Getagged: World of Warcraft

Counter Strike bricht Tonis Herz

Wisst ihr, was ich für das eigentliche Wunder von Counter Strike halte? Dass es 9/11 überdauert hat. Schließlich hatten wir es mit einem Spiel zu tun, bei dem die Spieler als Terroristen Anschläge verüben und Geiseln nehmen konnten – es gab aber nach den Terroranschlägen auf die Vereinigten Staaten (als Metonymie des Okzidents) keinerlei Reaktionen seitens der Spieler. Keine Empörung, oder Rufe nach Content-Änderung. Kaum ein Medium ist so vollkommen amoralisch wie Computer- und Videospiele.

***

Ich assoziiere Counter Strike ganz eng mit jener Phase in der Entwicklung des Internets, welche man sich als Brücke zwischen dem Stadium einer bereits stabilen neuen und einer selbstverständlichen, nicht mehr neuen Technik vorstellen kann. Zum ersten Mal spielte ich Counter Strike im Jahr 2000* in der Lagerhalle des Comic-Ladens, in dem ich zu jener Zeit in der Südpfalz arbeitete** – und der anfänglichen Begeisterung folgte schnelle Ernüchterung. Online-Wettbewerb war mir zwar nicht neu, hatte für mich jedoch zuvor nur im kleinen Rahmen der Lan-Houseparty stattgefunden und auf diesen war das Skill-Level noch relativ ausgeglichen (soll heißen: Noobs among themselves). Counter Strike stellte mir den powergamenden Autisten vor, der unvorstellbar gut spielte. Es führte mir außerdem meinen eigenen Unwillen vor, mich ausschließlich mit einem Spiel zu beschäftigen. Counter Strike gehörte nämlich auch einem Jahrzehnt an, das nach dem monothematischen Spieler verlangte und wir erinnern uns alle an die Beschwerden der Spieleschaffenden darüber, dass World of Warcraft für ein Fortbleiben der Käufer sorgte.

Folge meines Unwillens war jedenfalls, dass ich in meinen besten Counter Strike-Zeiten total mies war.

***

Wieso wurde Counter Strike bei jedem school shooting als “Killerspiel”*** inkriminiert? Mir fällt jenseits der popkulturellen Größe dieses Spiels wirklich kein vernünftiger Grund ein. Das Spielprinzip (die GameStar bittet zu ihrer Kasse) stellt nicht mehr als die Fortsetzung der Räuber und Gendarme / Cowboys und Indianer-Dialektik dar, welche die meisten Kindheiten dieser Welt irgendwann berührt hat – und die bisher nie für solche Angst gesorgt hat wie Counter Strike. Das Rätsel wird nur umso größer, wenn man bedenkt, dass Counter Strike zum Ende eines Jahrzehnts erschien, das von unglaublich brutalen Spielen bestimmt war, insbesondere in den Jahren, als man die dritte Dimension noch mit Bitmaps und nicht Polygonen füllte. War es der Multiplayer-Aspekt – also die Tatsache, dass die lieben Kinder auf Avatare anderer Kinder schossen?

***

Nun ist mit Counter Strike: Global Offensive die neuste Version des Spiels erschienen und so Vieles hat sich inzwischen verändert. Man spielt im Multiplayer ganz andere Arten von Shootern. Der Begriff Co-Op ist so viel wichtiger als vor 15 Jahren – der heute selbstverständliche Begriff des Horde-Modes existiert damals nicht einmal. Selbst Counter Strike hat neue Spielmodi, ist deutlich schneller geworden und führt nun eine Tonne von Acheivements mit.

Nur eins bleibt konstant: Meine Noobassedness.

* “Party like its 1999″ hatte für mich bedeutet unglaublich viel Computer zu spielen. Wollte ich nur anmerken!

