These nerds are made for zockin'

eidotrrio!

Kane & Lynch: Moral und Meta

mit 22 Kommentaren

Vorab: Es wird Spoiler geben. Lest diesen Artikel nicht und haltet euch fern von den Videos, falls ihr das Spiel noch nicht gespielt habt.

Ich habe mich lange auf Kane & Lynch: Dead Men gefreut, um dann zunächst enttäuscht zu werden. Wie ich bereits geschrieben hatte, besaß das Spiel eine unzuverlässige Steuerung , war superschwer und hatte auch mit ein paar seltsamen Designentscheidungen zu kämpfen (etwa das Deckungssystem oder die manchmal unklaren Spielziele). Nach der ersten Installation befand sich das spiel etwa drei Tage lang auf meinem Computer, bevor ich es dann löschte. Letzte Woche, in einem Anfall von Altersmilde, installierte ich es wieder und spielte es diesmal durch.

Und nein, ich bin nicht mehr enttäuscht. Der Grund dafür ist einfach: Kane & Lynch schafft es auf eine unaufdringlich Art, sich selbst zu erörtern. Das hört sich jetzt vielleicht aufgeblasen an – es würde sich noch schlimmer anhören, wenn ich gesagt hätte, dass Kane & Lynch für mich das erste wahre Meta-Spiel ist – aber ES STIMMT!

Bear with me.

Kane & Lynch ist ein unglaublich brutales Spiel – nicht im Manhunt-Sinne gory, sondern einfach furchtbar amoralisch. Die Hauptfiguren des Spiels schießen sich durch wahre Legionen von Gegnern. In Kane & Lynch sterben buchstäblich HUNDERTE von Polizisten, Gangstern, Söldnern und auch Unschuldigen. Kane & Lynch ist nicht das erste Spiel in welchem dies möglich ist, allerdings ist es das erste Spiel, welches nach meinem Wissen, dies a) nahezu unvermeidbar macht, um dadurch b) die eigene Moralthematik gewissermaßen mit dem Spieler zu erörtern. Der Tod Unschuldiger ist in diesem Spiel fest in der Figurenkonstellation verankert: Man Spielt einen amoralischen, machiavellistischen Söldner, der, von einem mega-Psychopathen begleitet, versucht seine Familie zu retten. Indem der Spieler in Situationen gebracht wird, in denen er gezwungen ist, den Tod unbeteiligter Figuren, die sich im Kreuzfeuer befinden, in Kauf zu nehmen, um zu überleben, wird er zugleich gezwungen als logische Fortsetzung der von ihm gesteuerten Figur zu agieren. In Kane & Lynch findet also eine Umkehrung der bekannten Muster des Computerspielens statt – die Figur ist nicht mehr eine leere Polygonhülle, die erst vom Spieler gelotst werden muss, um eine Identität zu bekommen. Kane ist eine Figur, welche die Logik und dadurch die Mechanik dieses Spiels durch ihr amoralisches Profil bestimmt. Der Spieler ist dieser Figur und ihrer Welt vom ersten bis zum letzten Level ausgeliefert.

Während das Sterben Unschuldiger isoliert als eine authentizitätsstiftende Oberflächlichkeit interpretiert werden könnte, so wird am Spielende klar, wie konsequent IO-Interactive diesen moralischen Diskurs nehmen und wie gut sie Peckinpahs Wild Bunch (irgendwie erwähne ich diesen Film ständig in letzter Zeit) verstanden haben.

Kane & Lynch erlaubt nämlich zwei Enden. Zum Ende des Spieles hin, hat der Spieler die Entscheidung, ob er mit seiner geretteten Tochter im Hubschrauber fliehen und dabei seine umzingelten Mitkämpfer zurücklassen möchte, oder ob er eben diesen Mitstreitern zur Hilfe eilt. Die erste Entscheidung sorgt dafür, dass Kane von seiner Tochter verachtet wird (sie bringt das mit einer ziemlichen Unversöhnlichkeit zum Ausdruck) und sich als tatsächlicher Verräter herausstellt – ein Vorwurf, der im Laufe des Spiels mehrmals vorgebracht wird, ohne jedoch jemals präzisiert zu werden, und über dessen Stichhaltigkeit der Spieler nun entscheiden darf. Das alternative Ende lässt Kane einen seiner Mitstreiter retten, jedoch kommt bei diesem Rettungsversuch seine Tochter um.

