2015 wird unser Jahr!

TONI:

Ich habe noch gar nicht so die Megaübersicht der angekündigten Zockage und mein bisheriger Hibbel wurde nicht eingelöst: Eine Runde “The Evil Within” uff der Playsi reichte, um mich selbst vor dem auf ‘nen Zwanni rabattierten Steam-Deal fernzuhalten, denn kein Mensch sollte sich mit dieser Art von Steuerung plagen müssen. (Und meine Oma wirft bessere Schwinger als dieser Dude, der ist den Zombies hilflos ausgeliefert, weil er KEINE MOVES HAT!)

Aber dennoch habe ich ein paar Spiele, auf dich ich mich im kommenden Jahr sehr freue:

1. BASINGSTOKE

Puppygames sind unsere Helden, das wissen ja inzwischen alle. Und eine Roguelite/Survival Horror-Mischung? COUNT ME MF IN! Die Videos der Alpha sehen so GUUUUT aus!

2. BATMAN: ARKHAM KNIGHT

“Arkham Origins” hat gezeigt wie wichtig ROCKSTEADY für diese Serie sind: Es fehlten diese Feinheiten, die “Asylum” und “City”so flowen ließen. Auch “Shadow of Mordor” klaute alles von Rocksteady bis auf den Flow und war letztlich eine irgendwie ermüdende, semi-dröge Kiste. Aber wenn ROCKSTEADY wieder an den Wheels of Steel sind, bin ich auch voll dabei.

3. DARKEST DUNGEON

Rundenstrategie und Fantasy-Kicks, that’s how I roll. Sieht so aus, als bringe es alles mit, was ich digge. Sogar die Looks sind okayo.

Immer noch heiß auf “Mortal Kombat X” und “Bloodborne”.

Ich schaue verächtlich auf: Alles mit Tom Clancy oder Crytek oder Ubisoft oder Suda51 drinne.

AULE:

Im Top 3-Format kriege ich meine Hibbel-Titel locker unter – was wirklich Großes ist ja soweit ich es sehe nicht angekündigt. 2015 trägt außerdem den Untertitel “GROSSES POTENZIAL” – hoffen wir mal das meine Erwartungen zumindest erfüllt werden. Bei allen Titel ist der Hibbel leider nicht uneingeschränkt und die Gefahr der Enttäuschung überall recht hoch.

1. GUILTY GEAR Xrd

Dieses Spiel kommt im Rest der Welt schon 2014, aber ich schummle einfach und sage 2015 in Europa. ES SIEHT SO UN-FUCKING-FASSBAR GEIL AUS. Da kann ich auch den ollen Anime-Fanservice locker wegstecken.

2. WITCHER 3: WILD HUNT

Wird entweder das beste Witcher-Spiel oder aber übelstes OpenWorld-Rumgekasper. Witcher 2 habe ich ja bekanntermaßen geliebt, deswegen sage ich: I WANT TO BELIEVE!

3. BLOODBORNE

From Softwares nächstes “somewhat Souls”-Spielchen. Soweit so unkreativ von meiner Seite aus. Aber der vollen Ladung Gothic-chic und heftigster Art Direction kann ich nicht widerstehen. Konsolenkaufgrund.

Ganz wie Toni sehe ich Mortal Kombat X als heissen Anwärter auf gute Zockage und sage außerdem voraus das MORDHEIM: City of the Damned für aller Warhammer-Freaks da draussen mehr als einen Blick wert sein wird. Ansonsten drücke ich mir die Daumen das von Torment: Numenera mehr zu sehen sein wird und das sie’s nicht verkacken – mein Spielspaßgranatenquote bei Kickstarter CRPGs fällt nämlich sehr niedrig aus.

V:
Bin nicht sonderlich hibbelig auf irgendwas, aber ich nehme diesen Beitrag mal zum Anlass, mir etwas Vorfreude zu generieren:

1. RIPENED TINGLE’S BALLOON TRIP OF LOVE (Status: In Übersetzung)

Das zweite RPG mit Tingle in der Hauptrolle wird gerade von Fans übersetzt. Fanübersetzungen sind eigentlich selten gut, weil die große Mühe und Anstrengung einer natürlichen Sprache im Weg stehen. Ich versuchte, die Fans mit dem deutschen Übersetzer des ersten Teils zu verschalten, aber sie fürchteten, er könnte sie einfach zu viel kosten.