** Nicht jener Comicladen aus meinem Text über Mannheim (an dessen Zwilling Marc gerade schreibt).

** Bis heute gibt es kein dümmeres Wort, das mit Computerspiele in Zusammenhang gebracht wurde.

Game Over, Dude

Gestern habe ich auf dem Ersten eine Reportage über Computerspielesucht gesehen (“Spielen, Spielen, Spielen – Wenn der Computer süchtig macht”) – exerziert am Beispiel von World of Warcraft.

Bevor ich mich auf dieses Thema einlasse: Ich hab’ WOW deinstalliert, weil ich es langweilig finde. Ich verstehe immer noch nicht, wie man davon Süchtig werden kann, aber ich finde auch, dass Bier abscheulich schmeckt…

Was mich eigentlich an dieser Sendung fasziniert hat, war Folgendes: Ich fing an, mir zu überlegen wie ein stereotyper Computerspieletrottel – einer, der sich im Gamestar-Forum “l33tRulZ0r” nennen könnte – auf diesen Spielebericht reagieren würde. Er würde ihm Einseitigkeit vorwerfen und, was noch wichtiger ist, Inkompetenz. Keine Ahnung vom Thema.

Und vielleicht hätte er auch recht. Der Bericht hat sich mit der Schattenseite des Spiels beschäftigt. Ich finde es jedoch interessant, dass das etwas unzulässiges sein soll. Der Aufschrei nach Objektivität, der jedes Mal aufkommt, wenn über Computerspiele berichtet wird verkennt offenbar die Realitäten der journalistischen Berichterstattung: Diese darf nämlich durchaus ausgesuchte Aspekte eines Themas behandeln. Computerspiele sind in dieser hinsicht nichts Besonderes und dürfen ebenso problematisiert werden.

Die Tatsache, dass sich Vidiots bei jeder Kritik erzürnt über ihre Einseitigkeit beschweren ist eigentlich klassisches Randgruppenverhalten. So ähnlich verweisen wohl Fußballhooligans darauf, dass ihre Kloppereien einem bestimmten Kodex folgen und deswegen nicht halb so wild sind, oder Grafittisprüher darauf, dass der Begriff der Sachbeschädigung in ihrem Fall nicht greife, weil diese so kunstvoll sei. Mein Problem mit dieser Verhaltensweise ist, dass sie letzendlich ein einziger aufgeblähter Sophismus ist – ein Ablenkungsmanöver: Man möchte der Kritik aus dem Weg gehen, indem man auf sympathischere Aspekte des kritisierten Gegenstands verweist. Illustratives Beispiel? Ein Blind Date. Sie: “Du hast das Gesicht eines Scheusals.” Er: “Ich finde das jetzt ein bisschen einseitig. Schließlich habe ich einen tollen Körper.”

Meine Meinung ist daher: Wenn das Medium der Spiele gut genug sein soll, um breite Akzeptanz zu erfahren, so indem es sich der Kritik stellt. Alles andere deutet nämlich auf mangelndes Vertrauen in die eigene Angelegenheit. Und mangelnde Intelligenz. Nicht, dass das immer zum Erfolg führt – es ist jedoch wesentlich würdevoller, als das völlig ineffiziente Rollen in der eigenen Kacke, das viele Geeks betreiben, wenn sie darauf bestehen, dass ihr Medium nicht kritisiert werden darf. So! Der Häuptling hat gesprochen.

Ich hatte oben einen zweiten Vorwurf erwähnt: Inkompetenz, ein Einwand, den man oft liest. Kritisierende haben keine Ahnung von dem Gegenstand also dürfen sie ihn nicht kritisieren. Irgendwann wurde (zu Recht) bemängelt, dass bei irgend einem Bericht die Behauptung aufkam, man könne in GTA: San Andreas vergewaltigen (nicht, dass dies nicht dem Geist des Spieles entsprochen hätte). Dies wurde mit Bildern aus dem Hot Coffee-Modus belegt. Diese Art von (mutwilliger?) Inkompetenz ist in der Tat ein Problem, weil sie den Sachgegenstand verfälscht – und trotzdem ist Inkompetenz per se nicht genug, um eine Kritik an Computerspielen völlig zu entkräften. Ich bitte hier um Differenzierung.

