Balkan Toni sells out
Die Geschichte geht folgendermaßen:
Im letzten Sommer verbrachten ich und meinem Buddy Joe viel Zeit mit Skateboard-Fahren. Die Entscheidung nach langer Zeit wieder damit anzufangen entstand aus einer dieser verhängnisvollen spontanen Eingebungen, denen ich inzwischen zwar nicht mehr traue, jedoch auch nicht widerstehen kann. Die Eingebung lief folgendermaßen ab:
Ich so: “Joe, weißt du was wir in diesem Sommer machen müssen?”
Joe so: “SHREDDEN!”
Ich so: “Wow! Woher wusstest du, was ich sagen wollte?”
Joe so: “Ich fühle es, ich fühle es auch.”
Und weil wir es beide fühlten gruben wir unsere alten Decks aus, fingen wieder an zu shredden und fühlten bald auch noch etwas ganz anderes: Unser Alter. Von Stürzen erholte man sich viel langsamer und unsere Knie taten permanent weh. Nach jedem Ollie dachte ich, bald nicht mehr laufen zu können. Die ganze Erfahrung war höhst entzaubernd. Wir beschlossen, mit dem Shredden wieder aufzuhören und uns unserer neuen Leidenschaft, dem Bodybuilding, zuzuwenden. Der Beschluss wurde an einem der ersten Herbstabende gefasst, wir schauten “Pumping Iron” und tranken Proteinshakes. Obwohl die Vorzeichen unserer Zukunft gut waren (unsere Muckis waren und sind am bersten, wenn ich das so sagen darf), warf mich der Beschluss etwas aus der Bahn. Es war, als trenne man sich von dem coolen, hübschen Mädchen, das man nicht mehr lieben kann, weil es inzwischen House hört. (Diese ansprechende Analogie funktioniert übrigens auch mit den Begriffen “BeBop”, “Techno”, “Bossa Nova” – sorry Marc – oder “Dark Wave”) Ich musste einen Weg finden, damit umzugehen und beging den Fehler, auf eine weitere spontane Eingebung zu hören.
Die ging so: Hey, hey. Ersetze EINE alte, lange missachtete Reminiszenz deiner Jugend einfach durch eine andere: Spiel wieder Dungeons & Dragons!
Ok. Es fehlte mir nur noch eine Spielgruppe. Im Internet wurde ich schnell fündig – es gab einen Spieleverein, hier in der Stadt, auf dessen Homepage auch Rollenspiele angeführt wurden. In der Hoffnung dort auf eine Spielgruppe zu treffen, die mich eventuell aufnehmen würde, besuchte ich einen ihrer Spielabende. Es war sehr befremdlich.
Bevor ich erkläre, wieso dieser Abend so befremdlich war, will ich etwas zu mir sagen: Ich bin nicht wirklich ein Nerd. Ich bin kein social outcast. Ich bin sportlich und trage gerne limitierte Nike Arimax. Ich bin sehr modebewusst. Die Tatsache, dass ich mit den wahren Geeks dieser Welt eine gewisse Schnittmenge leicht stigmatisierter Interessen teile, ließ mich immer glauben, so etwas wie eine Verwandtschaft mit dieser Randgruppe zu haben, doch ich irrte mich. Sehr.
