Der Ärger mit Spielemagazinen: Wirkungsgeschichte
Im ersten Text zu diesem Thema habe ich mich mit der Sprache der Spielemagazine befasst. Heute werde ich mich mit der Art beschäftigen, in der sich Spielemagazine mit der Wirkung des Spielens auseinandersetzen.
Die Perspektive der Spielemagazine ist eine überwiegend zukunftsgewandte. Der Textkörper wird von Previews beherrscht und Rezensionen überprüfen Spiele oftmals daraufhin, ob sie gesetzten Standards (sehr oft im Bezug auf die Grafik) entsprechen; falls nicht, so wird ihnen eine ausschließlich negativ besetzte Rückschrittigkeit zugesprochen. Selbst Magazine, die sich um einen differenzierteren Diskurs bemühen, wie etwa die Gee, kommen weder um Previews herum, noch um “wie werden Spiele in 10 Jahren aussehen”-Fragen.
Computer- und Videospiele existieren in einer Diktatur des Zukünftigen und das ist ein großes Problem.
Die Antwort darauf, wieso diese Vorwärtsgewandtheit tatsächlich problematisch ist und nicht etwa positive Fortschrittlichkeit,
ist eng mit ihren eigenen Ursachen verknüpft. Schauen wir uns Literatur an. Sie wird auf eine völlig andere Art und Weise konsumiert und rezipiert. Literaturzeitschriften verfolgen nicht über Monate die Entstehung eines bloßen Buches – sie befassen sich mit Büchern in der Regel erst nach ihrem Erscheinen. Literaturwissenschaftler gehen sogar noch viel weiter und beschäftigen sich mit auch mit Büchern die vor mehreren Jahrhunderten geschrieben wurden. Sie nehmen diese Bücher nicht nur genauso ernst wie Bücher die erst gestern erschienen sind, sie arbeiten in ewiger Rückwärtsgewandtheit. Die Wirkung der Literatur wird primär nach ihrem Entstehen wahrgenommen. In Computerspielezeitschriften finden wir den diametralen Gegensatz – Spiele sind primär vor ihrem Entstehen interessant. Nach diesem wird in einer Rezension über ihren Wert entschieden. Und dann war’s das schon. Spiele verschwinden. Computerspielezeitschriften vermitteln den Eindruck, als würden Spiele nach ihrem umittelbaren Konsum desintegrieren und zum grünen digitalen Staub werden.
Man könnte an obigem Vergleich eine Sache bemängeln: Die Tatsache, dass Spiele ein interaktives Medium sind und dass sie deshalb viel enger an die Technologie geknüpft seien, die sie entstehen lässt. Man könnte behaupten, dass gerade diese Technologie über die Qualität des Spiels bestimmt, und dass gerade deshalb eine vorwärtsgewandte Perspektive unabdingbar sei.
Dem Wäre entgegenzusetzen, dass Literatur ebenfalls ein interaktives Medium ist – in höchstem Maße sogar -, jedoch eins, das relativ unabhängig von der Technologie existiert, die es möglich macht. Darüber hinaus ließen sich aber auch andere Medien nennen, die eine ähnlich enge Verknüpfung mit technologischen Aspekten ihrer Entstehung zeigen wie Computerspiele, die jedoch in gleicher Weise rezipiert und konsumiert werden wie Literatur: Filme und Comics. Man findet in Filmzeitschriften nicht Monat um Monat achtseitige Berichte über Filme, die gerade gedreht werden – man findet jedoch Artikel über das Schaffen bestimmter Regisseure und Kameramänner.
Bei Comics ist es ähnlich – neuerscheinungen werden angekündigt, gelegentlich gibt es ein kurzes Interview mit jemanden, der an einem bald erscheinenden Comic beteiligt ist – Comiczeitschriften beschäftigen sich jedoch mit ganz anderen, rückwärtsgewandten Fragen. Mit Jack Kirby, zum Beispiel.
Vor allem bei Filmen und Comics fällt einem schnell auf, dass keines der beiden Medien sich jemals so abhängig von technologischen Möglichkeiten gemacht hat. Es gibt immer noch Comics in schwarz-weiß. Quentin Tarantino hatte sich bewusst gegen CGI-Effekte entschieden, als er beschloss Kill Bill zu drehen – er empfand sie als defizitär.
Bei Computerspielen wäre eine solche Reflexion und Problematisierung undenkbar. Die Verfügbarkeit neuer technischer Mittel geht mit der Konsumentenerwartung einher, dass alle zukünftigen Spiele sich dieser Technik auch bedienen müssen. Spielentwickler fügen sich natürlich dieser Erwartungshaltung, was zur folge hat, dass sie nicht mehr die Technologie beherrschen, mit der sie Spiele entwickeln, sondern von dieser Technologie beherrscht werden. Dies führt letzendlich zu der dogmatischen Überzeugung, Spaß am Spielen sei mit wilder, neuer Technik gleichzusetzen – eine Annahme, die sich leicht aushebeln lässt, wenn man Menschen ohne jegliche Spieleerfahrung vor ein Computerspiel setzt; die finden nämlich Spiele schön, die als “hoffnungslos veraltet” gelten (mein Vater findet King’s Quest VII viel schöner als Quake 4) oder interessieren sich ausschließlich für Spiekonzepte, ohne die Tatsache, dass die Technik besser sein könnte, als Defizit wahrzunehmen (meine Freundin findet immer noch, dass Princess Maker und Zoo Tycoon 2 die beseten Spiele überhaupt sind).