Beispiel: Man muss nicht wissen, wie viele Instanzen WOW hat, um eine Kritik an der suchtfördernden Mechanik des Spiels zu üben. Ebensowenig wie man wissen muss, wie eine Flugzeugturbine funktioniert, um eine Kritik an der Umweltverschmutzung zu üben. Wir dürfen bei Außenstehenden weder unsere Kompetenzen zum Thema der Computerspiele voraussetzen noch den Mangel dieser als Persilschein für unser Medium betrachten. Es gibt viele Kritikpunkte an Spielen, die von Menschen geäußert werden können, die nie etwas anderes als Tetris gespielt haben und die dennoch völlig legitim sind.

Ein Beispiel? Man hat uns vorgeworfen, Counter-Strike sei abstoßend, weil es im übertragenen Sinne das Gegenseitige ermorden zum Gegenstand sportlichen Wettkampfes macht. Was war unsere Antwort? Dass diese Kritik völlig die glorreiche Tatsache missachtet, dass man in diesem Spiel die Teamfähigkeit üben könne.

Jetzt, wo ich es selbst schreibe, kann ich es selbst nicht fassen, dass ich ein Hobby mit Menschen teile, die bescheuert genug sind, sich so zu äußern. Schließlich haben Teamfähigkeiten nichts mit der moralischen Integrität einer Sache zu tun – Nazis waren ausgezeichnete Team-Player – und um genau diese ging es in der ursprünglichen Kritik. Wenn wir uns weiterhin so anstellen, VERDIENEN wir es förmlich, dass jedes einzelne Spiel verboten wird. Ich meine es ernst. Wir hätten sagen können, Gewalt und Rudel seien finstere Atavismen, ein Tag-Team straight outta Steinzeit, die man so genießt, wie man Schokolade und Alkohol genießt – in vollem Wissen, um die Risiken. Wir hätten uns der Kritik stellen können. Wir hätten eloquent und clever sein können. Stattdessen haben wir irgendwas von Teamfähigkeiten gefaselt und so getan, als dürften nur wir über Computerspiele reden.

In diesem Sinne:

Hier ein verwandter Artikel aus einem anderen Blog.

World of Warcraft: Keltenkitsch-Sweatshop

Ja, ich weiß – es wird Zeit, dass ich Word of Warcraft mehr als nur ein bisschen abfälligen Sarkasmus widme. Dass sich in erster Linie eine Chance dazu ergibt, habt ihr meinem Bruder zu verdanken, der mich überredet hat, mit ihm zu spielen. Also habe ich World of Warcraft gekauft, die wohl längste Installation meines Lebens durchgemacht (NOCH länger als jene von Schleichfahrt, die etwa eine Woche zu dauern schien) und dann angefangen zu spielen.

WOW bleibt ein Mysterium für mich. Einerseits hat es ein tolles Skill- und Ausrüstungssystem und eine schöne große Welt, die alle erschlossen und erforscht werden möchten, andererseits wird man von hunderten eigentlich identischer “Töte 15 Knöchehauer von Pimmeldorn”-Quests erdrückt. Man macht bei jeder Session das Gleiche, in der Hoffnung, bald gut genug zu sein, um eine der infamen Instanzen zu spielen. Diese Instanzen sind wiederum unvernünftig langwierig und zeitintensiv. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, jemals (wie mein Bruder) 7 Stunden in ein Raid zu investieren. Das sind 7 Stunden in denen ich im Fitnessstudio pumpen, Gitarre spielen, Freunde treffen und noch nebenbei ein bisschen Computer spielen könnte. Ich finde diese implizite strukturelle Forderung der Selbstaufgabe an / für das Spiel seitens Blizzard jedenfalls wirklich verstörend.

