
Disclaimer: In diesem Text geht es um die Comicserie “Akira” – das Anime ist zwar auch toll, spielt aber hier erst einmal keine Rolle.
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Das Wichtigste gleich vorweg: Akira hat für mich Mangas ruiniert.
Ich möchte das erklären.
Also, es waren die 90er und ich war ein Mongohipster. Mongohipster sind uncoole Nerds, die aber gerne bei den Leidenschaften dieses Milieus als Erste dabei und dadurch tonangebend sein wollen – und als ich erfuhr, dass sich mit der Öffnung des angeblich riesigen und vollkommen fremdartigen japanischen Comicmarktes etwas GANZ GROSSES anbahnte, wollte ich als trver, im Comicladen arbeitender Mongohipster natürlich dabei sein. Und dabei sein, das wurde mir von älteren Mongohipstern gesagt, fing mit der Lektüre von Akira an.
Wir wollen gar nicht darüber reden wie schwierig diese aufgrund der damals im Westen gewählten Veröffentlichungsart gewesen ist. Und eine Diskussion darüber, ob Oliffs Farben mongo oder überflüssig waren? Auch langweilig! Wir wollen lieber darüber reden, dass das „vollkommen Fremdartige“ bei Akira schwer zu finden war. Es war eigentlich eine Comicserie, die nicht westlicher hätte sein können und sich von all den Serien meiner Jugend vor allem durch ihr ganz und gar anderes Gefühl fürs Tempo unterschied (und den damit einhergehenden Überfluss an Speedlines).
Akira zelebrierte den Kampf und zwar in Sequenzen, die ungewöhnlich lang waren – aber nie zu lang. Bei allen Gefechten, Verfolgungsjagden, Duellen bis zum Tod und Staredowns zählte jedes einzelne Panel. In ihrer Summe, aber, flowten die Panels in einem Rhythmus, den ich so nie gehört hatte. Ich hatte nie ein Comic gelesen, das den Begriff der „Action“ so erfolgreich destillierte; dies war einem Artwork zu verdanken, dessen Gefühl für Perspektive, Bewegung, Architektur, Pausen, Dynamik, Zorn und Zerstörung tadellos war. Es gibt wenige Comics, die mich grafisch so beeindrucken wie es „Akira“ bei der 1000. Lektüre tut.
Was mich aber schon als Teenager ebenso stark beeindruckte, war das soziale Moment der Erzählung „Akiras“, welches selbst nach der kataklysmischen Zäsur in der groben Mitte der Serie erhalten bleibt. Es ist eine Serie, die ihre Figuren in Milieus mit klaren Abgrenzungen einteilt, um dann mit der Überschreitung dieser Abgrenzungen ein Spektakel zu veranstalten. Tokio wird zerstört und Millionen sterben wegen der renitenten Anwandlung eines Berufsschülers aus zerrütteten Familienverhältnissen. Das Militär putscht, dann herrscht Anarchie und gegenkulturelle Aktivisten verzweifeln an den Zuständen postakiralen Tokios. Ôtomo verlor in Akira nie das Gefühl für eine Anbindung der Erzählung an die Realitäten seiner Leserschaft und auch wenn sich ihre Details bei genauer Analyse sicherlich besonders gut an japanische Phänomene beziehen lassen, so sind Themen wie jugendliche Rebellion, Autorität und Kollisionen von Weltanschauungen universell genug, um auch von westlichen Lesern ohne nennenswerten „Culture Clash“ als spannend empfunden zu werden.
Es gibt noch ein weiteres wesentliches Element, das die Serie für mich geradezu perfekt und vorbildlich macht: Ihr Gefühl für Figuren. „Akira“ hat keinen klaren Protagonisten, sondern vielmehr das große Personal eines Theaterstücks. Kennt ihr diese schrecklichen Rezensionszitate auf den Covern britischer Bücher, die jedem Regionalkrimi „shakespearean scope and ambition“ bescheinigen? Nun, bei Akira wäre dieses Lob tatsächlich gerechtfertigt. Auch wenn sie in groben, schnellen Strichen charakterisiert werden, sind die Figuren Akiras nie Karikaturen; die Sensibilität der Serie bezüglich sozialer Kontexte setzt sich natürlich in ihren Figuren fort. Diese stammen aus unterschiedlichsten Milieus und haben ebenso breit gefächerte Perspektiven auf die Ereignisse der Serie. Ihre einzige Gemeinsamkeit ist ihr Wagemut und ihre todesmutige Bereitschaft, bis zum bitteren Ende für ihr Anliegen zu kämpfen. In dieser Serie gibt es nämlich keine halben Sachen: Für jede einzelne Figur geht es um Leben oder Tod und selbst Nebenfiguren wie Nezus Fahrer oder Mutter Miyakos Dreierteam von paranormal begabten Mädchen beeindrucken durch einen spröden, stillen Heroismus. Für Feiglinge ist in „Akira“ kein Platz.

Ahnt ihr schon, wieso Akira Mangas für mich ruiniert hat? Nein? Ich will in Form einer Frage antworten:
Wie soll man die Tatsache verkraften, dass es trotz „Akira“ in diesem Land Jugendliche gibt, die sich Spitznamen wie Horst-Chan geben und statt “Akira” irgendwelche homophoben Shonen-Ai- und spastoiden Magical Girl-Serien abfeiern? Diese Frage überfordert mich und sie sollte auch dich überfordern, lieber Leser. Jeder Versuch, sie zu beantworten endet in der schlichteren Form gleicher Frage: Was ist schief gelaufen? Das dürfte es doch gar nicht geben, nicht nach “Akira”. Ich möchte gar nicht ins Kulturchauvinistische, denn ich weiß, dass es in Japan einen rechten Ozean an Genres, Titeln und Stilen gibt, so wie überall sonst auch, wo Comics gerne gelesen werden – es ist bloß so, dass coole japanische Serien wie „Shamo“, „Dragon Head“ und „20th Century Boys“ in Deutschland so wenig Beachtung fanden, dass sie entweder eingestellt wurden oder in der „print on demand“-Ecke verschwanden.
Was sorgte also dafür, dass „Sailor Moon“ unter hiesigen Jugendlichen heftiger abgekultet wird als „Akira“? Was hat zum derzeitigem Manga-Angebot Carlsens geführt, welches fast ausschließlich aus astreinem Grauen besteht? Wie konnte so etwas wie Robert Labs passieren? Was stimmt mit der Jugend nicht? Wer hat dafür gesorgt, dass man unter Mangas nunmehr Comics für Jugendliche versteht, die sich extra infantil geben? (Gebt mir seine Adresse und ein Foto.) Ich weiß es nicht. Was ich aber weiß ist, dass wenn es unbedingt einen Comic-Kanon geben müsste (und ich bin ja der Idee vom Kanon intensiv feindlich gesonnen), “Akira” darin einen sicheren Platz hätte – als die Comicserie der unermesslichen Bereitschaft zur Zerstörung wie zur Liebe. Ride on, Kaneda!
Obiges Logo ist von König Aulbart, natürlich. Ihr wisst bescheid!