Computerspielezeitschriften tragen viel zu der Versklavung der Spiele bei – sie sind eigentlich diesbezüglich absolut affirmativ. Sie beschränken Spiele in ihrem Beharren auf technologischen Standards ironischerweise in ihrem Wachstum. Indem sie jedoch auch dem eigentlichen Spielen nicht mehr als ein kaufberatendes Review gönnen, reduzieren sie
es auf das Dasein eines verbrauchbaren Konsumgutes und rauben ihm jegliche Transzendenz. Außerdem macht sich keine Zeitschrift Mühe Spiele ernsthaft in Vergleich zu setzen – niemand untersucht die Gemeinsamkeiten dystopischer Elemente in Half Life 2 und Beneath a Steel Sky. Keine Zeitschrift gibt Spielen die tatsächliche Chance, mehr als bloßer Mechanismus zu sein. Niemand scheint Spielen die Fähigkeit zuzutrauen, dem Spieler ein spirituelles Erlebnis zu ermöglichen – all jene, die jetzt lachen und dies für intelektuelles Gefasel halten, seien auf die Tatsache verwiesen, dass eine Menge Menschen bereit sind, Rocky als spirituelles Erlebnis zu bezeichnen, ohne mit der Wimper zu zucken. Computerspielezeitschriften tun ihr Möglichstes, um diesen Status Quo aufrecht zu erhalten.
Die PC Games kann also noch so viele Motivationsdiagramme und die Gamestar noch so viele zusätzliche Testkategorien hinzunehmen, keine der beiden nimmt Spiele wirklich ernst.
“…niemand untersucht die Gemeinsamkeiten dystopischer Elemente in Half Life 2 und Beneath a Steel Sky.”
Gefällt mir sehr gut, der Satz, und ist symptomatisch für eine Branche (die Spielemagazin-Branche), die ihre ethischen Werte langsam im Laufe der 90er-Jahre verspielt hat und zum zombiotischen Handlanger der Spiele-Industrie geworden ist.
10 Seiten Preview, anyone?
Happy Computer ist tot.
Chris
August 31, 2007 um 10:08
Das Problem ist natürlich, dass es genug Abnehmer für 10seitige Previews gibt. Ich frage mich, ob diesen Leuten einfach diese erste Bekanntschaft mit der Retrospektive fehlt, oder ob sie die Spiele irgendwie weniger intensiv erleben als ich (hört sich jetzt viel vermessener an, als ich es eigentlich meine) und daher tatsächlich immer nur für das nächstbeste Spiel leben, das ihnen dann von den Mags gewissermaßen in den Rachen geschoben wird.
Was mir noch auffällt: Wie wenig die Previews mit den tatsächlichen Spielen letzendlich zu tun haben zeigt ja Bioshock (bin gerade dabei es zu beenden) sehr gut, welches von jedem einzelnen Magazin als die nächste Supernova beworben wurde, um sich dann aber einfach als ein weiterer, ziemlich gewöhnlicher Shooter zu offenbaren.
balkantoni
August 31, 2007 um 11:44
Da stimme ich Dir natürlich zu.
Die lemminghaften Lobessymphonien auf Bioshock kann ich auch nicht nachvollziehen, aber für ein Zurückrudern in die nüchterne Realität war es dann in Anbetracht der Menge an gehypten (”bezahlten”?) Previews zu spät. Warum sich in den Redaktionen zB niemand am fehlenden Anti-aliasing der Engine und der Tatsache, dass man sich dadurch ins Jahr 1995 zurückversetzt fühlt und tonnenweise Atmosphäre verschenkt worden ist, mokiert hat, ist mir mehr als schleierhaft.
Tolle Seite hier übrigens, mit intelligenten Gedanken.
Chris
September 1, 2007 um 10:48
Danke fürs Lob.
Was Bioshock angeht – ich könnte mit dem fehlenden Antialiasing leben, wenn es nicht einfach ein weiteres Spiel wäre, in dem man einfach nur alles töten muss, was sich bewegt. Man hatte angekündigt, dass man im Spiel moralische entscheidungen trefen müssen wird und was weiß ich noch, nur um dann ein weiteres Quake IV in anderen Kleidern zu produzieren. Mehr dazu in der kommenden Rezension.
balkantoni
September 1, 2007 um 11:33
Ich habe mir (in einem wiederholten Anfall von gutem Glauben) die US-Version von Bioshock importiert, aber bisher nur bis zum ersten (unfreiwillig komischen) Little Sister / Big Daddy-Script gespielt (also eigentlich gar nicht).
Kommt da noch was oder bleibt es beim (zugegeben: recht fresh) angemachten Doom3/Quake4-Brei?
Ich erinnere mich jetzt mit Wehmut (das klingt jetzt aufgesetzt, sorry) einmal exemplarisch an System Shock 1, wo ich im Moment von Shodan’s “Welcome to Citadel Station”-Begrüßung wusste, dass ich da jetzt an etwas ganz Besonderem teilhaben werde oder an den Beginn von F.E.A.R., wo ich dem Spiel und später Alma schon während des Schleichens durch den ersten (leeren) Gang verfallen war.