Die Menschen, die diesen Spieleabend besuchten waren nicht so wie ich. Nachdem ich mich vorgestellt hatte (Beruf und Hobbys inklusive) bekam ich ein paar Namen entgegengemurmelt und keinerlei Hintergrundinformationen zu den Trägern. Da ich vom Balkan komme, finde ich eigentlich jeden unhöflich, der mich nicht beim ersten Treffen auf ein paar Schnäpschen zu sich nach Hause einlädt und auch diese kulturelle Deformation belastete die erste Begegnung. Ich fühlte mich, als hätte ich zwei Freunde beim Sex erwischt und müsste nun mit ihnen ins Kino – die Kommunikation mit den Anwesenden, von denen einige sogar übergewichtig waren, war sehr zäh. Meine Fragen wurden meistens mit kurzen Einzeilern beantwortet und die Leute wiesen einen außerordentlichen Widerwillen auf, über Sachen zu sprechen, die nicht die Spiele betrafen – und selbst bei diesem Thema zeigten sie sich nicht allzu kommunikativ. Ich war jedoch zu diesem Zeitpunkt bereit, dies mit kultureller Inkompabilität zu entschuldigen – schließlich bin ich der geschwätzige Slave und dies waren alles verklemmte Angelsachsen. Ich war sogar bereit darüber hinwegzusehen, dass die meisten Anwesenden ganz offenbar keine Ahnung davon hatten, wie man sich anzuziehen und zu frisieren hat, wenn man seine Fortpflanzungschancen mit Menschen erhöhen möchte, die NICHT so aussehen, als würden sie Kinder essen. Ich war bereit darüber hinwegzusehen, dass die anwesenden Mädchen meine gönnerhaften Flirtereien völlig ignorierten (Ehrenwort: Das ist mir sonst NIE passiert, nicht einmal in Schottland)!
Welch ein Fehler.
Der Abend fing mit einer Partie “Munchkin” an. Ich kannte dieses Spiel nicht, fand es aber ganz vergnüglich. Außer mir spielten noch sechs oder sieben Männer und Frauen mit. Irgendwann passierte mir ein Fehler. Ich weiß gar nicht mehr, worin dieser Bestand, aber ich hatte eine Spielregel missachtet und dadurch dafür gesorgt, dass ein Mitspieler eine Karte verlor. Der Fehler wurde jedoch zum Glück bemerkt und der Schaden konnte behoben werden. Doch der betroffene Mitspieler, ein dürres Individuum mit schreckhaften Mäuseaugen, war furchtbar indigniert und schrie mich an:
“Das war ein Fehler! Das macht man so nicht!”
“Es tut mir leid, ich spiele das Spiel zum ersten Mal.”, versuchte ich, von seinem Gefühlsausbruch peinlich berührt, zu erklären.
“Das war ein Fehler! Man muss blablabla machen! Ein FEHLER!”
“Es tut mir wirklich leid. Ich habe es nicht absichtlich gemacht.”
Dieser Moment war ganz seltsam, denn ich empfand seinen Gefühlsausbruch als exzessiv und unverhältnismäßig. Es war bloß ein Spiel und ich hatte mich entschuldigt. Ich erwartete, dass die anderen Mitspieler, die offenbar mit ihm befreundet waren, die Situation moderieren würden, doch keiner sagte etwas – bis auf einen Mitspieler, der säuerlich erklärte worin mein Fehler bestand und dabei betonte, dass ich in der Tat einen begangen hatte. So als hätte ich dies abgestritten.
Und da wurde es mir klar: Ich war im bandit country. Ich war der Außenseiter. Der Grund dafür war eine Inversion der Standards: Ich war nun der Abnormale und hatte absolut keinen kolonialen Dominanzanspruch in dieser Umgebung. Hier herrschte der Spacke. Just als mir dies Klar wurde, versuchte der Gewinner der “Munchkin”-Runde, ein “Munchkin”-Söckchen über seinen Daumen zu ziehen. Dieses hatte er vom Veranstalter für seinen Sieg bekommen. Er hatte ein anderes Söckchen, Trophäe früherer Triumphe, bereits über den Zeigefinger gezogen. In diesem Moment wurde mir klar, dass ich mit diesen Leuten kein D&D spielen wollte. Der Entschluss festigte sich, als „Cthulhu Munchkin“-Buttons ausgeteilt und angeheftet wurden. Sie waren tellergroß.
Ich verließ den Abend und erlaubte mir auf dem Rückweg noch eine Peinlichkeit: Das Ventil meines Fahrrades brach ab, ohne das ich es bemerkt hätte. Ich kannte mich damals noch überhaupt nicht mit Fahrrädern aus, verbrachte etwa 10 Minuten mit dem Versuch, den Reifen aufzupumpen und bat sogar zwei Besucher des Spieleabends, mir zu helfen – doch sie erkannten das Problem auch nicht. Es handelte sich um den zuvor Irritierten und dessen Freund, der mich säuerlich gemaßregelt hatte.