2. READ ONLY MEMORIES

Ich glaube nicht wirklich, dass diese Snatcher-Pastiche gut werden wird, aus denselben Gründen wie in Punkt 1. Ein textlastiges Spiel, das unbedingt will, will, will, kann nur ein Adjektivbomber werden, voller blöder, unlustiger Phrasen und “Referenzen”. Aber hey, “queer content”… Mal schauen.

3. THE SILVER CASE (Status: verschollen)

Eines der ersten Spiele von Suda51 wird, obwohl der DS-Port seit Jahren fertig und ins Englische übersetzt ist, wahrscheinlich auch 2015 nicht rauskommen. Ich suche trotzdem alle paar Monate nach Lebenszeichen.
Suda war mal cool. Als er Spiele noch selbst machte und nicht nur das Face von Grasshopper war. Er konnte sogar so gut schreiben, dass ich ihm seine “popkulturellen Anspielungen” verzieh.
Aber letztlich ist The Silver Case Varporware. Wie Shadowgate: Rising auf dem N64. Auch das suchmaschine ich halbjährlich. Könnte ja sein, dass ein gnädiger Mensch das ROM unter seinem Kopfkissen findet.

4. GUILD 03 (Status: Noch nicht angekündigt)

Die Guild-Compilation-Serie auf dem 3DS hat bis jetzt einige interessante Kleintitel hervorgebracht, wie das Tabletop-RPG Crimson Shroud, die Sommerferiensim Attack of the Friday Monsters! und den Raumschiff-Adventure-Crawler The Starship Damrey.
The Starship Damrey war als Spiel eigentlich nicht besonders aufregend, aber die Sprecherin des Bordcomputers brachte für meine Begriffe endlich mal eine neue, schiefe Klangfarbe in den Zirkus der digitalerotischen Supercoolputer-AIs.

Freu mich außerdem auf das Fahrspiel BeamNG.drive, mein eigenes Spiel Coyrider, Sunset von Tale of Tales, wünsche mir DLC für Animal Crossing: New Leaf und behibbel ganz besonders den neuen 3DS und sein durch Facetracking verbessertes 3D-Bild.

Shebang Memories: Archie

In Mannheim hatten sie diesen Laden: „Shebang“. Der verkaufte Kleidung und Comics, beides gebraucht und – wie der Name des Geschäfts – mit Geschmackssicherheit ausgesucht.

Sie hatten alte Fußballtrikots und Trainingsjacken, zum Beispiel von „Celtic Glasgow“ oder „Marseille Olympique“, aber damals fand ich Fußball blöd. Sie hatten aber auch glänzende Jacken, die ursprünglich von amerikanischen Takeaway-Auslieferern getragen worden waren und von ihnen kaufte ich zwei.

Eine war rot und auf ihrem Rücken war ein großes Coca-Cola-Logo aufgestickt. Darunter war der Name einer Pizzeria aus Boulder, Colorado; offenbar kauften Lieferdienste solche Kleidungsstücke mit vorbereiteten Logos und ließen ihre eigenen darunter abdrucken.

Diese Jacke war der Hammer. Sie war gefüttert und schloss an der Hüfte so cool ab: der Oberkörper sah aus wie ein Ballon roter Wonne. Das war so um 1999 rum und ich hatte gerade aufgehört, Baggies zu tragen. Meine erste Hose mit normaler Beinweite war eine indigofarbene Levis Sta-Prest. Zuächst trug ich „Reebok Classics“ dazu, aber meine Punkrock-Freunde hörten damals alle „Hotsnakes“ und meinten, „Reebok Classics“ wären voll uncool und ich soll mir Vans holen. Heute weiß ich, dass auch meine „Reeboks“ voll cool waren. Ich war ein Knoten der Gehemmtheit und die Chicks in „Shebang“ schüchterten mich ein; die waren voll cool. Manchmal hörten sie Mötley Crue, manchmal hörten sie Techno. Ich verstand nicht, was das sollte.

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Die andere Jacke glänzte ebenfalls, war aber grün und aus Colorado Springs. Meine Eltern hatten immer Probleme mit meiner Kleidung, denn auch ich war trotz meiner Klemmiexistenz unheimlich eitel und machte mir sehr viele Gedanken darüber, welche Kleidung ich tragen wollte. Ich wollte unbedingt eine College-Jacke, weil die Kids in „Archie“ immer welche trugen und sie hatten Game und Chicks ohne Ende. Archie fuhr einen Hot Rod und SOWOHL Bettie WIE AUCH Veronica diggten ihn und wollten den Backseat Boogie. In. Diesem. Hot Rod. Ich wollte wie Archie sein.