Ich nehme an (read as: hoffe), Bioshock entwickelt seine Qualitäten erst später. Muss mal nächste Woche spielen.
Während ich das geschrieben habe, ist übrigens meine Plüsch-Headcrab vom Monitor gerutscht.
Das kann kein Zufall sein.
Chris
September 1, 2007 um 4:30
Ich würde sagen, dass Bioshock auf jeden Fall seinen Preis wert ist – es ist ein gut gemachts Spiel und macht auch wirklich (fast zehn Stunden lang) Spaß. Nur leider ist es eben kein neues System Shock, sondern einfach ein gutes Actionspiel in dem vor allem geballert wird, nicht geforscht (wie in System Shock 2). Und man muss keine wirklich drastischen Entscheidungen treffen, die das Spielen dann unterschiedlich gestalten (wie in System Shock 2) – obwohl gerade dies in allen Previews angekündigt war.
Es wäre cool, wenn sich jemand wieder trauen würde in die Richtung der End-90er zu gehen (Deus Ex, System Shock 1 & 2 etc…), als man versucht hat, das Genre in Richtung Rollenspiel zu öffnen. STALKER war schon mal ein guter Schritt in diese Richtung, finde ich.
balkantoni
September 1, 2007 um 5:22
Jammern über Bioshock ist ja zugegebenermaßen auch Jammern auf sehr hohem Niveau.
Chris
September 1, 2007 um 11:36
Eben.
balkantoni
September 1, 2007 um 11:54
What do you mean ?
music
Januar 31, 2008 um 9:45
what do you mean?
marc
Februar 1, 2008 um 6:25
dunno, dude.
balkantoni
Februar 2, 2008 um 1:58
Also, wer sich “ernsthaft” mit Spielen auseinandersetzen will, der liest sich durch Portale wie gamestudies.org und schreibt einen wissenschaftlich fundierten Artikel.
Wer einfach nur wissen will, was sich auf dem Spielemarkt tut, und WIE sich WAS zockt, der liest GameStar & Co.
greetz
tim
Februar 5, 2008 um 11:49
genau so ist es. und warum sollte es so bleiben?
marc
Februar 5, 2008 um 7:07
Damit ich mich über etwas ärgern kann. Die neue Gamestar hat ‘nen Text von Horx drin. Kotz.
Kracht hat in “Faserland” eigentlich schon vor ‘nem Jahrzehnt alles gesagt, was es über den zu sagen gibt.
balkantoni
Februar 5, 2008 um 10:21
[...] liebe PC Games, Computer Bild Spiele und GameStar, wieso hat das Herz aufgehört zu schlagen? Und wieso immer der zwanghafte Blick nach vorne, wieso keine ernstzunehmden Blicke zurück? Die PC Games kann also noch so viele Motivationsdiagramme und die GameStar noch so viele [...]
Das Herz, die Liebe at Grind That Authority
März 4, 2008 um 10:45
“Bei Computerspielen wäre eine solche Reflexion und Problematisierung undenkbar.”
Die Spiele von Introversion z.b. halte ich für eingermaßen reflektiert. Und dort gibt’s einige wenige Artikel über ältere Spiele, die über nostalgisches Fanboy-Schwelgen hinausgehen.
Tja, leider nich sehr viel. Aber immerhin.
Herb
März 5, 2008 um 12:50
Ja, Introversion sind cool – ich finde, dass ihre Spiele hier und da besser durchdacht sein könnten (insbesondere Defcon), aber immerhin mache ich mir Gedanken darüber, was mich an diesen Spielen beschäftigt oder stört.
balkantoni
März 5, 2008 um 3:36
Meld mich hier auch mal zu Wort, find die Serie sehr sehr spannend. Dank an GTA fürn Link.
Ich muss sagen das gerade in letzter Zeit aber durchaus mehr und mehr so genannte “Retro” Artikel in einigen Zeitschriften auftauchen. Nichts so unglaublich intelligent geniales wie in der EDGE, aber immerhin. Ich erinnere mich an einen EDGE Artikel über Product Number 3 (oder so) fürn GC. Der Artikel hat das Spiel auf den Kopf getroffen. Und dabei war das nun bei weitem kein besonders tolles Spiel. Nur ein besonderes und deswegen wert so genau zerlegt zu werden.
Ich finde Bioshock allerdings ein schlechtes Beispiel, das sehen glaube ich zu viele PC-Spieler von ihrer Warte aus. Für einen Konsolenshooter war das ja Spieltiefe ohne gleichen. Entschuldigt nicht die verpasste Chance einen würdigen System Shock Nachfolger zu schaffen, aber darin liegt’s halt wohl begründet. Aber was an Bioshock schon äußerst (!) lobenswert ist, ist vor allem die Story und wie was erzählt wird. Das Ende ist schlecht, okay, aber der Rest. Philosophie und Politiktheorie so toll darzustellen und zu interpretieren ist schon selten in dieser Branche. Der Dialog mit Ryan ist eine der besten Szenen die ich je in einem Spiel erlebt habe. Sowohl von der Story, als auch von der Art und Weise wie diese erzählt wird und an dieser Stelle ist Bioshock auch so gar nicht Shooter, sondern Geschichtenerzähler.