Man hat also in Kane & Lynch die Wahl zwischen tragisch und herzzerreißend – es gibt definitiv kein happy ending. Und das ist so gut, denn es wird der Hauptfigur und dem Spieleverlauf gerecht.

Die außerordentliche Gewalt des Spiels findet somit keine Gratifikation und der Spieler wird in beiden Fällen mit einem Ausgang zurückgelassen, welcher sowohl das von seiner Figur verursachte als auch empfundene Leiden in einer wahrhaft lessing’schen Katharsis münden lässt. Es kann keine stärkere moralische Bewertung einer Figur und ihrer Handlungen durch ein Spiel geben als diese: die Verweigerung des Spieleerfolgs. Dies ist besonders interessant, wenn wir bedenken, dass in diesem Spiel eben der Spieler zur Fortsetzung der Figur wird (und nicht umgekehrt; siehe oben) und daher genau so bewertet wird wie die Figur selbst.

Bei mir hinterließ Kane & Lynch nach dem Spielen beider Enden ein Gefühl tiefer Erschütterung und Trauer und ich beschäftigte mich noch lange mit den Figuren und ihrem Scheitern. Der kathartische Effekt war ungewohnt stark und, auch wenn es sich etwas seltsam anhören sollte, sehr wohltuend. Es war wohltuend, nicht schon wieder ein Spiel gespielt zu haben, welches mich unkommentiert Knietief durch Blut waten ließ. Der moralische Ambivalenz mit der ich mich nun auseinanderzusetzen hatte, war großartig und befreiend.

Unser Scheitern beeindruckte mich jedoch auch auf einer anderen Ebene: Kane & Lynch implementierte die eigene, durchaus moralische, Botschaft auf der Ebene der Spielemechanik. Das Spiel dekonstruiert mit einer Verweigerung des Erfolgs, des befriedigenden Durchspielens, die eingebürgerten Mechaniken des Computerspiels, in denen Gewalt eine bizarre Automatisierung (durchaus auch abstrahiert) erfährt und jeder Gewaltakt bloß eine weitere, selbstverständliche Stufe auf der Treppe zum Erfolg darstellt. IO Interactive lassen genau diese Verwässerung / Instrumentalisierung der Gewalt so absurd, destruktiv und widersinnig erscheinen wie sie letztendlich ist. Gewalt führt bei Kane & Lynch einzig und allein ins Unglück – auf dem Weg dahin, darf sich der Spieler all’ den Verhaltensmustern hingeben, die er sich seit Wolfenstein 3D ankonditioniert hat. Am Ende wird er bloßgestellt, weil er geglaubt hat – und sei es auch nur für einen kurzen Moment -, dieses Spiel könne in etwas anderem als einer Katastrophe enden.

Kane & Lynch ist eine ganz große Nummer und ein Spiel, dessen emotionale und moralische Sensibilität sich in einem faszinierenden Spannungsverhältnis zu dessen Mechanik befinden und alle periphären Mängel (Steuerungprobleme etc…) transzendieren. Vielen Dank dafür, IO Interactive.


Geschrieben von balkantoni

März 12, 2008 um 12:03

Veröffentlicht in Rezension

Verschlagwortet mit

22 Antworten

Abonniere die Kommentare per RSS.

  1. Ich habe das Spiel nicht gespielt, aber dass der Spieler am Ende nicht wirklich gewinnen kann, ist schon eine interessante Idee angesichts der Gewalttätigkeiten im Spiel (Disko…).