Wenn man ein Nerd ist und nicht wie Archie sein möchte, dann ist man ein Versager.

Ich kaufte mir dann im „Shebang“ eine blaue College-Jacke. Marc war dabei und riet mir auch dazu. Er kann bezeugen wie geil diese Jacke war. Meine Eltern rasteten voll aus. Ich war so: Fuck you! I’m wild and I’m free!

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Meine ersten „Archie“-Hefte kaufte ich mir im „Shebang“. Ich arbeitete zu dieser Zeit nicht mehr in Comicläden und erlebte den Zenit meiner Pubertät (im „Shebang“ hatten sie auch alte Trikots von „Zenit St. Petersburg“). Ich hielt es für das Ende meiner Pubertät, weil ich nicht mehr Rob Liefields „Bloodstrike“ las, sondern angefangen hatte, Peter Bagges oder Ted Levines Indie-Shizzle zu lesen; das fand ich erwachsen, aber ich irrte mich. Es würde noch lange rundgehen, Longa. Das Leben hatte mir noch nicht gezeigt, wo der Frosch die Locken hat, wenn ihr wisst, was ich meine. Für die dicke Archie-Action mit Zunge würde ich mich zum Friseur trauen müssen; meine Haare waren damals scheiße.

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„Archie“-Comics sind so scheiße geil. Wer sie nicht diggt, ist mein Feind. Das gilt auch für meine Freunde, die sie nicht diggen: ich hasse euch dafür. Mit „Archie“-Comics wird dein Leben voll gut. Es wird so wie dieser Moment von Mötley Crues „Girls, Girls, Girls“, wo sich die Band irgendwas zuruft und einer von ihnen pfeift durch die Gegend, wohl weil er so ein libidinöser, panterafahrender, fuchsteufelswilder Heroindämon ist. Das kommt so ab der dritten Minute. So geil wird dein Leben, wenn du „Archie“-Comics liest. Du kriegst Muttermale auf dem Wang wo zuvor keine waren. Du wirst super dadurch. Richtig super und geil.

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Also nochmal zu „Archie“-Comics: Die haben jetzt so eine Serie gebracht, bei der Archie erwachsen ist und sowohl Betty wie auch Veronica geheiratet hat. Nicht auf die simultane polyamore Art, fuck that hippie shit. Auf die quantenphysische Art, yo. Jede der Ehen stellt einen eigenen Zeitstrahl dar und die „Archie“-Crew erlebt in jedem von ihnen andere Abenteuer. Die versuchen damit, die „Archie“-Leser im Dasein als Erwachsene zu begleiten – schließlich war ein wesentliches Moment der alten Archies das Liebesdreieck, dessen erotische Verheißung nie eingelöst wurde. Die Darstellung von Betty und Veronica war dermaßen sexualisiert, dass der akneparalysierte Leser-Teen nur im Zustand äußerster Erregung lesen konnte, aber dieser Honk Archie kapitalisierte nie. Die gingen nur auf Dates, aßen Burger, tranken Milkshakes. Wholesome shit. Das ist also Jugend, denke ich mir: Möglichkeiten und sturer Verzicht, sie einzulösen. Voll gut! Der neue Archie ist verheiratet, so wie ich. Voll gut!

Archie. Doing his Ding.

Archie. Doing his Ding.

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Wenn ich an „Shebang“ denke, wird mir klar wie lahm Videospiele eigentlich sind. Sie sind der lahmste Scheiß aller Zeiten. Man kann sie null anfassen. Videospiele, das sind diese ganzen Honks und ihr Twitter. Videospiele sind nicht einmal Plastik. Es gibt gute Gründe, wieso Modeblogger voll abgekultet werden, Videospieleblogger aber nicht: Die ersten machen so eine coole, haptische, lebhafte Geschichte. Wir streiten über Tittenanimationen der „Dead or Alive“-Serie (Ist das noch Sexismus? Ist das realistisch? Ist nicht „Street Fighter“ besser?). Dabei, ey: Modeblogger, hahaha! Es ist problematisch.

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Ich möchte aber über „Archie“-Comics reden. Kauft euch doch ein paar Paperbacks.

