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SEX vs H8

Mein Freund Joe und Wii Fit

mit 5 Kommentaren

Ich liebe es, im Fitnessstudio zu sein. Ich liebe es, dort zu pumpen. Ich habe mir im Verlauf des letzten Jahres 10 Kg Muskelmasse antrainiert und wiege nun 85 Kilogramm – mein Ziel sind die 95 – 100. Bei einer Größe von 1,86 wäres es genau richtig – ideal athletisch. Ich mache jetzt seit ein paar Jahren schon Sport und kann ruhigen Herzens behaupten, dass mir bis aufs Boxen noch nie etwas so viel Spaß gemacht hat wie Krafttraining.

Es ist einfach total cool, ein Trainingstagebuch zu führen und festzustellen, dass man mit 40 Kg Kniebeugengewicht eingestiegen ist, inzwischen jedoch ganze Sets mit 110 125 Kilo sauber schafft. Krafttraining ist das sportliche Äquivalent des Levelns in einem Computerspiel – man macht Fortschritte in deutlich messbaren Quanten, Arbeitet hart für den Aufstieg und kann die ganze Erfahrung mit Gimmicks aufwerten: eine Creatinkur ist mein verschwitztes Rüstungsset. Proteinshakes werden wie Gesundheitstränke aus der Quickslot-Leiste gezogen. Vor Levelaufstiegen stehen Endgegner, die Physis und Geist auf eine Probe stellen: Kapilarisierungsphasen, Maximalkraftwochen, Supersets. Wenn man eine Rollenspielerfahrung in einem einzig und allein dafür geschaffenen realweltlichen Kontext erleben möchte, muss man ins Gym und ein bisschen Bodybuilding betreiben. LARP ist wirklich nichts dagegen. Bei LARP hat man es ja in der Regel mit uncoolen, peinlich angezogenen Übergewichtigen zu tun, die so tun als seien sie elbische Zauberer. Im Gym hat man es mit Menschen zu tun, die unbewusst ihre alte Rolle verlassen und sich ganz und gar dem Atavismus schlechthin ergeben: Dem Streben nach Kraft. Dem behaarten Höhlen-Paarungs-Dingens. Dem Uga-Uga. Ein gutes Gym ist Cymmeria. Ein schlechtes Gym hat viele Geräte, ein Wellness-Programm und einen Haufen leptosomer Loser am Laufband. Ein gutes Gym ist insofern Cymmeria, weil es nur schweres Eisen hat und ein Dutzend Barbaren, die wie am “Wheel of Doom” unter Schmerzen und Anstrengung wachsen. So wie es Computerspiele gerne vermitteln würden, aber nicht können, weil ihnen die Unmittelbarkeit der Sinnesempfindung einer Knochenbude fehlt: Der Schmerz, der Geruch, die schwieligen Hände, die verletzten Schultern, der Schweiss und die Selbstüberwindung. Das Leveln des eigenen Körpers ist eine intensive, äußerst kathartische Erfahrung, ein befreiender, ganz und gar hormonell motivierter Atavismus.

Richtiges Krafttraining geht am besten mit einem treuen Trainingspartner. Ich habe das Glück mit einem meiner besten Freunde trainieren zu können; nennen wir ihn Joe. Joe ist total irre. Er spielt semi-professionell Eishockey (und hat bei der letzten Weltmeisterschaft der C-Mannschaften mitgespielt) und ist genauso ein Musclehead geworden wie ich selbst. Wenn wir abends etwas trinken gehen, verbringen wir etwa 60% unserer Gesprächszeit mit Krafttrainingverwandten Themen. Die übirgen 40% sind eine Mischung aus Sylvester Stallone und Boris Vian.

Joe ist für mich immer wieder faszinierend, weil er sehr wenig Ahnung von Video- und Computrpsielen hat. Er spielt nur Medal of Honour, weil er diese ganze WWII-Ding super findet (seine große Fantasie: Im zweiten Weltkrieg bei der französischen Resistance mitgekämpft haben zu können) und Metal Slug, wenn er in seiner Heimat ist und sich eine Spielhalle in der Nähe befindet. Joe und ich sind – um der Computerspieleanalogie treu zu bleiben – eine top Party. Als Trainingspartner harmonieren wir extrem gut. Wir feuern uns an, leisten und genau das richtige Maß an Hilfe, wenn einer abzukacken droht, trösten uns bei Misserfolgen und freuen uns gemeinsam bei Erfolgen. Ich glaube sagen zu können, dass unsere einst durch Intellektualität bestimmte Freundschaft durch das gemeinsame Training wohltuend geerdet wurde und nun durchaus diesen hemingway’schen Aspekt der “rugged manhood” aufweisen kann. Wenn wir mal nich über Dostojevski oder Proust sprechen (die wie beide fanboyhaft verehren), wird also vor allem gegrunzt.

