Begeisterungsunfähigkeit
Wie Marc bereits vermerkt hat, fällt es uns beiden in letzter Zeit sehr schwer, uns noch für Spiele zu begeistern. Ich habe in den letzten Monaten wiederholt versucht mich wieder fürs Spielen zu motivieren und hatte dabei stets dieses deplazierte Gefühl, erneut mitten im Abitur-Wiedertreffen zu sitzen und dabei festzustellen, dass sich wirklich keiner dieser Menschen nennenswert verändert hat. Äußerst deprimierend.
Ich spiele seit über zwanzig Jahren Video- und Computerspiele. Ich glaube, dass ich mich wirklich als Vetranen des Spielens bezeichnen könnte – ich habe meine halbe Kindheit damit verbracht vor dem Atari zu hocken und in den Spielhallen Sarajevos vor Spieleautomaten abzuhängen. In Zeiten, in denen ich nicht Spielen konnte – etwa während des Krieges in Bosnien – habe ich mich stets nach Computerspielen gesehnt. Die kurzen Intervalle, in denen es während der Kriegszeit in Sarajevo Strom gab, habe ich damit verbracht, zusammen mit Freunden vor dem PC meines Vaters zu sitzen und die Spiele auszuprobieren, die wir irgendwelchen Mitarbeitern der ausländischen Hilfsorganisationen geklaut hatten. Ich habe Loom mitten in einem Bombardement beendet. Ich habe versucht einem deutschen Journalisten seinen Game Gear abzuschwatzen – er hatte versprochen, mir den Game Gear zu schenken, falls ich ihn zu Orten bringe an denen während der Anfangszeit des Krieges die Frontlinie verlaufen war; ich hatte ihm mehrere solcher Orte gezeigt (die Gegend in der ich gelebt habe war in den ersten Monaten des Krieges in umittelbarer Frontnähe), aber er wollte am Ende seinen Handheld doch nicht ‘rausrücken. Was für ein Arsch. Ein englischer UN-Soldat ließ mich einmal in einer Zeitschrift einen Artikel über DOOM lesen und sorgte dafür, dass ich von diesem Spiel monatelang schwärmte. Man sieht: Selbst während des Krieges waren Computerspiele (neben Comics, aber das ist ein anderes Thema) für mich eine der wichtigsten Sachen in meinem Leben.
Und sie sollten es auch später bleiben. All’ meine anderen Leidenschaften waren stets gleichwertig mit meiner Begeisterung für Spiele – ob Training oder Band, alles was ich tat musste mit Computerspielen mithalten können. Es war also nie der Fall, dass Computerspiele nur ein „guilty pleasure“ waren, eine Infantlilität, die ich zwischen lebensbedeutsame Beschäftigungen einschob, um ein bisschen zu entspannen: Sie waren meine große Leidenschaft und ich verbrachte viel Zeit damit. Ich habe während meines Studiums mehr als einmal 24 Stunden durchgespielt, um dann am nächsten Tag alle Seminare ausfallen zu lassen.
Und jetzt scheint es vorbei zu sein. Ich habe an Computerspielen überhaupt keinen Spaß mehr. Ich spiele höchstens noch eine halbe Stunde täglich und es reihen sich inzwischen auch Tage an denen ich überhaupt nicht mehr spiele.
Ich habe keine Ahnung woran es liegt. Vielleicht ist es Burnout, vielleicht habe ich einfach alles was die Industrie im Moment zu bieten hat schon drei Mal gesehen, vielleicht, vielleicht… Fest steht, dass es mir die plötzlich verfügbaren Zeitmengen erlaubt habe, Skills an der Gitarre zu bekommen, von denen ichfrüher nur träumen konnte und endlich im Fitnesstudio mein Wunschgewicht zu erreichen (dazu sei gesagt, dass ich eine der wenigen Personen bin, die dürr genug sind, um zu trainieren, um schwerer zu werden). Ich habe dieses unheimliche Gefühl, dass mir meine Computerspileabstinenz alles andere als geschadet hat, und dass ich, wenn ich wieder Lust auf das Spielen bekomme, nicht mehr in der Lage sein werde es mit der gleichen Hingabe und zeitlichem Aufwand zu genießen wie früher.
In diesem Sinne:
So habe ich mich vor etwa zwei bis drei Jahren auch gefühlt. Hat sich bei mir damit geändert das ich den ollen PC habe PC sein lassen und mir eine aktuelle Konsole (damals GC) gekauft habe. Eigentlich nur wegen Donkey Konga, weil das auf Parties so nen Spaßß gemach hat. Tja und da hab ich dann für mich gesehen das es gute Spiele auch woanders gibt. (War vorher wirklich absoluter hardcore PC-Spieler)
Ist sicher ne andere Situation, aber für mich war da einfach klar das meine Hardcorezeit vorbei ist. Ich werde nicht mehr 6 Wochen am Stück Fallout 1 & 2 durchzocken. (Naja, vielelicht doch noch einmal, irgendwann….). Ich werde stattdessen Peggle kaufen, mehr XBLA als normale 360 Spiele besitzen und nur noch selten den Einzelspielermodus starten (ja, slebst Zelda fängt mich nicht wirklich, ohne das ich mich erst zwinge lange Zeit dabei zu bleiben). Ich bin irgendwie mehr zu einem Casualgamer geworden. Aber das mit ganzem Herz.