In Teil 2: Shebang, Spain Rodriguez, Bros Hernandes / “Love and Rockets“ und noch mehr Klamotten.

If I Could Turn Back Time

Ich habe mir ein paar bildungsbürgerliche Tage gegönnt, eine Pfeife angezündet, dieses lustige pap-pap-Geräusch mit meinem Mund gemacht, das zum Pfeifenrauchen dazugehört und einige alte Hits neu gespielt. Bei mir ist es nämlich so, dass ich beim ersten Kontakt mit einem zukünftigen Klassiker selten mehr als ein „cool“ fühle – doch dieses „cool“ verstehe ich erst bei wiederholter Lektüre und nach einigem Nachdenken. Dies gilt für alle Medien und ich will es kurz am Beispiel erklären: Ich sah Chers Video zu „If I Could Turn Back Time“ zum ersten Mal bei seinem Erscheinen, 1989 und fand Lied und said Video supercool. Es machte mich zum unbeugsamen Cher-Fan und wer Cher haten möchte, der soll das bitte hinter der Garage machen, während er sich gleichzeitig ins Knie fickt. Zurück zu Chers Video: Erst nachdem ich dieses Video etwa 500 Mal gesehen hatte (ich hatte es lange auf einer Videokassette und später war es eins der ersten Videos, die ich bei Youtube suchte), verstand ich das Gefühl der Ehrfurcht, welches es in mir weckte genau: Die Mischung aus Matrosen, Kanonenrohren der ruhmreichen USS Missouri, der Tatsache, dass Cher da teilweise nichts als Lederjacke und String-Tanga trägt flochten sich zum Zopf aus Narrationen, der mein Unterbewusstsein zum Lied erzählen ließ.

Ich liebe dieses Lied. Ich finde Cher so cool!

***

„Bitmap Brothers“ waren laut Wikipedia die erste Spielefirma, welche das Geekster-Image dieser Branche mit Coolness zu überwinden versuchte. Sie lizenzierten coole Musik für „Xenon 2“. Sie hatten Stilwillen und ihre Spiele musste man wiedererkennen können. Sie trugen Sonnenbrillen (alas, keine Persol, sondern irgend ein Plastikrotz à la Rayban) und ließen sich vor Hubschraubern garstiger Milliardäre fotografieren (die Maschine gehörte Robert Maxwell, dem „Mirrorsoft“-Besitzer, der vor seinem Tod die Renten seiner Angestellten veruntreute). Ihre Büros waren in Wapping, DEM Viertel Londons, das für yuppieinduzierte Gentrifizierung stand. Das alles funktionierte und ich fand „Bitmap Brothers“ voll supergeil. „Origin“ waren mein Hitgranaten-Hitgarant, „Cinemaware“ droppten die Grafikprotzaz auf die Floppys aber „Bitmap Brothers“ sporteten die rundummigste Coolness und ich träumte immer davon, jene Spiele ihres Katalogs nachzuholen, die ich verpasst hatte. Das waren zum Beispiel die „Cadaver“-Spiele.

Oh, „Bitmap Brothers“, wie konntet ihr so sinken?

Es ist nämlich so: Diese Firma gibt es noch. Ihre Flamme als aktiver Entwickler flackerte so um 2003 mit dem lahmarschigen „Frontline Command“ aus – just zu jener Zeit, als man Bitmaps im Spieledesign nicht mehr benutzen wollte, aber irgendwo hockt Mike Montgomery noch auf den Lizenzen und veräußert sie gelegentlich für Ports – und diese könnten dem coolen, alten Image dieser Firma nicht ferner sein. Jedes einzelne ist schrecklich und hat Wurstfinger.

„Z: Steel Soldiers“ war eins meiner liebsten Bitmap-Spiele. Es wird dem Herbst dieser Firma zugeordnet, ihrer Zeit kurz vor den unzeremoniellen Verschwinden und doch hat es die Trademarks: Die Grafik (mit der üblichen Plastizität) und die Präzision des Designs – „Z“ erschien zum Höhepunkt des RTS-Fiebers der 90er und wagte es tatsächlich die Blaupause zu missachten. Es gibt weder Ressourcen noch Basisbau, ein Einigeln ist unmöglich. Vielmehr spielt man um Sektoren, mit versprengten Gruppen und unter stetigem Zeitdruck. „Z“ war cool, weil es das lahmarschigste Genre der 90er schnell und aufregend machte. Ich liebte es mit einer Selbstverständlichkeit, die mich überrascht, denn ich war lange Zeit ein begeisterter Fan von Strategiespielen und VERSTAND sie. Dass mir das abnorme an „Z“ nicht sonderlich auffiel, spricht nicht für meine damaligen kognitiven Fähigkeiten, aber gut: Ich war in der Pubertät.