Der Bonk
März 6, 2008 um 9:00
Ich bin positiv überrascht, doch noch eine Stimme zum Thema zu finden, mit der ich dermaßen übereinstimme.
Nur ein Punkt: Previews bzw. Vorschauen sind in Kinozeitschriften Gang und Gebe, durchaus aus extrem lange. Die haben dann zwar stärkeren Making-Of-Charakter, aber sie fehlen sicherlich nicht.
shadaik
März 7, 2008 um 11:15
Hm, ich lese regelmäßig “Schnitt”, “Steady Cam” und “Ray” und habe eigentlich noch nie vergleichbare Previews darin gelesen.
balkantoni
März 7, 2008 um 11:27
Das ist ja auch schon eine leicht gehobene Klasse. Ich denke mehr an Cinema, TV Movie und die ganzen DVD-Magazine.
shadaik
März 8, 2008 um 12:17
Also an die Gamestar-Äquivalente der Film-Welt, oder?
Was ja auch ok ist – solche Magazine lese ich auch, wenn ich sie in der Stadtbücherei in die Hand bekomme. Es ist bloß schade, dass es für Computerspiele so wenig von dieser “gehobenen Klasse” gibt.
balkantoni
März 8, 2008 um 7:36
Hallo,
interessanter Artikel. Vielem stimme ich zu, dazu sage ich jetzt mal nichts weiter. Ein paar Anmerkungen von mir, wo ich dir eher widersprechen möchte:
“Der Textkörper wird von Previews beherrscht”
Ist das so? Ist der Test-”Teil” nicht immer noch länger, als die Previews? Habe gerade leider keine Gamestar/PC Games zur Hand.
“Literaturwissenschaftler gehen sogar noch viel weiter und beschäftigen sich mit auch mit Büchern die vor mehreren Jahrhunderten geschrieben wurden.[...] In Computerspielezeitschriften finden wir den diametralen Gegensatz – Spiele sind primär vor ihrem Entstehen interessant.”
Die Literaturwissenschaft mit Computerspielzeitschriften zu vergleichen, finde ich unpassend. Ich weiß, das war nur eine Steigerung zu den Literaturzeitschriften, finde ich hier aber trotzdem fehl am Platz. Heutige Zeitschriften dienen primär der Unterhaltung des Lesers, nicht der Gewinnung von wissenschaftlichen Erkenntnissen.
“Computerspielezeitschriften vermitteln den Eindruck, als würden Spiele nach ihrem umittelbaren Konsum desintegrieren und zum grünen digitalen Staub werden.”
Das gilt nicht nur für Computerzeitschriften. Klar beschäftigen sich Zeitschriften wie Musikexpress oder Intro auch mal mit Led Zeppelin (dann aber oft als “Special” gekennzeichnet – und nicht als regelmäßiger Teil des Inhalts), widmen sich aber doch “primär” dem neuen Album der Kaiserz Chiefs oder Bloc Party. Dasselbe gilt für Filmzeitschriften. Interessant ist eben der “new shit” und nicht die alten Klassiker. Das macht schon allein deswegen Sinn, weil sich eine PC-Zeitschrift ja auch und vor allem als “Kaufratgeber” im Dschungel der PC-Spiele sieht. Der Spieler möchte ja Fragen wissen wie: “Soll ich mir jetzt HL2 kaufen oder nicht?”. So gesehen sind PC-Zeitschriften nur eine Art Stiftung Warentest für Spiele (und die testen ja auch keine Staubsauger von 1992), somit ist es logisch, dass neue Spiele im Vordergrund stehen und alte schnell in der Versenkung verschwinden. Ich gebe dir aber in sofern Recht, als dass sich das bei Spielezeitschriften wirklich sehr deutlich zeigt.
“Vor allem bei Filmen und Comics fällt einem schnell auf, dass keines der beiden Medien sich jemals so abhängig von technologischen Möglichkeiten gemacht hat.”
Mit der Aussage wäre ich auch sehr vorsichtig. Wieviele Filme kennst du, die ohne Ton und nur in schwarz-weiß laufen? Die großen Blockbuster wie Harry Potter, Herr der Ringe, Star Wars und meinetwegen auch noch Transformers sind doch vollgepackt mit CGI-Effekten. Extrem abhängig ist dies vom Genre. Eine Komödie muss eben gerade nicht sehr technisch sein, kann sie aber. Ich denke auch nicht, dass ein Adventure im PC-Spielebereich dieselben grafischen Standards erfüllen muss wie ein neuer Shooter. Also auch hier starke Schwankungen zwischen den Genres.
Noch zwei Theorien von mir dazu: Es mag erstens auch daran liegen, dass ein Genre wie der Shooter, doch schon in spielerischen Innovationen beinahe am Ende angelangt ist. Oder: Die Entwickler trauen sich nicht mehr, über weitere Innovationen nachzudenken. Im Wesentlichen läuft der Spieler mit einer Knarre in einem 3d-Level herum und knallt Gegner ab. In Sachen Steuerung/Sound/Umfang ist als die Steigerungsrate nicht mehr so groß, in grafischer Hinsicht hingegen schon. Gerade deswegen werden Shooter vor allem in grafischer Hinsicht beurteilt (aber 100% auch nicht nur wegen der Grafik).