Der Bonk
März 6, 2008 um 9:15
Geht mir ähnlich – meistens spiele ich das von dir genannte Peggle gegen meine Freundin oder eben so was wie Meteos und Tetris DS. Tja, mal sehen wie sich das Ganze entwickelt…
balkantoni
März 7, 2008 um 12:42
Ich glaube, die „Hardcore-Phasen“ gehen bei jedem irgendwann vorbei, dazu müssen nicht mal neue, wichtigere Lebensinhalte auftauchen. Ich interessiere mich immer noch sehr für die Branche und Neuerscheinungen, aber viel zocken – nee.
Ich habe dutzend Spiele angefangen, viele davon gut, aber die unbedingte Motivation, sie (schnell) durchzuspielen, ist nicht mehr da. Sobald es mal schwerer/langweiliger/whatever wird, mache ich Pause. Und mache dann oft nie mehr weiter.
„Du hast dich verändert, man, früher ging es dir noch um die [Musik].“
HomiSite
März 7, 2008 um 3:46
Ja, genau so ist es bei mir – die Zahl der Spiele, die ich inzwischen nicht mehr beende ist fast dreistellig! Dabei habe ich früher selbst so einen Schund wie Far Cry bis zum Ende gespielt, ohne mich dafür zusätzlich motivieren zu müssen. Die Hardcore-Phase musste wahrscheinlich wirklich irgendwann vorbeigehen, allerdings hat es mich überrascht, dass der Einbruch so plötzlich und – wie du ja auch sagst – ohne signifikante Begleitumstände (Kinder, plötzlicher Hollywood-Ruhm) kam.
Naja, ich freue mich trotzdem ein bisschen auf Mass Effect.
balkantoni
März 7, 2008 um 9:20
[...] inzwischen das Computerspielen jedes Mal mit Sport oder einem Spaziergang, insbesonder seit meinem Spiele-Burnout. Nicht, dass ich das jetzt irgendwie weitermpfehlen möchte. Zurück zum Thema: Während meiner [...]
Freiheit für Balkan Toni! « These nerds are made for zockin’
April 29, 2008 um 3:26
Mmh, auf jeden Fall sind meine Spiele, die ich nicht mehr durchspiele, auch im Vergleich zu früher gestiegen.
Aber allen vorran bei Wii Spielen habe ich manchmal immer noch so einen Heidenspaß, wie als ich ein kleiner Junge war^^.
ness
April 29, 2008 um 4:54
[...] Ich hatte ja berichtet, dass ich mich nun lange Zeit in einem Burnout-Zustand befand, was Spiele betraf. Langsam komme ich da raus und empfinde wieder Spaß am Spielen. Ich [...]
Mehr Licht! « These nerds are made for zockin’
Juli 12, 2008 um 10:31
Ich stocke eigentlich im Augenblick nur die „alte Spiele“-Sammlung auf (gerade 20 Master System Titel gekriegt), hin und wieder erwische ich mich dabei wie Gametrailer mich in Freude versetzen… spätestens bei den meisten Gameplay Videos stellt sich aber wieder Ernüchterung ein. Bis auf Diablo 3, StarCraft 2, Force: Unleashed und Dawn of War 2 gibt’s eigentlich kaum was am Horizont was mich wirklich umhaut… erschreckend dabei ist, das ich Mitte der 90er eigentlich auf dem totalen Japan-Trip war, und mir jeden Scheiß reingezogen habe, wenn’s aus dem Fernen Osten kam (inklusive durchprobieren aller Menüpunkte, und umständlichen Übersetzungen aus dem Netz zum Danebenlegen und während des Zockens lesen). Da geht im Augenblick so gut wie GAR NICHTS… was echt sehr Schade ist.
Hin und wieder kommt mal ein Etrian Odyssey oder eine Chrono Trigger Port für den DS, das ist dann aber auch schon alles. Die großen Konsolen sind leider pure Langeweile… mal schauen ob Wario Shake da irgendwas reissen kann. Exzellent aussehen tut es ja schon mal.
Sehr witzig ist, das es mir momentan mit Miniaturen-Spielen aller Art geht wie zu meiner Hochzeit der Computer- und Videospiele… das ist alles so schön bunt hier, muß ich haben, muß ich spielen… ist schon irgendwie eigenartig.
Aulbath
Juli 13, 2008 um 11:06
Witzig. Ich habe nämlich vor kurzem die ersten beiden „Gold Games“-Compilations ersteigert, da sie voller Spiele sind, die ichseit längerem wieder spielen wollte: Das ganze Silmaris-Zeug (vor allem die „Ishar“-Reihe), „Whale’s Voyage“ usw…
Ansonsten hatte ich bei mir auch eine Interessensverschiebung bemerkt: Als Spiele anfingen, mich zu langweilen, fing ich wieder intensiver mit dem Lesen und Gitarre-Üben an. Kein übler Tausch, muss ich sagen.
balkantoni
Juli 13, 2008 um 9:14
Oh, ja… Ishar ist fantastisch. Das hatte ich mal auf ner PC Power Beilage… besonders der dritte Teil ist Klasse (und Hammerhart wenn man keine Party aus den Vorgängern importiert).