Am nächsten Tag beschloss ich zum Friseur zu gehen – der Abend zuvor hatte ein unangenehmes Nachgefühl hinterlassen und ich brauchte eine heilsame Erfahrung. Mein üblicher Friseur war krank und ich bekam die Haare von einer sehr hübschen Vertretung geschnitten.
Ich empfinde jeden Gang zum Friseur als eine Wohltat. Ich liebe es, die Haare gewaschen und geschnitten zu bekommen. Es ist etwas ausgesprochen symbolisches – hier spielt natürlich erneut eine kulturelle Vorprägung mit, denn Haare sind auf dem Balkan ebenfalls etwas ganz besonders symbolisches. Wenn jemand Stirbt, rasiert man sich in Serbien mehrere Wochen lang nicht und früher kämmten sich in vielen Regionen des ehemaligen Jugoslaviens Frauen rituell die Haare nach dem Tod ihres Gatten. Meine Liebe für Haare und den Gang zum Friseur ist also eines dieser unartikulierten Kulturmitbringsel, ein ziemlich gutartiges, wie ich finde.
„Und? Kater?“, fragte mich die Vertretung.
„Wieso?“
„Naja, gestern war Freitagabend. Weg gewesen?“, sie sprach mit der nonchalanten Authentizität einer Person, die sich jedes Wochenende entstellt.
„Nein, ich war nicht weg. Oder doch… Ich weiß es nicht.“
„Na, wenn du dich nicht erinnern kannst, dann WARST du weg, glaub’s mir.“, erwiderte sie mit einem etwas irren Glanz in den Augen.
„Neinneinnein. Ich kann mich erinnern – es war bloß ein seltsamer Abend.“
Die Vertretung bekam große Augen: „Erzähl!“
Und ich erzählte. Als ich mit der Geschichte fertig wurde, dachte ich, mich damit vollends als normale Person diskreditiert zu haben, aber ich irrte mich zum Glück.
„Ja, ja. Ich kenne solche Personen. Hab‘ früher mit meinem Bruder DSA gespielt.“ Sie beugte sich leicht vor, um an meinem Nacken zu arbeiten, sprach aber dennoch weiter, ohne mich dabei anzusehen. „Würd’s eigentlich heute gerne noch Spielen, es hat mir total Spaß gemacht. Ich war `ne Hexe.“ Sie machte Hexenhafte Fingerbewegungen mit der freien Hand, sah dabei aber meinen Nacken weiter an.
„Wow. Kann ich mir gar nicht vorstellen.“, sagte ich. Sie entsprach nicht den Menschen, die ich gestern gesehen hatte. Sie trug Nudie Jeans und besaß soziale Kompetenzen.
„Ich könnte das gleiche über dich sagen. Und ich sage dir noch was: Das ist der Grund, wieso wir nicht mehr mitspielen dürfen. Wir sind zu normal.“
„Meinst du?“, fragte ich, obwohl ich genau wusste, worauf sie hinaus wollte. Es war bloß eine dieser konversationserhaltenden Maßnahmen.
„Na klar. Wir sind normal angezogen, haben normale Freunde, benehmen uns normal. Wir haben ihre Welt verraten.“
„Ja, die Welt der noblen Außensenseiter. Wir haben uns verkauft. Es ist nicht genug, die gleichen Sachen zu mögen, man muss dabei genau so verklemmt und peinlich sein wie sie.“
„Gee-nau.“, erwiderte sie und schnitt weiter. Nasse Haarstreifen formten einen Ring um meinen Nacken. Ich war schon sehr lange nicht mehr beim Friseur gewesen, mindestens 9 wochen lang nicht. Dabei mag ich meine Haare kurz. „Meine alten Freunde… es ist nicht so, dass ich sie nicht mehr mag. Aber ich habe ernsthaft das Gefühl, dass sie mir nicht mehr vertrauen, seit ich mich von ihnen entfernt habe. In meiner Entwicklung, meine ich. So als hätten sie Geheimnisse, die ich verraten könnte.“ Ich lachte darüber.