Zweitens: PC-Spiele, Hardwarehersteller und Spieleteste sind längst in einer Spirale gefangen, aus der keiner mehr heraus kann. Und die Spirale heißt. Höher, schneller, weiter. Die Hersteller produzieren immer bessere Hardware, die Spielehersteller passen ihre Werke an, die Spieleindustrie bespricht die Spiele – und die Hardware wie neue Grafikkarten. Das Interessante daran ist: Wieso sollte einer der drei Akteure aus diesem Kreislauf herauswollen, denn alle profitieren doch davon(!): Die Gamestar kann immer neuer und bessere Spiele und Hardware besprechen und diese dem Spieler anpreisen, die Hardwareindustrie profitiert wiederum vom Spieler, der sich eine neue Grafikkarte zulegt und die Spieleindustrie gibt dem Spieler einen wichtigen Grund, sein Produkt zu kaufen, weil er neugierig auf die bessere Grafik in Quake7 oder FIfFA 2010 ist.
Nicht umsonst bringt der Verlag der PC Games auch eine Zeitschrift wie PC Games Hardware heraus – von Previews und Tests, die vor allem die Grafik im Blick haben, profitieren eben Hersteller und Magazine, eben weil viele Spieler Unsummen in Hardware investieren und erst die Zeitschrift und dann die Grafikkarte kaufen. Aufhören wird diese Spirale wohl erst langsam, wenn das PC-Spiel am Ende seiner technischen Möglichkeiten ist (wenn dieser Moment überhaupt einmal eintreten wird).
Ich sehe das Ganze positiver, als du es tust. Trotz der extremen “Technologie”-Orientierung sind doch bisher sehr viele Perlen entstanden. Auch in der Gamestar habe ich früher viele Rückblicke gelesen, darauf mal Monkey Island zu spielen, wäre ich sonst nie gekommen. Computerspiele sind noch ein relativ junges Medium und man sollte ihnen die Entwicklungszeit auch gönnen. Ein Medium wie der Film existiert doch schon seit über 100 Jahren – und wie viel Schwachsinn ist dort nicht alles produziert worden? Magazine wie Gamestar und PC Games haben absolut ihre Berechtigung und finden, wie wir sehen, auch ihre Zielgruppe. Man sollte die Schuld nicht unbedingt denen geben, sondern eher den fehlenden Mut der Verlage kritisieren. Es fehlt einfach ein vernünftiges Computerspielmagazin für Erwachsene, und, nicht zu vergessen, auch eines für Frauen.
Grüße,
Jack
jack
März 9, 2008 um 3:07
Falls mir das bösartig ausgelegt werden sollte: Ich schließe Frauen grundsätzlich in die Kategorie “Erwachsene” mit ein
.
jack
März 9, 2008 um 3:11
Ufff, zu viel Text. Da du dir aber die Mühe gemacht hast, meinen Artikel zu lesen, kann ich mich ja schlecht verweigern. Ok, here goes:
1.) Der Textkörper WIRD von Previews beherrscht. Das läßt sich leicht überprüfen (schau in eine neue PC Games oder Gamestar).
2.) “Die Literaturwissenschaft mit Computerspielzeitschriften zu vergleichen, finde ich unpassend. Ich weiß, das war nur eine Steigerung zu den Literaturzeitschriften, finde ich hier aber trotzdem fehl am Platz. Heutige Zeitschriften dienen primär der Unterhaltung des Lesers, nicht der Gewinnung von wissenschaftlichen Erkenntnissen.”
Dieses Argument verstehe ich nicht, da du mir nicht erklärst, wieso du den Vergleich denn unpassend findest. Außerdem gibt es heutzutage einen gigantischen Markt an Zeitschriften, die einzig und allein der Gewinnung wissenschaftlicher Informationen diesen – das kann ich dir mit sicherheit sagen, weil ich jahrelang als wissenschaftliche Hilfskraft in der Bibliothek des anglistischen Seminars Heidelberg gearbeitet habe und es dort täglich mit solchen Zeitschriften zu tun hatte. Der Clou ist jetzt: Wenn man Literatur mag, macht einem das Lesen von solchen anspruchsvollen und, ja durchaus auch wissenschaftlichen, Zeitschriften Spaß. So hat man das beste beider Welten – das wäre etwas, das ich mir für Computerspiele gut vorstellen könnte, da Spieler in der Regel außerordentlich passioniert ihr Hobby verfolgen. Zumindest eine Zeit lang – dazu siehe Artikel “Begeisterungsunfähigkeit” hier auf dem Blog.
3.) “Das gilt nicht nur für Computerzeitschriften. Klar beschäftigen sich Zeitschriften wie Musikexpress oder Intro auch mal mit Led Zeppelin (dann aber oft als “Special” gekennzeichnet – und nicht als regelmäßiger Teil des Inhalts), widmen sich aber doch “primär” dem neuen Album der Kaiserz Chiefs oder Bloc Party. Dasselbe gilt für Filmzeitschriften. Interessant ist eben der “new shit” und nicht die alten Klassiker. Das macht schon allein deswegen Sinn, weil sich eine PC-Zeitschrift ja auch und vor allem als “Kaufratgeber” im Dschungel der PC-Spiele sieht. Der Spieler möchte ja Fragen wissen wie: “Soll ich mir jetzt HL2 kaufen oder nicht?”. So gesehen sind PC-Zeitschriften nur eine Art Stiftung Warentest für Spiele (und die testen ja auch keine Staubsauger von 1992), somit ist es logisch, dass neue Spiele im Vordergrund stehen und alte schnell in der Versenkung verschwinden. Ich gebe dir aber in sofern Recht, als dass sich das bei Spielezeitschriften wirklich sehr deutlich zeigt.”
