You Just Can’t Beat the Feelin’
Mann, ich liebe das Gefühl dieser alten seitenscrollenden Prügelspiele!
Das Interessante an ihnen ist allerdings, dass sie das Konfliktbild einer nun verstorbenen Ära präsentieren – die späten 70er. Und zwar nicht irgendwo: Es sind die späten 70er der Ostküstendeponie New York! Das zu jener Zeit tatsächlich kritische Problem städtischer Verwahrlosung (lange Zeit versank New York in eigenem Abfall, weil die Müllabfuhr streikte) und äußerst gewalttätiger, uniformierter Jugendgangs fand einen seltsam andauernden popkulturellen Nachhall im Rest der Welt; manchmal schien es tatsächlich, als hätten die Warriors in Japan bis zur Mitte der 90er die Nachbarschaft tyrannisiert! Nun ja, zumindest wenn man sich Double Dragon oder Vendetta anschaut.
Das New York der späten 70er wurde lange nicht als der Geburtsort vieler noch heute sehr aktueller popkultur-Importe registriert: Bei der Veröffentlichung ihres Warriors-Spiels erwähnten Rockstar Games zum ersten Mal diese Umgebung, ohne jedoch wirklich etwas gehaltvolles zu sagen. Das New York der 70er ließ den Vigilante-Mythos der Frontier-Zeit (a.k.a. der Wilde Westen) wieder aufleben: Charles Bronsons intensiver Waffengang in Death Wish ist das unmittelbare Ergebnis der Angst, welche sich zum Täglichen Begleiter der Einwohner New Yorks entwickelt hatte. Die heutige Popularität des Selbstjustiz-Märchens wurde in einer Stadt geboren, in welcher die Obrigkeit ab einem Zeitpunkt vollkommen ineffizient geworden war und die Mittelschicht zunehmend Verarmte, jedoch gleichzeitig das Gefühl bekam, zur ultima ratio, dem bewaffneten Widerstand, greifen zu müssen, um die übriggebliebenen Habseligkeiten verteidigen zu können.
Gleichzeitig keimte im feuchten Biotop pubertärer Machtträume das diametral entgegengesetzte Bild des amoralichen, gewalttätigen Gang-Jugendlichen, das im Film mit den Warriors ein ganz eigenes Monument gebaut bekam. Es wurden natürlich auch sehr viele Spiele veröffentlicht, die sich diesem Motiv annäherten, most prominently eben die Sidescroll-Knüppler.
Dieses Bild wurde aktualisiert (oder ersetzt – ich bin mir nicht sicher) durch die Motive der afro-amerikanischen Westküstengangs, durch moderne Stagger Lees, gewissermassen. Schade eigentlich – diese Kerle schießen nämlich mehr als sie sich prügeln, was natürlich dafür sorgt, dass es keine richtig guten Prügelspiele mehr gibt. Ihr habt keine Ahnung wie cool es war, im ehemaligen Yugoslavien als Kind mit einem Freund Double Dragon durchgespielt zu haben. Vielleicht sind meine Erinnerungen daran aber gerade deswegen so romantisch, weil sich die Zustände der Yugoslavischen Großstädte umittelbarer Vorkriegszeit so sehr an das New York der 70er angenähert hatten, dass ich als Kind das Gefühl hatte in diesen Spielen eine ganz und gar nicht hypothetische Fantasie durchzuspielen, sondern eine Realität, die mir durchaus zugänglich gewesen wäre, wenn ich mich getraut hätte mit den großen Jungs meines Viertels auf ein Fußballspiel des FC Sarajevo gegen Roter Stern Belgrad zu gehen.
Wer sich für eine besonders ungewöhnliche Sichtweise auf die Konsequenzen der Kriegszonen-Zeit New Yorks interessiert, dem sei Peter Shapiros Buch „Turn the Beat Around“ empfohlen.
[...] Man war nicht mehr ausgeleifert, man schoss endlich zurück – ich verweise hier auf einen anderen Blog-Artikel von mir, in dem ich etwas ausführlicher auf das Thema [...]
Death Wish / Ein Mann sieht rot (1974) « Movies from the Valley of Deth
Dezember 31, 2007 um 1:02
[...] Artikel zum Einfluss der sozialen Situation im New York der späten 70er und frühen 80er ist super. Lest [...]
100 Jahre alt! « These nerds are made for zockin’
April 17, 2008 um 10:56
das ist echt mein lieblingsartikel hier auf shodannews. ein verkanntes genie, dieser artikel. wahrscheinlich muss er erst arm und einsam sterben, damit die leute verstehen, was für ein genialer artikel er war.
marc
April 19, 2008 um 4:05
Okay, eigentlich wusste ich gestern beim Lesen nicht so viel dazu sagen, aber damit du zum Jubiläum zufrieden bist: Ja, das ist ein schöner, interdisziplinärer Bericht!
Die Schlussfolgerung über das Ende des typischen Side-scrolling Beat’em up ist sehr interessant.
Lieblingssatz: „Gleichzeitig keimte im feuchten Biotop pubertärer Machtträume das diametral entgegengesetzte Bild des amoralichen, gewalttätigen Gang-Jugendlichen, das im Film mit den Warriors ein ganz eigenes Monument gebaut bekam.“
PS: War euer allererster Artikel über System Shock (2) oder seid ihr beide derbe Fans der Games („shodannews“)?
PPS: Das dritte Video wurde entfernt.
HomiSite
April 19, 2008 um 5:43
Danke für das Lob und den Hinweis mit dem video – ich werde es durch ein anderes ersetzen. Wir sind SEHR große Fans von „System Shock 2″. Es ist meiner Meinung nach ein fast perfektes Computerspiel.
balkantoni
April 19, 2008 um 5:48
[...] Man war nicht mehr ausgeleifert, man schoss endlich zurück – ich verweise hier auf einen anderen Blog-Artikel von mir, in dem ich etwas ausführlicher auf das Thema [...]
Death Wish / Ein Mann sieht rot (1974) « Toni Duz It
Januar 3, 2009 um 12:28