    Ich kann natürlich nicht sagen, ob mich die Enden auch entsprechend getroffen hätten, bin in meinen Reaktionen auch meist „pragmatischer“. Ich wäre aber bestimmt enttäuscht, da ich z.B. in Rollenspielen versuche, immer alle Parteien zu bedienen.

    HomiSite

    März 12, 2008 um 8:48

  2. Ja, das mit den Rollenspielen kenne ich von mir selbst. Außerdem fällt mir gerade auf, dass ich noch nie ein Rollenspiel als ein „böser“ charakter gespielt habe – ich bin immer der Gutmensch. Wahrscheinlich war Kane & Lynch gerade deswegen so ein Hammer für mich; mir wurde nicht nur diese ungewohnte Perspektive aufgedrängt, ich war darüber hinaus gezwungen, mich mit den Konsequenzen meiner Handlungen auseinanderzusetzen.

    balkantoni

    März 12, 2008 um 9:03

  3. Ich hab nur die Demo gespielt und muß sagen, das war schon sehr geile Action. Mich vom Dach des Hochhauses bis runter auf die Straße durchzuballern war schon sehr cool und hat mich am Ende etwas an Heat erinnert. Einen Verbrecher zu spielen ist mal eine willkommene Abwechslung zu den ewigen Googguys.

    Nach der Demo war mein erster Gedanke, das Spiel muß ich haben, sofort!
    Leider mußte ich feststellen, daß die PC Version wohl noch sehr viele Macken hat, deßhalb warte ich auf die ersten Patches, bis dahin gibts das Spiel dann vieleicht auch schon billiger.

    Adi

    März 13, 2008 um 3:59

  4. Achja, schöne Seite habt ihr hier. :D

    Adi

    März 13, 2008 um 4:00

  5. Danke für das Lob.

    balkantoni

    März 13, 2008 um 2:02

  6. Das Spiel gibts inzwischen fürn Zwanni, wenn das kein Grund ist zuzuschlagen.

    Adi

    März 17, 2008 um 6:03

  7. Nachtrag: In GameStar 4/08 gab es einen sechsseitigen Report „Bitte aufhören!“ zum Thema Anfänge und Enden in Spielen. Auf S. 140 schreibt Christian Schmidt:

    „Es gibt weitere gefährliche Möglichkeiten, das emotionale Investment der Spieler nicht ernst zu nehmen. Kane & Lynch hat zwar mehrere mögliche Enden – aber alle sind schlecht; selbst die größtmögliche Anstrengung der Spieler führt so zwangsläufig zur Enttäuschung.“

    HomiSite

    März 31, 2008 um 1:10

  8. Tja, was soll ich denn dazu sagen? Christian Schmidt sollte es sich vielleicht überlegen, für eine Frauenzeitschrift zu schreiben.

    balkantoni

    März 31, 2008 um 1:49

  9. und in den leserbriefen der aktuellen ausgabe hat jemand das ende von „mafia“ als unbefriedigend kritisiert, ich habe das heft aber nicht ausschließlich deswegen absichtlich im ICE vergessen.

    marc

    März 31, 2008 um 9:58

  10. 5,30 EUR lässt du einfach liegen?! Na ja, ich kann mich ja mal als GS-Sammler outen – alle regulären Ausgaben. Von den dt. PC-only-Mags ist’s doch noch das beste. Am schönsten finde ich aber interessanterweise den 10-Jahres-Rückblick auf DVD (ausgewählte Spiele aus der Ausgabe von vor – Überraschung – zehn Jahren werden gezeigt und kommentiert).

    HomiSite

    April 1, 2008 um 1:55

  11. ich habe die ausgabe für 3,50 gekauft…die DVDs sind für mich immer sternstunden der fremdscham.

    marc

    April 1, 2008 um 9:51

  12. Wieso denn? Also für mich hat Raumschiff Gamestar erst den Reiz verloren, als man Mick Schnelle gekickt hat.

    balkantoni

    April 1, 2008 um 2:42

  13. Spannender Beitrag – ich habe gerade Kane & Lynch durchgespielt und war wegen der beiden negativ ausgerichteten Enden etwas irritiert – Euer Beitrag hat mich gleich nochmal ins Nachdenken gebracht.