„Spielst du heute noch irgendwas?“, fragte ich.
„Na klar. Ich habe so einen kleinen Nintendo mit zwei Bildschirmen, da habe ich ein Spiel in dem man Anwalt ist. Das spiele ich jeden Abend. Ich hätte aber auch gerne ein Spiel, bei dem man Leuten so richtig die Haare schneiden kann, schnipp-schnipp!“ Das letzte unterstrich sie mit zweifachem Schnippen ihrer Schere.
Ich, hingegen, pumpe jeden Abend meine Muckis auf, bis ich aussehe, als hätte ich eine Aztekenpyramide falschrum verschluckt. Und am gleichen Abend, inmitten eines qualvollen Twenty-Ones/French-Press-Superset-Infernos, sagte ich zu Joe folgendes: „Ich finde, dass Spiele allen Menschen zugänglich gemacht werden müssen.“
„Wieso? Ist doch nix besonderes an ihnen. Ich habe Metal Slug im Luna Park gespielt und…“
„Vielleicht!“, unterbrach ich ihn. „Und es ist ja auch schon besser als vor ein paar Jahren. Aber es geht mir gar nicht um die Spiele, sondern um jene, die sich darüber ärgern würden, wenn plötzlich jeder ihr wertvolles Hobby teilen würde. Solchen Leuten…“, knurrte ich und beobachtete meinen pulsierenden Riesenbizeps im Spiegel. „muss man ihre Spielzeuge wegnehmen.“
Wer stimmt mir zu?
Ha, ha, ha… sehr schöne Geschichte, ich hoffe doch sehr der Frisösen- (Tod den Worten Friseur oder Hairstylist) Abschnitt war nicht nur erfunden.
Witzigerweise kenne ich da auch ne’ kleine Geschichte… auf einer lokalen Con war ich maßgeblich daran beteiligt jemanden wie dich (also der Spieler war so wie du das beschreibst, und in einer ähnlichen Position) innerhalb des Spiels zu töten (allerdings war es schon richtiges Rollenspiel – und nicht das amüsante Munchkin). Weil er mir schlicht auf den Sack ging, braungebrannt, Gel im Haar und einen Squall Lionheart Anhänger straight from the pits of hell that are Final fucking Fantasy VIII. Das erfüllte seinerzeit bei mir ein ganz schlimmes Klischee, ein gewissen südländischen Touch hatte er auch (war halb Kubaner wenn ich mich recht entsinne).
Aber frag mich nicht wieso ich das getan habe (Angst “mein Hobby” an pseudo-coole Playstation-Kiddies zu verlieren… irgendwo arm, aber zum Glück entwickeln wir uns ja alle weiter) – ich war der erste am Tisch der anfing im Spiel gegen Ihn zu arbeiten, aber die anderen steigen später mit ein (wer sein getreues Schlachtross aus Trainingsgründen zu Hackfleisch schnetzelt ist einfach kein guter Rollenspieler und da war das Thema für uns alle gegessen).
Mittlerweile habe ich aber relativ aktiv einige Systeme und verschiedene Gruppen erlebt, und muß sagen – es gibt wirklich ganz furchtbare Spieler (zu denen deine Beispiele zweifelsfrei gehören – “Regelficker” gehören aufgehängt, genauso die RingelpietzmitAnfassen-Fraktion) – aber auf 3-4 furchtbare Spieler kommt ein wirklich sehr interessanter Spiel(leit)er, sei es weil er die Rolle wirklich exzellent ausspielt oder weil er verdammt gute Ideen hat, bzw. weil er sich bei Geschichte und Charakteren und Locations wirklich Mühe gegeben hat (bzw. einfach nur stimmig geklaut hat
).
Dein Fehler war, dich mit einer Spieletruppe zu treffen – die begreifen den Scheiß vordergründig eben als Spiel, mit klaren Bedingungen für den Sieg. Hier ist nicht der Weg das Ziel sondern das Ergebnis (=SIEG!).