So – da mein Freund Joe keine Ahnung von der Welt der Spiele hat, habe ich ihm von Wii Fit erzählt. Wii Fit berührt ja schon Plattformbedingt das Thema der Videospiele. Er verstand das Konzept nicht, da er intuitiv spürte, dass man vor dem Fernseher keine Risenmuckis bekommen kann. Und ja, natürlich leuchtete es ihm ein, dass es Menschen gibt, die nicht mehr wollen als das, dieses “bisschen Plazebo-Gehampel” (what he said) vor dem Fernseher, aber er empfand Nintendos bestreben Gesundheit und Konsolen anzunähern als feminisierend: So wie ich, hat Joe nun mal am meisten Spaß mit ganz und gar androzentrischen Sportarten. Er hat als ein ganz klares ästhetisches Problem mit Wii Fit.

Ich nicht. Wii Fit ist nichts für mich und würde mir bei meinem jetzigen Leistungsstand auch definitiv nichts bringen (ich bin zu gut dafür – was aber nicht schwer ist), aber ich finde, dass es eine gute Idee ist, Menschen, die aus zeitlichen oder persönichen (Scham, Angst vor dem neuen Umfeld) Gründen nicht zu Sport kommen, eine Möglichkeit zu bieten, Sport in ihre Freizeit einzubinden – dass Sport in diesem Fall unmittelbar an ein Gerät verknüpft ist, das mit Freizeit und Entspannung asoziiert wird, finde ich umso besser. Allerdings habe ich auch eine Vermutung, dass jene, die regelmäßig Sport treiben ebensowenig mit Wii Fit anfangen können werden wie ich: Es ist einfach Newbie-Kram und das meine ich ohne jede Kondeszendenz. Wir sind alle Newbies in irgendwas. Ich bin jedoch gespannt, ob es Menschen gibt, die durch Wii Fit Lust auf richtige sportliche Betätigung bekommen werden, so wie es viele Jugendliche gab, die durch die ganzen Tony Hawk’s-Spiele zum Shredden gekommen sind. Was sie sich da wohl aussuchen werden? Hoffentlich nicht Yoga. Schweres Eisen ist viel besser! Fragt Arnold:

Transzendenz und Sinnlichkeit in jeder Betätigung finden – Arnie kann es schon. Schade dass die meisten Computerspiele mich in dieser Hinsicht inzwischen ganz schön im Stich lassen. Das ist mein neues Kriterium: Ein Computerspiel ist dann gut, wenn es mir die Lebensintensivierung von drei Klimmzugsätzen vermitteln kann.

Da kann ich lange warten.

Written by balkantoni

Mai 3, 2008 um 11:00

Veröffentlicht in Flow

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5 Antworten

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  1. Wenn ich nicht pennen kann/will, browse ich neue, unkommentierte Einträge auf shodannews… Heute neu gelernt: Androzentrismus, Leptosom und Atavismus. Bildungs- und fitnessmäßig pwned – na doll. Immerhin habe ich ein paar Buchstabendreher gefunden. Und es wird “Cimmeria” geschrieben, aber “Cymmeria” ist wohl künstlerische Freiheit, um die Brücke zum “Gym” zu schlagen.

    Lebensintensivierung, öh… ich hau mich besser hin.

    HomiSite

    Mai 4, 2008 um 4:01

  2. Cymmeria war Absicht (aus eben dem Grund, den du nennst), ebenso wie der Stallone / Vian-Reim, oder die leptosome/Loser/Laufband bzw. Schwielen/Schweiss/Schultern-Alliterationen. ;)

    Lass dich nicht fitnessmäßgi pwnen! Ab ins Gym, danach schläft man wie ein Toter!

    balkantoni

    Mai 4, 2008 um 9:02

  3. Ich fand besonders schön, wie Du die Liebeserklärung von einem Freund an den anderen in einer Rollespielanalogie untergebracht hast…

    SpielerZwei

    Mai 5, 2008 um 10:49

  4. So ein bisschen male bonding hat noch keinem geschadet!

    balkantoni

    Mai 5, 2008 um 11:46

  5. Bis auf einige Anspielungen die wohl nur ein Bücherwurm versteht, fand ich den Text sehr witzig und unterhaltsam.

    Adi

    Juli 9, 2008 um 5:55


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