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SEX vs H8

World of Warcraft: Keltenkitsch-Sweatshop

mit 16 Kommentaren

Ja, ich weiß – es wird Zeit, dass ich Word of Warcraft mehr als nur ein bisschen abfälligen Sarkasmus widme. Dass sich in erster Linie eine Chance dazu ergibt, habt ihr meinem Bruder zu verdanken, der mich überredet hat, mit ihm zu spielen. Also habe ich World of Warcraft gekauft, die wohl längste Installation meines Lebens durchgemacht (NOCH länger als jene von Schleichfahrt, die etwa eine Woche zu dauern schien) und dann angefangen zu spielen.

WOW bleibt ein Mysterium für mich. Einerseits hat es ein tolles Skill- und Ausrüstungssystem und eine schöne große Welt, die alle erschlossen und erforscht werden möchten, andererseits wird man von hunderten eigentlich identischer “Töte 15 Knöchehauer von Pimmeldorn”-Quests erdrückt. Man macht bei jeder Session das Gleiche, in der Hoffnung, bald gut genug zu sein, um eine der infamen Instanzen zu spielen. Diese Instanzen sind wiederum unvernünftig langwierig und zeitintensiv. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, jemals (wie mein Bruder) 7 Stunden in ein Raid zu investieren. Das sind 7 Stunden in denen ich im Fitnessstudio pumpen, Gitarre spielen, Freunde treffen und noch nebenbei ein bisschen Computer spielen könnte. Ich finde diese implizite strukturelle Forderung der Selbstaufgabe an / für das Spiel seitens Blizzard jedenfalls wirklich verstörend.

Mein Interesse an WOW ergibt sich daher vor allem aus der Tatsache, dass ich mit meinem Bruder gemeinsam spielen kann – letztens hat er mir geholfen, einen Ort namens “Die Todesminen” (sehr originell, Mr. Blizzard) zu plündern und wir haben dabei einen Typ getötet, der so heißt wie ein Westernschauspieler. Das war eigentlich ganz cool – nur Schade, dass ich danach erst einmal “leveln” musste, weil mein Bruder sagte, dass ich stärker werden müsse, um die richtig tollen Instanzen zu erleben – dabei fand ich die odesminen schon ganz gut. Es gab ein Piratenschiff! Aber nun zum “leveln”: Das ist ein Wort, das für mich fast Synonym ist mit der brutalen Arbeit, die chinesische Immigranten an der Nähmaschine in irgendeinem kalifornischen Sweatshop verrichten müssen. Man macht IMMER. WIEDER. DAS. GLEICHE. Man drückt IMMER. WIEDER. DIE. GLEICHEN. KNÖPFE. Es ist eigentlich entsetzlich – es fehlt wirklich nur noch ein Triade, der mich von hinten anschreit, wenn ich mal umkomme und zwei minuten lang zu meiner Leiche laufen muss, um wiederbelebt zu werden. Überhaupt: Dafür dass man in WOW immer wieder das Gleiche tun muss, dauert dieses “das Gleiche” – ob es nun das Töten oben genannter “Knöchelhauer” oder das Sammeln von Weizen für ein hungriges Pferd (sehr aufregend, Mr. Blizzard) – sehr, sehr lange. World of Warcraft ist druchaus auch eine unglaublich übergewichtige, langsame und unangenehme Erfahrung. Wie Knutschen mit einer Opernsängerin (fragt nicht). Ich würde fast sagen, dass man sich in einem Saint Vitus-Song gefangen glaubt, aber diese sind zumindest hypnotisch und faszinierend. WOW ist in schlimmsten Momenten einfach nur saulangweilig und repetitiv. Jetzt mal ehrlich: Wie sehr muss einem die Welt die Sensibilitäten erodiert haben, damit man von World of Warcraft süchtig wird? Das kann doch nur Leuten passieren, die nie etwas anderes als Robert Jordan gelesen haben und glauben, Geisteswissenschaften seien “Laberfächer”. Das kann doch nur jemandem passieren, der ebenfalls bereit wäre von der Arbeit am Fließband süchtig zu werden – insbesondere wenn er für diese mit Erdnüssen belohnt worden wäre. Und einmal – stellt euch das mal vor – alle paar Wochen, wäre unter den Erdnüssen eine grüne Erdnuss gewesen. Und unser insensitiver Junkie wäre der König des Fließbandes gewesen, weil kein anderer die GRÜNE ERDNUSS DES FLIEßBANDS gehabt hätte.