Bei (guten) Rollenspielern liegt der Fokus auf Vorstellungskraft und Rollenspiel, und wenn man mit der anfänglichen Albernheit irgendwann durch ist, dann kann da wirklich wunderbares “Erzählspiel” draus werden. Untermalt mit stimmiger Musik, und in nettem Halbdunkel kann das schon nette Schwingungen im Kopf freisetzen.
Zumal dein “Katzenspiel” von dem ich hier irgendwo gelesen habe, in Pen & Paper Form perfekt umsetzbar / spielbar wäre. Eventuell brauchst du nicht mal wirklich Pen & Paper, sondern einfach nur ein paar gute Rollenspieler (die Grenzen vom übergewichtigen Fantasy-Nerd zu Schauspielern oder Theaterkünstlern ist fließend).
Zumal ich für dich ehrlich gesagt Dungeons & Dragons als eher ungeeignet empfinden würde, nach dem bissher geschriebenen… mit einer guten Runde macht allerdings jedes System Spaß sofern der Leiter sein Handwerk versteht und die Spieler ein bisschen Erfahrung mitbringen.
Ich könnte mir vorstellen das dir Unknown Armies (http://de.wikipedia.org/wiki/Unknown_Armies) gefallen könnte, oder ein anderes Spiel dessen Name mir entfallen ist, das sich in und um die Psyche der Menschen abspielt und ohne reitbare Wollfettschweine auskommt.
Gib P&P jedenfalls noch nicht auf, nur weil du mit ein paar armseeligen Hardcore-Freaks zusammengestoßen bist, P&P kann was & mehr, du mußt nur die richtigen Leute finden. Versuche vielleicht auch mal die Spielerzentrale (http://www.spielerzentrale.de/)
OffTopic: Eins verstehe ich aber nicht, warum dein Frust/Hass gegenüber Dicken? Einfach nur aufgrund der Ästhetik oder gibt es da irgendwelche ernsthaften Hintergründe?
Aulbath
Juli 9, 2008 um 9:59
The Heart of Darkness…
Frage mich auch wie Aulbath, wieviel von der “Geschichte” wahr oder überhöht ist. Ich bringe ganz schwer die Persönlichkeitseindrücke von B.T. unter einen Hut: Intellektueller Lehrer? Fremdwörter-Sadist? Invaliden-Tony Hawk? Vorstadt-Arnie? Gam0r? Irgendwie deckst du mit deinen Selbstbeschreibungen alle möglichen Facetten ab – von “super sympathisch” bis “arroganter A****”
. Na ja, darum geht’s ja aber nicht so sehr…
Grundsätzlich finde ich es besser, ein sich treuer “Nerd” oder “Geek” zu sein, als ein 100% angepasster 08/15-Blender (kommt natürlich aufs Ausmaß an). Klar entwickelt man sich weiter und soll dies auch, aber es stört mich, wenn z.B. im TV manchmal so Rückblicke laufen und alle dort sagen “oh man, waren wir damals peinlich” – als ob sie jetzt den Thron der Coolness erklommen hätten und in ein paar Jahren nicht wieder dasselbe sagen werden. Don’t forget the roots.
Du scheinst ja nun extrem Pech mit deiner Gruppe gehabt zu haben. Rollenspiel ist aber mikrosoziale Interaktion und wenn nun diese Spieler überwiegend a) ihr Hobby sehr/zu ernst nahmen und b) sich bereits selbst gut kannten, ist es schwer, für Außenstehende (evtl. mit “ungewohnter Erscheinung”) da reinzukommen – eben auch weil die Gruppe sich selbst nicht Fremden so schnell öffnen mag oder kann: Im Rollenspiel macht sich ja schon zum Affen
und kann das vor “Nicht-Involvierten” etwas peinlich finden (aber ihr hattet ja nicht mal gerollenspielt).
Da kommen eben Anlässe wie ein unbedeutender Regelfehler gerade recht, um sich selbst gegenüber dem Fremden zu versichern: “Der taugt nix, er stört, er und seine Haare müssen weg”.