So weit so gut: „Z“ kann aber auch traurig machen. Die Rendervideos, die zwischen den Missionen unterhalten sollen: Sie sind voller „Lustigkeit“ der 90er. Ich spreche von jener Ader des Humors, die ein Jahr vor dem Erscheinen dieses Spiels „Die Doofen“ mit „Mief“ die Charts beherrschen ließ. Ich kam damals nach Deutschland und man erzählte mir, „Die Doofen“ seien „hintersinnig“, aber ich wusste es besser – sie waren absolute Satansscheiße, inakzeptabel und verdammenswert. Und die deutsche Synchro der „Z“-Videos erst. Die Sprecher waren sicherlich in den 80ern an irgendeinem Gymnasium in Karslruhe oder in Würzburg gewesen, an einem jener Scheißorte, wo man „Absenzen“ sagt, und die man als unlustiger Klemmi verlässt. Vergleicht doch bitte das „Mief“-Video mit Chers „If I Could Turn Back Time“. Also.

Was aber weit trauriger macht: Die auf Steam verfügbare Version ist ein 1:1-Port des 2012er iOs-Releases und dieser ist scheiße (wie alles, was mit iOs zu tun hat). Er hat einige erhebliche Probleme, die im Port weiterhin bestehen:  Der Spielfluss und die KI sind weit langsamer als in der „Z 95“-Version und sogar schwächer als im ursprünglichen DOS-Spiel; insbesondere die Wegfindung ist wahnwitzig ärgerlich. Das Interface ist die Hölle (dazu gleich mehr) und die Steuerung sowie das Layout der Maus-Knöpfe entsprechen nicht jenen des Originals und sind wenig intuitiv bis schrecklich: alle Einheiten werden „abgewählt“, nachdem sie einen Befehl bekommen und müssen für weitere Befehle neu angeklickt werden, was anstrengend ist. „Z“ erlaubte es außerdem, das Spiel zu pausieren und dennoch Befehle an Einheiten zu erteilen – so wie es eben später von „Baldur`s Gate“ popularisiert wurde – und das letzte Drittel des Spiels war so scheiße schwer, dass dies auch dringend notwendig war. Diesem Port fehlt diese Funktion. Ebenso fehlt der Multiplayer. Der Port ist sogar dermaßen halbherzig und unverbindlich, dass die Achievements voller grammatischer und orthographischer Fehler sind: „Medium Tanks are great all purpose vehicle“, „Gattling gun use this against infantry“. Just sayin‘.

***

Da kommt immer diese Scheißfrage, ob eine Sache “gut gealtert” sei und bei der Beantwortung ist man immer jemand, der sich irgendwie passiv-aggressiv dafür rechtfertigt, dass er alte Spiele nicht weniger mag als neue. Man packt dann immer die nostalgische Narration aus: Man war 15, litt an Akne und die Spiele waren so superdiduper. Habe ich ja auch gemacht, also prangere ich nicht an.  Isch sach bloß. Hier, in diesem Text, will ich es andersrum anpacken und bestehe darauf, dass es Sachen gibt, die alte Spiele für mich als Spieler besser gemacht haben als heutige: Zum Beispiel war die Philosophie des UI-Designs in den 90ern weit mehr mein Ding als sie es heute ist. Die UI des oben angesprochenen „Z“ war sowohl in der DOS wie in der W95-Version ein rechteckiger Traum der Übersichtlichkeit. Vor zwanzig Jahren gab es noch nicht diese neumodische Hemmung, den Teil des Bildschirms, auf dem die Aktionen der Figuren stattfinden, durch jenen anderen Teil einzuschränken, in dem die begleitenden Informationen zu diesem Geschehen zu finden sind – es gab dicke, dekorative Rahmen und sie waren schön. Heute hat man es mit Transparenz und kleinen Leisten zu tun (so natürlich auch in diesem „Z“-Port), weil man glaubt, das eigentliche Spielgeschehen sei jenes, mit den Figuren – also jenes mit der geringeren Latenz zwischen meiner Entscheidung und ihrer Ausführung. Ich sehe das anders: Für mich sind die begleitenden Informationen genauso Bestandteil des Spiels und aufregend wie die Bewegungen der Figuren. Ich hätte mir, zum Beispiel, weit mehr Informationen in den Dark Souls-Spielen gewünscht und ich HASSTE es, ins Inventar gehen zu müssen, um sie mir einzuholen.