So, jetzt würde ich gerne so ein “määäp”-Geräusch machen, das in Jeopardy immer erklungen ist, wenn jemand etwas Falsches gesagt hat.
Falsch, weil du ja selbst beschreibst, was Musikzeitschriften besser machen als die Gamestar: Sie arbeiten primär im Jetzt und der Retrospektive – die rückwärtsgewandten Specials, die du erwähnst sind durchaus mehr als eine Ausnahe. So gibt es sowohl im Musik Express als auch im Visions meiner Erfahrung nach in jeder Ausgabe etwa Rezensionen von Alben, die aus irgend einem Grund als besonders wichtig und kult gelten und von ALben, die einst erscheinen sind, ohne das richtige Ausmaß an beachtung bekommen zu haben (das jetzt Mal im Visions). Vom Rolling Stone wollen wir gar nicht sprechen. Es gibt KEINE ausufernden Previews nach dem Motto “Bloc Party hadern bei der Produktion ihres neuen Albums noch mit der Entscheidung, ob sie einen Big-Muff-Pedal oder doch lieber einen Fuzz Face benutzen sollen” – wäre ja auch irgendwie blöd. Computerspielezeitschriften machen aber genau das: Sie verschenken gute 50% ihres Textkörpers der Besprechung des Hypothetischen im Stile von “ob die NPCs selbständige Tagesabläufe haben werden, bleibt noch zu sehen. Joe Designer sagt: Wir werden es auf jeden Fall zu implementieren versuchen”. Anstatt sich also – wie Musikzeitschriften – intensiv mit dem Vorhandenen zu beschäftigen und dabei – wie Musikzeitschriften – dieses Vorhandene in eine Tradition zu setzen und – wie Musikzeitschriften – beteiligte zu interviewen, faseln die Geek-Mags stets hauptsächlich über das VIELLEICHT. Die Verkaufszahlen ziegen dabei, wie gut sie dies machen und auch wie gut sie ihrer Funktion als Berater im Dschungel der Spiele nachkommen. Übrigens: Wenn dies Spielelandschaft ein Dschungel ist, so zeigen diese Verkaufszahlen ja, dass Spieler sich sehr wohl darin fühlen – sie brauchen offenbar keine Beratung, um darin zu überleben. Spieler sind also so etwas wie Affen. QED.
4.) “Die großen Blockbuster wie Harry Potter, Herr der Ringe, Star Wars und meinetwegen auch noch Transformers sind doch vollgepackt mit CGI-Effekten. Extrem abhängig ist dies vom Genre. Eine Komödie muss eben gerade nicht sehr technisch sein, kann sie aber. Ich denke auch nicht, dass ein Adventure im PC-Spielebereich dieselben grafischen Standards erfüllen muss wie ein neuer Shooter. Also auch hier starke Schwankungen zwischen den Genres.”
Du sagst es: Scheißfilme sind auf Effekte angewiesen. Der Einsatz von CGI ist ja auch – wie im Artikel vermerkt – umstritten. Tarantino hat sowohl nach Kill Bill als auch nach Death Proof wiederholt gegen CGI gewettert und behauptet, dass die Spannung des Films verwässern, weil der Seher wisse, nichts “echtes” zusehen. Filme sind also keineswegs von ihren Effekten abhängig – wenn man sich Peckinpahs “Wild Bunch” anschaut, oder den Film “Logan`s Run”, stellt man ja auch schnell fest, dass sie funktionieren, ohne modern auszusehen oder CGI zu haben. Sie funktionieren sogar besser als viele moderne Filme.
Ähnlich ist es bei Spielen: Es gibt absolut keinen Grund wieso irgend ein Spiel irgendwie aussehen sollte. Es gibt absolut keinen rationalen Grund dafür, dass ein Ego-Shooter die neusten grafischen Standards erfüllen muss. Du hast einfach die von Computerzeitschriften genährte Erwartung der Hardcore-Spieler zum “common sense” erhoben, ohne es gemerkt zu haben. Meiner Meinung nach, wäre es vollkommen ok, wenn die grafische Entwicklung der Spiele auf dem Stand von 2003 eingefrieren würde und Designer endlich gezwungen wären sich bei den wichtigen Aspekten eines Spiels Mühe zu geben: Geschichte, Emotionen, so was. Es gibt eine MENGE Raum für Verbesserungen, vor allem, wenn wir bereit wären, das Wort Shooter aus Ego-Shooter zu streichen. Dann könnten wir ein Spiel aus der Sicht einer Katze spielen, die fröhlich von Dach zu Dach hüpft, oder so was.