Ich sehe gerade bei Gold Games 1 ist auch Prototype bei… Klasse, das suche ich schon eine Weile. Gleich mal Ebay absuchen…
Das Problem bei der Interessenverschiebung ist, das man sich zunehmend fragt ob man seine Zeit nicht sinnvoller hätte nutzen können die man mit dem einen oder anderen Schrottspiel verschwendet hat (was ja trotzdem 20h und mehr verschluckt hat) – zumindest glaube ich das ich nie wieder so intensiv spielen werde wie es das letzte Mal zu Zeiten des Dreamcast oder der PSX gewesen ist.
Aulbath
Juli 13, 2008 um 10:26
Also vergangene Zeitgestaltung hinterfragen mache ich nicht, denn man wird sich generell sagen können: „Hätte ich doch dies und das getan“. Außerdem ist das widerliche Effektivitätsdenke unserer Zeit
.
Ishar, Whale’s Voyage – alles Titel, die ich aus meiner „PlayTime“-Phase namentlich kenne. Mittlerweile spiele ich auch hpts. alte und ältere Spiele (auch weil mein PC zu alt ist), aber besonders intensiv selten. Mal sehen, wann ich die Motivation finde, mich mit System Shock 1 zu beschäftigen. Die alten Spiele sind z.T. auch übelst unzugänglich.
PS: RE5 interessiert mich nicht so sehr, auch wenn ich RE4 fantastisch fand.
HomiSite
Juli 13, 2008 um 10:37
@ Aulbath:
Ja, ich hatte mir genau die gleiche Frage gestellt. Ich musst an all die Spiele denken, die ich durchgespielt habe, obwohl sie es nicht verdient hätten. Ich bin einer der drei Menschen dieses Planeten, die so einen Schrott wie „Pool of Radiance: Ruins of Myth Drannor“ durchgespielt haben. So was passiert mir definitiv nicht mehr.
„Prototype“ war cool! Wenn ich mich nicht irre, war das Spiel ebenfalls von Neo, wie „Whale’s Voyage“ auch – bin mir jetzt aber nicht sicher. Und ja, die „Ishar“-Reihe war zu Recht so beliebt in den 90ern. Ich frage mich, wieso sich keiner heutzutage daran erinnert. Damals galt sie als die hübsche Alternative zu den DSA-Spielen. Ein weiteres Spiel der Gold Games 1, das man nicht wirklich durchspielen sollte und das ich dennoch in tagelanger Qual mit einer Komplettlösung auf den Knien durchgespielt habe war „Robinson’s Requiem“. Total seltsames Spiel, mit der wohl coolsten und leider nie wieder aufgenommenen Grundidee: digitale Robinsonade! Total cool! (Ok, stimmt nicht – von den „Sims 2″ gibt es eine Schiffbruch-Expansion, ist aber nicht das Gleiche… )
balkantoni
Juli 13, 2008 um 10:41
@ Homisite: „Außerdem ist das widerliche Effektivitätsdenke unserer Zeit
.“
Touché monsieur.
(Trotzdem: „Ruins of Myth Drannor“ wäre selbst für Cheech und Chong Verschwendung der Lebenszeit gewesen.)
balkantoni
Juli 13, 2008 um 10:47
Ist Whale’s Voyage eigentlich gut? Es hatte IMO damals so Wertungen in den 60ern und70ern bekommen; mich hat damals das blaue Raumschiff in den Artworks beeindruckt, weswegen ich das Spiel nie vergessen habe, ohne es je gezockt zu haben. Einen zweiten Teil gab es ja auch.
Robinson’s Requiem: Boah, das ist ja auch schon so alt und kam für zig Systeme. Da hat sich mir ein Screenshot mit einem Werwolf/Wolfsmenschen eingebrannt. Wertungen waren IMO in den niedrigen 60ern, obwohl das Game wohl einige interessante Features besaß (hm, nonlinear?).
HomiSite
Juli 14, 2008 um 11:47
„Whale’s Voyage“ fand ich persönlich ganz cool. Das Spiel war mega-umständlich aber sehr motivierend und clever, wie ich fand (die Charaktererschaffung ist bis heute einmalig). Teil 2 hatte ich verpasst und will es gerade deswegen jetzt spielen.
„Robinson’s Requiem“ war nicht wirklich gut: Sehr, sehr schwer, unvorhersehbar und überhaupt irgendwie verbaut – aber trotzdem recht motivierend, wenn man masochistisch genug ist. Beide Spiele waren was die Wertungen angeht schon richtig angesiedelt, wobei ich persönlich „WW“ in den mittleren 70ern und „RR“ in den tiefen 60ern eingependelt hätte.
balkantoni
Juli 14, 2008 um 2:13