Kein Wunder, dass man da eine Sucht entwickelt.

Abschließend will ich sagen: Auch wenn es bei meinem Spielepensum noch ein paar Jahre dauern wird, bis ich stark genug bin, um mit meinem Bruder irgendwelche richtig aufregenden Kerker zu plündern, werde ich WOW nicht so intensiv spielen wie ich müsste. Ich habe nicht die Zeit und dafür ist das Spiel auch nicht aufregend genug. Jedenfalls finde ich es persönlich aufregender UNTERSCHIEDLICHE Sachen zu machen. Und nicht nur immer das Gleiche. Wenn ihr allerdings Tipps habt, wie man die eigene Spieleerfahrung aufpeppen kann, dann bitte her damit.

Oh ja – noch ein note to self: Auf keinem Fall um 14:00 spielen. Da kommen die ganzen Kids aus der Schule. Das Zeug, das sie erzählen ist so behämmert, das es fast schon eine psychedelische Erfahrung ist. Originalzitat aus Sturmwind heute: “lol, gibt keine schlechten pornozzz ^^!!1!” Tja. Jetzt wisst ihr es. Noch ein Grund WOW nicht zu oft zu spielen – wer will schon seine Zeit mit solchen Imbezilen verbringen?

Written by balkantoni

April 11, 2008 um 9:25

Veröffentlicht in Rezension

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16 Antworten

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  1. Schöne Überschrift :-)

    WoW macht nicht süchtig obwohl es wie Arbeiten ist, sondern weil es wie arbeiten ist: http://bedeutungswirbel.wordpress.com/2008/02/21/wow-sucht-im-postfordismus-arbeit-im-spiel/

    Benni

    April 12, 2008 um 9:23

  2. Sage ich ja auch oben – mit der Einschränkung, dass es eben nur bei mediokren Trotteln geht. Wenn WOW zumindest einen überwältigenden Rausch vermitteln könnte… aber nein. Es ist bloß die für manche überwältigende Illusion, etwas lohnenswertes zu tun. Ich traue mich jetzt gar nicht die offensichtlichste Verbindung herzustellen: Die ganzen Hartz IV-WOW-Junkies und das große Kapitallismus-Substituieren. Bäh, bäh, bäh. Nein Danke, in meiner Welt kann man weder vom Kapitalismus noch von der Arbeit süchtig werden. Vielleicht ist es eine kulturelle Sache. Was meinst du Marc, mein Slawe im Bunde?

    balkantoni

    April 12, 2008 um 12:09

  3. “Wie sehr muss einem die Welt die Sensibilitäten erodiert haben, damit man von World of Warcraft süchtig wird?” – LOL!

    Na ja, ich selbst habe WoW bisher nie selbst und länger gespielt, habe aber auch keine Motivation dafür noch das Verlangen, dafür Monatsgebühren zu zahlen. Außerdem würde es auf meinem PC wohl eh nie laufen.

    Ich denke, die Suchtwirkung bei WoW ist wie die bei Diablo und Konsorten: Eigentlich macht man dort doch auch immer das selbe, nur die Umgebungs- und Gegnergrafik ändert sich. Man selbst bzw. der Charakter wird derweil jedoch kontinuierlich mächtiger, kriegt bessere “Skills” und Equipment. Und ein “uber-leet, all-pwning Brawler” zu sein kann durchaus befriedigend sein. Diablo & Co. haben mich trotzdem nie gereizt, ich will auch ‘ne gute Story erleben und rollenspielen.