Die industriellen Missstände, die du beschreibst sind wahr – allerdings vergisst du dabei, dass wir der Industrie nicht ausgeliefert sind, sondern vice versa. Ich werde der PC-Spiele-Industrie meine Begeisterung über ihre Politik zeigen, indem ich meinen PC in den nächsten Jahren nicht mehr aufrüsten und mir stattdessen eine WII kaufen werde. Der PC als Spielemaschine liegt im Sterben und wenn er seinen letzten Seufzer losgelassen hat, werden NVidia und Co. ohnehin erst einmal ums Überleben kämpfen müssen, so dass diese Spirale ja ein absehbares Ende hat – eines, das hoffentlich darin resultiert, dass alles was am PC nach dessen Abgang als global player noch gespielt werden kann, kreativer, nicht besonders kommerzieller Spaß ist – so wie FEZ (siehe Artikel auf diesem Blog).
BalkanToni
März 9, 2008 um 11:40
Mir fällt, nachdem ich deiner letzten Antwort zu mir nur zustimmen kann, balkantoni, (was für ein Kommawirrwarr) beim Lesen von jacks Kommentar ein Punkt ein, der eine rückwärtige Orientierung erheblich erschwert, wenn nicht verunmöglicht:
Hardwarekompatibilität.
Mit dem Phänomen der Hardwaregenerationen im Konsolenbereich und Betriebssystemupdates bei den PCs, aber auch ständigen Veränderungen der Plattformpräferenz (Hiemcomputer vs. PC vs. Konsolen vs. Handhelds) sammelt sich ein gewaltiger Katalog an Spielen an, die einfach nicht mehr verfügbar sind.
Der Videomarkt hat zwar ein ähnliches Problem, dort ist der Innovationszyklus (ich hör ja schon au fmit langen halblateinischen Komposita um mich zu werfen) wesentlich länger, 10 bis 20 Jahre im Vergleich zu etwa 5 im Spielebereich.
Auch ist es nicht so einfach, Spiele in die neue Generation zu bringen wie Filme. Bei Büchern ist das gar unnötig, das Buch hat sich bisher höchstens als Nischenmarkt vom Papier gelöst.
So kommt es, dass nur ganz wenige Titel in die neue Generation portiert werden, die dann nicht Teil einer großen Klassikerbibliothek werden, sondern mit der Zeit einen Obskuritätencharakter annehmen. Ab und zu gibt es Emulatoren, aber die sind auch so ein Nischenbereich.
Myst ist so ein Fall, der ausserhalb der damaligen Spielekultur unspielbar geworden ist – aber zumindest wird er noch weiter portiert.
Die Arcades findet man immer noch geklont in irgendwelchen Billigsammlungen.
Und sonst? Ich hab noch ein paar C64-Spiele hier, aber ohne C64 kann ich die einfach nicht spielen. Selbst wenn ich einen Emulator hätte (Gut, ich hab nen C64-Emulator, aber keine Ahnung, wie der funktioniert) könnte ich die Disketten und Datasetten nirgends in meinen Rechner füttern.
Es gibt ein paar positive Entwicklungen, allen voran Nintendos Virtual Console und Sonys PS1-Downloads. Aber auch die sind darauf angewiesen, dass die Titel noch einmal herausgebracht werden.
Und auch solche Bestrebungen sind vergänglich, wie wir sehen konnten als DS und GBM plötzlich die alten GameBoy-Titel nicht mehr abspielen konnten und die PS3 die Unterstützung für PS2 Spiele fallen ließ.
Bei Heimcomputern und PCs ist es noch schlimmer. Die sind ja teilweise schon innerhalb der selben Generation inkompatibel zueinander.
Aber eben hier liegt ein Problem: Was nutzt ein Bericht über ein Spiel, das kaum ein Leser spielen können wird? Emulatoren sind zu aufwendig, hier eine Änderung beizuführen und die rechtliche Lage für ROMs ist ohnehin rechtlich grau, to say the least.
Und noch einen anderen wichtigen Unterschied hat die Literaturwissenschaft zur betrachtung von Spielen: Litwi kümmert sich nicht sonderlich darum, ob ein Werk gut ist. Goethes romantische Phase ist teils unlesbar naiv und oberflächlich (im Gegensatz zu seinen Sturm-und-Drang- und Spätwerken), ein Großteil der klassischen englischen Literatur ist gar in einer Art Fremdsprache (Mittelenglisch) geschrieben und kaum bis nicht zu übersetzen.
Einerseits. Andererseits muss man aber auch die Literatur fragen: Wer ausser den Studenten und Schülern liest diese Werke denn bitteschön? Es gibt wohl noch einige, die sie auf dem Regal stehen haben. Aber gelesen?
Bei Büchern vergibt man das, Klassiker sind oftmals nicht zum Lesen da, sondern zum aufs-Regal-stellen. Wenn man ein Spiel hat ist es selbstverständlich zu erwarten, dass der Besitzer es auch gespielt hat – oder dies zumindest für die nächsten zwei Monate plant.
Sollen wir wirklich die Irrelevanz (ich bin selber Anglist, aber das ist einfach nach 5 Jahren Studium mein Eindruck) der Literaturwissenschaften übernehmen?