But maybe that’s just me.

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Der Höhepunkt des UI-Designs ist die UI von “Alpha Centauri”; die ist so stark. Es gibt eine dicke Leiste, welche etwa ein Viertel des Gesamtbildschirms einnimmt und man muss nie nach Informationen suchen, denn sie sind alle da. Ich kann nicht betonen wie wichtig ich es finde, während eines Strategiespiels INFORMIERT zu werden. 4X-Spiele fordern einen stetigen Kampf gegen den Drang zur Eile, der sonst das Leben beherrscht und den man so schmerzhaft spürt, dass er einen zu solchem Gedankenkitsch wie „Slow Food“ drängt. Jede präsente Information ist ein Kiesel im Schuh und zwingt einen, nicht zu eilen, sondern sich die nächste Terraforming-Aktion genau zu überlegen. Ich kann Civ5 gar nicht so spielen wie ich es gerne tun würde, denn mir fehlen diese Informationen; erst ihr Kontext macht ein Spiel für mich zwingend.

Die Entwicklung der UIs spiegelt jene von Musikvideos: Während Cher im „If I Could Turn Back Time“-Video Hormonvergiftungsdramatik erzeugt, indem sie auf einem gigantischen, phallischen Kanonenrohr sitzt und singt, bekommt man heute die nackige Miley Cyrus auf einer Abrissbirne zu sehen, was natürlich nicht annähernd so transgressiv oder cool ist wie Cher – es ist halbklug, eine fadenscheinige Metapher, die gerne hätte, dass wir “mal darüber nachdenken”. Das sind heutige UIs auch: Sie sind das Ergebnis dieser dummen Idee, dass es im Spiel vor allem um die Bewegungen der Figuren geht. Sie sind vom Ego-Shooter vergiftet und ich HASSE es.

Shodannews Bulletin 1!

Tracy Chapman sang mit Nachdruck: “Doncha know – they’re talking about videogames! And it sounds like a whisper.” Es war nämlich gestern Abend so, dass Aule, Vinzenz und meine Wenigkeit ein Stündchen damit verbrachten, in unserem Facebook-Chat (“Very exclusive, you’re not invited!”) über Videospiele zu diskutieren. Andere Leute sexten, oder sie diskutieren darüber, ob Katzen cooler als Hunde sind, aber nicht wir! Wir reden über Videospiele. Es war dann meine Idee den Chat zum Text zu machen, denn unser Gespräch entsprang tatsächlicher Unfähigkeit, auf Parties eingeladen zu werden.

Alles fing mit diesem elegischen Vortrag Aules an:

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“Gamergate”

In den 90ern gab es die „Frutarier“; nicht einmal Google kennt sie, aber es gab sie wirklich. Sie waren der kleinste Tentakel dieses spezifischen Bewegungskomplexes der Dekade, bei dem es um solche Sachen wir Ökologie, Tierrechte und den Hardcore-Soundtrack dazu ging. Frutarier wollten noch konsequenter sein als Veganisten und ernährten sich ausschließlich von Fallobst.

Im Ernst, ich habe das nicht erfunden.

Manchmal schmunzle ich über die Frutarier, denn sie sind nun wirklich albern. Wenn es so etwas wie eine Skala gibt, welche die Coolness einer Bewegung beurteilt (und zwar auf der Basis solcher Parameter wie Schlüssigkeit des Anliegens, popkulturelles Erscheinungsbild oder Wirkungsmacht), so waren die Frutarier lange Zeit meine unangefochtenen letzten: Ein Haufen von Hippies mit Dreadlocks, die in besetzten Häusern leben und modrige Birnen essen.

Doch dann kam „Gamergate“.

***

Nichts, wirklich überhaupt nichts, an „Gamergate“ ist cool.