Ich weiß selbst noch, dass ich vor Jahren einige Zeit (innerhalb einer Sitzung) brauchte um mich zu “öffnen” bzw. die neue Gruppe kennenzulernen – obwohl ich meine Mitspieler schon kannte. Am besten ist daher mit Bekannten zu spielen oder mal so eine Newbie-Veranstaltung besuchen, wo es eben keine bestehenden Seilschaften ohne wirklichem Interesse an neuen Spielern gibt.
Zur Systemfrage kann ich nix sagen, weil man auch klassisch-komplexe Regelwerke wie D&D und DSA mit Fokus auf story telling bzw. echtem role playing spielen kann; zuletzt bin ich über “The Shadow of Yesterday” gestolpert.
Wer sich als “Nerd” versteht, definiert sich auch über sein Hobby und grenzt sich von “den Anderen” bewusst ab. Wenn nun “jeder” damit anfängt, kann dies als Wegfall/-nahme eines nicht unbedeutenden Teils der eigenen Persönlichkeit/Selbstverständnisses gefühlt werden. Klar, dass man sich dann dagegen wehrt.
Mir ist’s da eher egal, ich als “gemäßigter Nerd” – solange halt mein Hobby nicht inhaltlich unter dem Mainstream-Erfolg leidet.
Blumentopf – “Profis” // Jan Delay feat. Samy Deluxe – “Bürger von Konsolien” // Prinz Pi – “Meine Roots”
HomiSite
Juli 10, 2008 um 2:41
Ich habe früher vor allem D&D, Earthdawn und ShadowRun gespielt. Ich weiß, wieso du glaubst, dass D&D nichts für mich sein könnte, aber glaub’s mir, für eine Runde P&P schalte ich alle intelektuellen Ansprüche ab und genieße das auf genau die Art, die du (sehr gut, wie ich finde) beschreibst – als Übung in Vorstellungskraft und Fantasie. Ich fand auch die ganzen “World of Darkness”-Spiele immer sehr interessant, fand aber nie eine gute Gruppe (die einzige, die ich fand bestand aus Teenagern, die allesamt wie Avril Lavigne aussahen – die Jungs auch – und Selbstmord “irgendwie sinnlich” fanden).
Und ich habe nichts gegen Dicke. So ‘ne Geisteshaltung würde mich um etwa die Hälfte meiner Freunde berauben. Da ich aber weiß, dass einige von ihnen hier immer wieder vorbeischauen, schreibe ich solche Sachen, um sie zu ärgern.
balkantoni
Juli 10, 2008 um 2:48
Ah ja: Die Geschichte ist natürlich so was von NICHT naturalistisch. Doch wo die Realität ins Fantastische übergeht, diese Grenze zu erkennen sei euch überlassen!
Update: Ja, Homisite hat recht. P&P ist, finde ich, ziemlich intim und daher auch schwierig. Gerade deswegen bin ich selbst so wählerisch, wenn es um Gruppen geht mit denen ich gerne spielen würde (was wiederum dafür sorgt, dass ich nie mitspielen darf…).
balkantoni
Juli 10, 2008 um 3:28
@BT: Also, wir haben am 26-27. Con hier oben in Rostock, also wenn du nichts gegen dicke Ossis hast… komm vorbei
Zur Not kannste halt zum Strand hechten und da die Slavenmuskeln spielen lassen und Firsösinninnenn für den Abend klar machen
Shadowrun wird mit Sicherheit gespielt, Earthdawn oder D&D zu später Stunde sicherlich auch. Der Altersdurchschnitt ist übrigens 24+, Jungspunde haben wir auch, aber die meisten habe schon ein Vierteljahrhundert hinter sich… http://www.siebenhafen.de/7tuerme.html
Ach, so’n kleines, leckeres Gruftiemädel ist doch was Feines… bei uns übrigens gleiche Situation, weshalb ich sofort Hunter bzw. Werewolf sein wollte, ich glaube ich habe einen Hang zur Vernichtung / Zerstörung…
Wie gesagt, gib nicht auf – je älter man wird, desto besser wird (P&P) Rollenspiel – weil mit einem auch das Spiel wächst, seriöser wird und Lösungansätze sowie Verhalten im Spiel eben auf andere Weise gelöst werden wie zu der Zeit als man mit 14 Jahren den Elf auslachte weil er Alrik hieß (”Boah… voll der schwuppige Elfenname, ey”) und man am Ende der Session eigentlich nur das Bestiarium durchblätterte und der Heldengruppe die fiesesten Viecher entgegenschleuderte… (was aber auch heute noch durchaus seinen Reiz haben kann, dann aber besser erzählt und insgesamt plausibler
.