    HomiSite

    April 12, 2008 um 3:32

  4. “Ich denke, die Suchtwirkung bei WoW ist wie die bei Diablo und Konsorten: Eigentlich macht man dort doch auch immer das selbe, nur die Umgebungs- und Gegnergrafik ändert sich. Man selbst bzw. der Charakter wird derweil jedoch kontinuierlich mächtiger, kriegt bessere “Skills” und Equipment. Und ein “uber-leet, all-pwning Brawler” zu sein kann durchaus befriedigend sein.”

    Nicht zu diesem Preis – glaub’s mir.

    balkantoni

    April 12, 2008 um 11:49

  5. Aber offensichtlich überwiegt das Verlangen nach einem immer besseren Charakter die Langeweile der repetitiven Aufgaben, sonst würden es doch nicht so viele Leute spielen (und Geld dafür zahlen).

    Na ja, man ist da wieder bei der Kernfrage: Warum spielen’s “alle”? Weil es eben “jeder” spielt? Weil es das “beste MMORPG” ist – oder nur das einsteigerfreundlichste/simpelste?
    So weit ich weiß spielen die Rollenspieler bzw. entsprechende Server nur eine untergeordnete, äh, Rolle. Und einfach nur die riesige Welt erkunden machen doch sicher auch nicht allzu viele, oder?

    HomiSite

    April 13, 2008 um 1:22

  6. Ich glaube, dass es für die Rollenspieler eigenen (und wohl auch gut besuchte) Server gibt auf denen die Gamemaster OOC-Verstöße teils sehr streng (etwa mit Spieleverbot) ahnden. Ansonsten – ja, bei vielen scheint die Formel zu funktionierer. Vielleicht werde ich mehr Spaß haben, wenn ich erst einmal höher im Level bin. Mal sehen…

    balkantoni

    April 13, 2008 um 3:15

  7. Für mich ist Arbeit nicht die Droge, sondern die Reha. Abgesehen davon glaube ich nicht an WOW. Ich hatte ehrlich gesagt etwas Angst, mir einen Testaccount zu erstellen, da ich mich selbst als potentiell suchtgefährdet eingestuft habe. Was dann folgte, waren die langweiligsten Stunden meines Lebens seit dem Firmunterricht. Nochmal Glück gehabt.

    marc

    April 13, 2008 um 8:18

  8. Zu Arbeitsdetox: Seit ich arbeite, bin ich nur noch nach einer Sache süchtig – dem SCHLAF! Ansonsten zu Detox: Am besten mit Dr. Dre, sag’ isch!

    balkantoni

    April 13, 2008 um 9:27

  9. Wenn die Platte noch dieses Jahr erscheint, spiele ich einen Monat lang nur noch Wiggles und Paraworld.

    marc

    April 14, 2008 um 10:15

  10. Du wirst diese Worte bereuen.

    balkantoni

    April 14, 2008 um 12:34

  11. Wieso? Mögt ihr Wiggles und Paraworld nicht? Sollen doch beides gute, wenn auch kommerziell wenig erfolgreiche Spiele sein?

    HomiSite

    April 14, 2008 um 6:34

  12. Von “nicht mögen” kann man eigentlich nicht sprechen. Wiggles zu spielen ist nur so wie Berlin Alexanderplatz zu lesen. Und Paraworld….ach, Paraworld. Ich hätte gerne so viel Potenzial wie das Spiel verschenkt hat.

    marc

    April 14, 2008 um 8:14

  13. Marc, das heißt POTENZ, nicht POTENTIAL.

    balkantoni

    April 14, 2008 um 8:17

  14. tschuldi.

    marc

    April 14, 2008 um 8:34

  15. Njahahaha!

    balkantoni

    April 14, 2008 um 11:01

  16. Wie geil, ich hab Tränen gelacht. :)

    Herzlichen Glückwunsch, du hast das Grinden für dich entdeckt.
    Spass kann man aber dennoch haben. Ich hab WoW zwar nur kurz gespielt, aber mit einer netten Gilde kann man durchaus viel Spass haben.

    PS. die “GRÜNE ERDNUSS DES FLIEßBANDS” ist echt der Oberbrüller. :) )))

    Adi

    April 27, 2008 um 10:15


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