    Bjoern

    Juni 2, 2008 um 1:02

  14. habe auch gerade des game durchgespielt und habe gegoogled um eine antwort zu finden auf die frage ob es wirklich nur 2 enden gibt… dake für den beitrag oben! er ist überaus hilfreich und erklärt einige gefühle die sich bei mir bemerkbar gemacht haben. alles in allem kann ich auch nur sagen – dankde dafür an die entwickler, sehr sehr gute arbeit ;)

    Grevee

    November 29, 2008 um 10:50

  15. Na das ist doch Mal ein Lob – vielen Dank!

    balkantoni

    Dezember 1, 2008 um 7:39

  16. auch wenn dieser artikel doch schon den ein oder anderen tag hinter sich gebracht hat, will auch ich mich beim autor bedanken…
    wenngleich ich mir für das spiel nichts sehnlicher gewünscht hätte wie ein positives ende („in jedem steckt auch etwas gutes“ oder „der wandel vom schlächter zum sühner“), sind die beiden enden dennoch der wohl verdiente preis für das fallen lassen jeglicher moralischen werte (im spiel)… leider werden solche enden häufig als „beschissen“ abgetan… aber dafür gibt es ja personen, die einem das ganze erklären wollen tun ,-))) … DANKE!!!

    beutel vom tier

    Dezember 11, 2008 um 5:02

  17. Ein größeres Lob kann es nicht geben und das ist mein ernst!

    balkantoni

    Dezember 11, 2008 um 6:56

  18. Hey!
    Ich schließe mich Deinem Artikel hier voll und ganz an; Leider sind die meisten Menschen einfach verwöhnt vom üblichen blassrosa-Hollywoodende, wo alles gut wird. *g* Und ich wage zu behaupten, dass die meisten Leute, die die „sinnlose“ Gewalt in diesem Spiel verteufeln, sicher auch den einen oder anderen Negativkommentar zum Ende abzugeben haben.
    Aber es wird wohl wenig sinn haben, diesen zu erklären, dass ein anderes Ende die gesammte Stimmung des Spiels und die konsequente Logik, die in der sinnlosigkeit der Gewalt, die die Protagonisten ausüben „müssen“ innewohnt, zerstören würde.
    Immerhin, mit diesem Ende bekommt die Figur die Rechnung für sein Leben präsentiert – und nichts anderes wäre an dieser Stelle denkbar gewesen!
    Vielen Dank für Deinen Beitrag – es ist schön zu sehen, dass es noch Menschen gibt, die auch bei einem Computerspiel noch ihr Hirn einschalten und mitdenken, das scheint ja ansonsten aus der Mode gekommen zu sein!
    Liebe Grüße und ein frohes neues Jahr!

    MikeTheMan

    Dezember 30, 2008 um 3:36

  19. Vielen Dank für dein Lob Mike und dir auch ein frohes Neues!

    balkantoni

    Dezember 30, 2008 um 3:38

  20. nach dem durchspielen von kane & lynch hab ich zuerst gedacht :’wie jenny ist tod, das kann ja nich sein.’ zack nochmal geladen und mit dem hubschrauber geflüchtet, und wieder dasgleiche: ‘und jetzt hassen jenny und lynch mich? so kanns doch auch nicht enden’. und bei meiner suche nach einem happy-end bin ich auf deinen artikel gestoßen und mir ist klar geworden, was diese enden eigentlich für eine bedeutung haben, vielen dank dafür

    jan

    Januar 19, 2009 um 11:49

  21. So für die Zukunft wären Spoiler-Tags ja vielleicht ganz nett…
    K&L interessieren mich zwar ‘nen Scheiß, aber hey…

    Aulbath

    Januar 20, 2009 um 12:04

  22. dieser artikel hat sich im lauf der zeit eine treue fanbase erspielt…

    marc

    Januar 20, 2009 um 12:05


Eine Antwort schreiben