Ich besitze eine fehlgeleitete Empathie, der eigentlich kein menschlicher Irrweg unzugänglich ist, doch „Gamergate“ bleibt mir fremd. Wie soll ich mich in die Gedankenwelt einer Person hineinfühlen, für die Computerspiele ein Anlass zur Agitation gegen Frauen sind? Ich stelle mir ernsthaft die Frage, wie diese Männer ihre Vorstellung von Maskulinität, die es gegen böse Feministinnen zu verteidigen gilt, mit Videospielen (!) als Anlass vereinbaren. Es ist mir auch rätselhaft, woher diese Menschen ihre hysterische Energie beziehen, denn die Angst, dass ihre Art des Videospiels (also jene mit Ömmen und Wummen) aufhören könnte zu existieren, widerspricht offensichtlichen Fakten der Marktwirtschaft. Man hat da doch auch andere Medien und kann Vergleichen.

Kurzum: „Gamergate“ ist schrecklich, unattraktiv und dumm.

***

Unsere Leser haben sicherlich den Versucht, uns für „Gamergate“ zu rekrutieren, mitbekommen. Damals hielt ich den anonymen Kommentator schlichtweg für einen Einzelgänger, dem dieses Thema auf der Seele lag, doch inzwischen habe ich meine Meinung geändert. Der von diesem Kommentator benutzte Anknüpfungspunkt – wir seien ein „meinungsstarkes“ Blog, von dem er sich eine Positionierung wünsche  – offenbart, dass er keiner unserer Leser ist, sondern vielmehr irgendeine Liste abarbeitete, denn:

Wir warnten bereits vor Jahren und wiederholt vor Verschwörungstheorien und ihrem Miasma. Wir prangerten vor Jahren chauvinistische und nationalistische Äußerungen in Texten der Printmagazine. Bestimmte Schimpfworte werden in unseren Kommentaren sofort geahndet. Wir thematisierten Sexualität in Spielen und kritisierten entsprechend. Wir zürnen seit Jahren über die Marginalisierung und Isolation von Minderheiten; wir brauchten hierfür nicht „Papers, Please“ als Anlass. Wir SIND ein Blog der Minderheiten.

Zusammenfassend: Wir sind und bleiben „Gamergate“ so fremd und fern wie es ein Blog nur sein kann. Nach den Maßstäben dieser Menschen sind wir SJW²³²³²³²³².

Und natürlich stellte ich mir die Frage: Wie kommt dieser Typ auf uns?

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Alle, die fühlen, sich gegen „political correctness“ behaupten zu müssen, spiken meinen Honkalarm. Diese Fiktion von einer moralischen Obrigkeit, die dem Volk sein natürlich erwachsenes Sprechen verbieten möchte, ist Bullshit. Die gelegentlichen Fehltritte entsprechender Bemühungen (der berüchtigte Vorschlag einer feministischen Linguistin „hurricane“ in „hissicane“ umzubenennen, etwa) fanden in den 70ern statt und haben höchstens humoristischen Wert. Selbst Robin Lakoff machte sich darüber lustig. Das Gefühl, man können nicht reden wie man wolle, ist letztendlich nur Ausdruck des Bewusstseins um die eigenen Defizite, sowohl in ethischer wie auch intellektueller Hinsicht.

Vielleicht war es mein eigener (Fremd)Spracherwerb, der in den 90ern stattgefunden hat, aber ich habe Änderungen der deutschen Sprache mit intensivem Interesse beobachtet. Meine Schüler schimpfen nicht annähernd so rassistisch und chauvinistisch wie meine Klassenkameraden und ich es in den mitt-90ern taten und dem Bemühen von Rechtsextremisten und Islamisten (und ja, es war ein tatsächliches, aktives BEMÜHEN), „Jude“ und „Zigeuner“ als Schimpfworte neu zu etablieren, traten Schulen mit Vorträgen und Workshops entgegen. Die Sprache dient nicht mehr mit der gleichen Selbstverständlichkeit als Ausdruck eigener Niedertracht wie einst – insofern kann ich es verstehen, wenn manche empfinden, die Leichtigkeit ihres Sprachgebrauchs sei dahin. Es ist nun mal schmerzhaft, daran erinnert zu werden, dass man fehlerhaft ist und das Gefühl, ertappt worden zu sein, ist quälend und sorgt für die renitentesten Reaktionen. Aber da muss man durch.