Hmm, viele Punkte angerissen, langer Text geworden, etwas böse geworden, ich denke, das soll stichwortartig reichen.
shadaik
März 11, 2008 um 2:33
Shadaik, du sprichst über zwei wirklich sehr interessante (und wichtige) Punkte. Zum Ersten, der Plattformabhängigkeit der Spiele, kann ich dir nur zustimmen, ohne wirklich den Punkt irgendwei konstruktiv erweitern zu können: Ich sehe die Problematik genau so wie du – mir all’ dem unangenehmen Konsequenzen für gerade die Art der Beschäftigung mit Spielen, die ich ja propagieren will – jedoch ohne etwas anderes tun zu können, als sie eben anzuerkennen. Ich könnte natürlich so etwas albernes schreiben wie “Abwärtskompatibilität now!”, aber damit wäre ja keinem geholfen. Den Virtual Console-Trend sehe ich genau so positiv wie du, zumal ich so ziemlich alle
Emulatoren bisher ebenfalls als ziemlich mühsam und unzuverlässig erlebt habe.
Dein zweiter Punkt ist jedoch meiner Meinung nach NOCH interessaner: Zum Ende meines Studiums hin (nach genau fünf Jahren,
), empfand ich genau das selbe wie du: der artifizielle geschützte Raum der Literaturwissenschaft, mit all’ seiner unbrauchbaren Eitelkeit war einfach nur noch unerträglich irrelevant und ich wünschte mir nichs mehr als ihn hinter mir zu lassen. Während ich allerdings den Gestus dieser Welt (was’n Satz) scheiße fand und immer noch finde, muss ich dennoch ihre intelektuelle Energie anerkennen und denke, dass die Literatur als solche ja alles andere als schlecht ist – ich lese immer noch sehr gerne Belletristik und empfinde sie nicht als schlechter, bloß weil ich damit zu einer Minderheit gehöre.
Ich denke, dass man hier zwischen unpopulär und irrelevant differenzieren muss, denn gerade die Irrelevanz ist eine Kategorie, der man ja abhängig davon, was man als Relevant empfindet, eigentlich alles zuordnen kann, angefangen bei diesem Blog und Endend beim Diesseits – stellt man schnell fest, wenn man mit einer besonders gläubigen Person spricht.
Die Tatsache, dass Literatur nicht mehr so gerne gelesen wird ist ja auch irgendwo in der Tatsache begründet, dass sich das Empfinden dafür was genußvoll oder nützlich ist verschoben hat: Literatur, die ursprünglich den Genuss der Erkenntniss oder den Nutzen moralicher Erbauung vermitteln sollte, verfehlt heutzutage ihre Wirkung, weil es einfach keinen Bedarf danach mehr zu geben scheint und auch weil der Wert der Bildung und die Vorstellung darüber was “gute” Bildung sein soll, sich sehr stark verändert haben. Das ändert jedoch nichts am WERT vieler dieser Bücher, wenn man ein Interesse an ihren Themen und Inhalten hat – diese sind ja oft genug äußerst weltlich.
Daher ist die Irrelevanz von der du und ich hier sprechen ja eher eine statistische Größe als ein Werturteil.
Ich denke, dass die Art von Computerspielen, über die wir jetzt sprechen genau so verschwinden oder in die Peripherie des Beliebten gedrängt werden, sobald jemand einen vermarktbaren Weg findet, die Trennung zwischen Spieler und Maschine unsichtbar zu machen und/oder neue Sinneseindrücke (Geruch / Geschmack / Tasten) zu vermitteln (ja, ja, das alte Cyberspace-Ding). Dieses Verschwinden wird aber “unsere” Art von Spielen irrelevant oder obsolet machen – bloß unpopulär.
Das Spielen im Allgemeinen wird ja gesellschaftlich als infantiler – und somit implizit ja auch irgendwie irrelevanter – Trieb wahrgenommen, dem man, in ermangelung besseren Begriffs, indulgiert. Da sich Computer- und Videospiele aber zu einem Massenphänomen entwickeln, der inzwischen eine wesentlich größere Verbreitung genießt als das Lesen der Belletristik, wäre ja eine entsprechend intelektuelle Beschäftigung etwas, das dafür sorgen könnte, dass wir unsere Beschäftigung besser verstehen und die Mechanismen mehr schätzen – besonders, wenn sie gut gelöst sind. Ein Automechaniker hat ja auch eine ganz andere Sicht auf Autos als ein Laie. Bei mir ist es jedenfalls so, dass ich gute Spiele als besonders genussvoll empfinde, seit ich intensiv über Spiele denke.
balkantoni
März 11, 2008 um 6:09
Mal abgesehen davon, dass Spiele als zentrales Element unserer Populärkultur unheimlich aussagekräftig über unsere heutige Gesellschaft sind – im Gegensatz zur Belletristik, die entweder ausschließlich für eine akademische Elite geschrieben wird oder eben ihre Repräsentativität inzwischen eingebüßt hat (außer wenigen, wie Shakespeare, die wahrlich Zeitloses geschaffen haben).
balkantoni
März 11, 2008 um 10:28
Nur eine kleine Differenzierung noch: Ich spreche keineswegs von der Literatur als irrelevant, sondern von der Literaturwissenschaft als irrelevant.
Literatur kann immer noch eine durchaus mächtige Wirkung entfalten. Obwohl die eigentliche Belletristik sich tatsächlich fast schon aktiv aus der Breitenkultur zurückgezogen hat.
shadaik
März 12, 2008 um 10:43
Agreed.
balkantoni
März 12, 2008 um 11:43