Scheißigkeit des Krieges als Autoschamerzeuger enthalten.
Wie auch immer, Walker kann mir unter die Augen treten, wenn er Modelara, die am schwersten zu kriegende Interviewpartnerin der ganzen Welt, zum Thema Videospiele und Mode interviewt hat!
Aber wie ich euch so kenne, werdet ihr trotzdem in den Kommentaren über Peter reden. Ich interessiere mich mehr für Saft.
Wie ihr vielleicht wisst, trinke ich seit über einem Jahr jede Woche einen halben Liter Tomatensaft (mit Spaß) und war seitdem nicht mehr erkältet. Fehlt mir das Fieber? Ja, jetzt könnte ich umleiten zum grippalen, ungesunden Spielen, vor dem man eigentlich kapituliert, ins Bett zurückflüchtet. Ich wollte aber nicht über Computerspiele an sich schreiben, nicht heute. Lieber wieder über Musik. Ich brauche nämlich eure Hilfe!
Wie ich eventuell bereits irgendwo erwähnte, bin ich ein großer Fan von Peter Ivers, der, ganz passend zum Shodanin Shodannews, einen schwarzen Gürtel trug und trotzdem singen konnte wie eine sexy Katze. Nun die Frage! Wie nennt man diese Stimmlage? Ich brauche mehr davon. Es ist keine Kopfstimme. Sondern ein cooles, lässiges Maunzen.

Ja, ich verehre ihn. Er sang in Eraserhead das Stück In Heaven und legte es der Frau im Heizkörper in den Mund:

Wenn ihr mir bei meiner Suche nach einem Ivers-Ersatz (er wurde 1983 ermordet) nicht helfen könnt, dürft ihr natürlich auch über Peter Wackelpudding reden. Oder wann ihr euch betrogen fühltet! Eure Kleinsparererlebnisse! Außerdem interessieren würde mich brennend, ob von euch jemand heimlich Spiele entwickelt oder zumindest Spielekonzepte im Ärmel versteckt. Es wäre mir ein großes Anliegen, wenn These Nerds gemeinsam mal ein Spiel entwickeln würden. Das würde ein Monstertitel werden. Aber sicherlich kein Götterspiel – und kein “story driven exploration game”, das weiß ich. Stattdessen Laserkriegkatzen? Maunzende Laserkanonen? Nein, das ist zu ironisch. Das geht nicht.

Ich gehe nun mit meiner Katze reden. Die ist sehr empfänglich für neue Spielideen. Das Grundkonzept ist zwar immer gleich (Objekte bewegen sich und sie rennt hinterher), aber dieses Konzept kann man tausendfach variieren – Schnüre durch Löcher in Kartons ziehen, Schnüre irgendwo aufhängen, hauptsache Action. Hier ein Bild von meiner Katze beim Zocken!

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Round-Up mit V.: Februar 2015

Vinzenz meldet sich zum Schreibdienst. Was habe ich gespielt in der letzten Zeit, was blieb hängen, was war scheußlich? Ganz am Schluss kommt noch eine kleine Ausführung zu The Crew und Computerspieltourismus.
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