Vielleicht fährst du einfach mal auf eine größere Convention in der Umgebung? Das gibt gutes Blogfutter und vielleicht findest du da ja auch ein paar Leute mit denen du regelmäßig spielen wollen würdest.
Rollenspiel rockt. So!
Aulbath
Juli 10, 2008 um 7:10
Shadowrun hat wohl fast jeder deutsche Rollenspieler in den 90ern gezockt, da war die zweite Edition in Deutschland ganz groß. Wir haben da manch geile Sachen erlebt, auch wenn die meiste Zeit des Abends in endlose Planung eines Runs draufging (Gymnasiasten halt) und man oft zu schnell zu stark wurde. Earhdawn haben wir damals dann nur kurz gespielt; irgendwie schien uns das System zu kompliziert.
HomiSite
Juli 10, 2008 um 10:49
@ Homisite: Tragikomische Geschichte: Bei einem Unwetter vor ein paar Wochen wurde unser Keller überflutet. Eine der wenigen Sachen, die nass wurden, war ein Karton mit all’ meinen Shadowrun-Büchern und Kompendien, alles bis zur Zersetzung aufgequollen und ruiniert. Irgendwie hat mich das getroffen.
Wie steht es eigentlich um Shadowrun heute? Wird es noch gespielt? Wie du sagtest, in den 90ern war das der Shizzle schlechthin- ich habe damals wirklich wöchentlich die Bibliothek nach neuen Shadowrun-Romanen abgesucht. Großer Favorit: Nuke City, von Nyx. Zumindest glaube ich, dass das Buch so hieß.
@ Aulbath: Leider bin ich zu der Zeit auf dem Balkan – sei froh, dass so was in deiner Gegend stattfindet. Gute Cons gab es in meinem Wäldernacken schon länger nicht mehr – oder ich habe sie alle verpasst. (Wohl eher das Zweite…). Übrigens: Bin durch Rostock nur durchgefahren. Schien aber cooler zu sein als Plauen oder Gera, wo ich fürher Freunde hatte. Ich war vor ein paar Jahren immer wieder im harten Osten.
balkantoni
Juli 10, 2008 um 11:25
Ach ja, rollenspiele.
Irgendwie kommt mir das bekannt vor wie kommt es eigendlich das ich seit ich (geschätzt) 12 war immer nach ner spielrunde gesucht habe und (fast) nie eine gefunden habe die mehr als 3 mal zusammen gespielt hat?
Ich glaube ich habe bald mehr Charakter für unterschiedliche systeme (einschließlich bald ein halbes dutztend selbstgebauter) zusammengestellt, als ich tage mit rollenspielen verbracht habe.
Ist das anderen auch so gegangen?
Mit so ungewöhnlichen gruppen wie du (bt) sie beschreibst bin ich dabei aber nicht zusammen gekommen, wobei die dichte an leuten die klisches entsprechen bei rollenspielern (verglichen mit anderen “gruppen”) schon faszienierend hoch ist.
In jedenfall ein unterhaltsam zu lesender text.
Wenn jemand zufällig vom niederrein kommt und ne SR spielgruppe kennt in die man sich einfügen könnte wär ich für ne mail dankbar.
Ich liebe die welt, und habe gut 30-40 von den oben angesprochenen romanen bei mir rumfliegen aber all meine versuche ne spielrunde anzuleier sind bisher nach der 2 oder 3 runde gescheitert.
Samson
Juli 12, 2008 um 3:25