Mein Interesse an WOW ergibt sich daher vor allem aus der Tatsache, dass ich mit meinem Bruder gemeinsam spielen kann – letztens hat er mir geholfen, einen Ort namens “Die Todesminen” (sehr originell, Mr. Blizzard) zu plündern und wir haben dabei einen Typ getötet, der so heißt wie ein Westernschauspieler. Das war eigentlich ganz cool – nur Schade, dass ich danach erst einmal “leveln” musste, weil mein Bruder sagte, dass ich stärker werden müsse, um die richtig tollen Instanzen zu erleben – dabei fand ich die odesminen schon ganz gut. Es gab ein Piratenschiff! Aber nun zum “leveln”: Das ist ein Wort, das für mich fast Synonym ist mit der brutalen Arbeit, die chinesische Immigranten an der Nähmaschine in irgendeinem kalifornischen Sweatshop verrichten müssen. Man macht IMMER. WIEDER. DAS. GLEICHE. Man drückt IMMER. WIEDER. DIE. GLEICHEN. KNÖPFE. Es ist eigentlich entsetzlich – es fehlt wirklich nur noch ein Triade, der mich von hinten anschreit, wenn ich mal umkomme und zwei minuten lang zu meiner Leiche laufen muss, um wiederbelebt zu werden. Überhaupt: Dafür dass man in WOW immer wieder das Gleiche tun muss, dauert dieses “das Gleiche” – ob es nun das Töten oben genannter “Knöchelhauer” oder das Sammeln von Weizen für ein hungriges Pferd (sehr aufregend, Mr. Blizzard) – sehr, sehr lange. World of Warcraft ist druchaus auch eine unglaublich übergewichtige, langsame und unangenehme Erfahrung. Wie Knutschen mit einer Opernsängerin (fragt nicht). Ich würde fast sagen, dass man sich in einem Saint Vitus-Song gefangen glaubt, aber diese sind zumindest hypnotisch und faszinierend. WOW ist in schlimmsten Momenten einfach nur saulangweilig und repetitiv. Jetzt mal ehrlich: Wie sehr muss einem die Welt die Sensibilitäten erodiert haben, damit man von World of Warcraft süchtig wird? Das kann doch nur Leuten passieren, die nie etwas anderes als Robert Jordan gelesen haben und glauben, Geisteswissenschaften seien “Laberfächer”. Das kann doch nur jemandem passieren, der ebenfalls bereit wäre von der Arbeit am Fließband süchtig zu werden – insbesondere wenn er für diese mit Erdnüssen belohnt worden wäre. Und einmal – stellt euch das mal vor – alle paar Wochen, wäre unter den Erdnüssen eine grüne Erdnuss gewesen. Und unser insensitiver Junkie wäre der König des Fließbandes gewesen, weil kein anderer die GRÜNE ERDNUSS DES FLIEßBANDS gehabt hätte.

Kein Wunder, dass man da eine Sucht entwickelt.

Abschließend will ich sagen: Auch wenn es bei meinem Spielepensum noch ein paar Jahre dauern wird, bis ich stark genug bin, um mit meinem Bruder irgendwelche richtig aufregenden Kerker zu plündern, werde ich WOW nicht so intensiv spielen wie ich müsste. Ich habe nicht die Zeit und dafür ist das Spiel auch nicht aufregend genug. Jedenfalls finde ich es persönlich aufregender UNTERSCHIEDLICHE Sachen zu machen. Und nicht nur immer das Gleiche. Wenn ihr allerdings Tipps habt, wie man die eigene Spieleerfahrung aufpeppen kann, dann bitte her damit.

Oh ja – noch ein note to self: Auf keinem Fall um 14:00 spielen. Da kommen die ganzen Kids aus der Schule. Das Zeug, das sie erzählen ist so behämmert, das es fast schon eine psychedelische Erfahrung ist. Originalzitat aus Sturmwind heute: “lol, gibt keine schlechten pornozzz ^^!!1!” Tja. Jetzt wisst ihr es. Noch ein Grund WOW nicht zu oft zu spielen – wer will schon seine Zeit mit solchen Imbezilen verbringen?