Wieso erzähle ich das alles? Ich denke, dass „Gamergate“ eine sehr amerikanische Kiste ist. Ihr Jargon, bestimmte Themen und ihre Organisation finden keine deutsche Entsprechung – jedoch wartet auch hier ein Publikum auf diese Debatte. Es sind all jene, die das Rütteln an jener Art von Normativität, mit der sie aufgewachsen sind, als bedrohlich empfinden und aggressiv reagieren, wenn z.Bsp. jemand Spielerinnen im nächsten FIFA fordert. Ich mutmaße, dass die Ausmaße des Zorns und der Hysterie, die man im amerikanischen „Gamersgate“-Umfeld erlebt, in Deutschland nicht zu haben sind, jedoch die weit weniger amüsante und spektakuläre  passive Aggression all jener, die irgendwas sagen dürfen wollen. Kennen wir ja schon, nech.

***

„Gamergate“ hat mein Internet auch hässlich gemacht, denn es sorgt für einen Strudel unappetitlichster Emotionen überhaupt: Empörung und Betroffenheit. Ich finde jedes dieser Gefühle einzeln nur schwer verdaulich, aber in ihrer Kopplung sind sie mir echt zu viel. Über die idiotische Hirnfurz-Empörung der „Gamergate“-Aktivisten brauchen wir nicht mehr zu reden, jedoch über diese seit Monaten anhaltende Schau der Betroffenheit, die durch deutschsprachige Blogs, die sich von „Gamergate“ abgrenzen wollen, stattfindet.

Betroffenheit ist die Königin aller fadenscheinigen Gefühle – ausschließlich die Person, die sie offenbart, profitiert von ihr. Keine der von „Gamergate“ bedrängten Autorinnen (von Texten oder Spielen) kann sich was von den solidarischen Tweets (und natürlich Retweets, diese sind auch total wichtig) irgendwelcher bloggenden Kerlchen kaufen, jedoch können eben diese Kerlchen ihre Betroffenheit identitätsstiftend verwerten, zur Affirmation ihres Gruppenerlebnisses eben. Dies ist eine sehr, sehr altmodische Praxis der etablierten deutschen Linken, die aber eigentlich ab den späten 80ern und durch die 90er erfolgreich (primär von westdeutscher Antifa) kritisiert und beendet wurde.

Illustrativ: Als ich Flüchtling war, kam niemand mit Kleiderspenden in der Unterkunft vorbei. Nie-fuckin‘-mand. Der head honcho der Mannheimer Grünen kam vorbei und ließ sich, seine BETROFFENHEIT demonstrierend, mit uns fotografieren, aber wir hatten von diesem Besuch wirklich nichts. Dies ist heute zum Glück anders.

In Rostock waren es Antifa-Aktivisten (hauptsächlich aus Hamburg), die in den Gängen der Plattenbauten die bedrängten Familien gegen Nazis zu verteidigen versuchten – die etablierte Linke gab im Fernsehen betroffene Kommentare ab. Auch dies ist heute, zum Glück, anders.

Mir ist klar, dass das Internet bestimmte Paradigmen verschoben hat und unmittelbare Hilfe schwerer fällt, dennoch finde ich es legitim, ein Abrücken von diesem impotenten Scheißgefühl zu fordern. Es gab nämlich exakt einen interessanten deutschsprachigen Text zu diesem Themenbündel und der blieb unkommentiert  – der Rest ist ausschließlich tosendes Gejammer. Dies sollte sich ändern.

(Don’t look at me, meine Themen bleiben das Flanieren und Chillaxen)

Duft, Erinnerung und Spaß

Ich habe keine Ahnung, was Aromatherapie sein soll, aber ich stelle mir vor, dass es um synästhetische Späße mit Düften geht; man ist ein alter Knacker, dessen Griff um die Erinnerungen immer loser wird und deshalb muss man an einem seidenen Taschentuch mit einigen Tropfen „Diorissimo“ drauf riechen – und schon denkt man an diese eine Gisela, mit der es im Sommer 73 auf dem Rücksitz des Opel Kadett dickes Megapetting gab. Der Opel: Braun. Giselas Arme: Braun. Es war wie in einem karamellgefüllten Aquarium. Sogar der Sonnenuntergang hinter der Rückscheibe: Braun. Besonderes Highlight war Opa Udos big ole Schleck-Move an einer von Giselas à la mode americaine rasierten Achseln – bloß um einen big ole Würg-Move unterdrücken zu müssen, weil dort statt erotischer Kicks der Tränengasgeschmack eines Nivea-Deodorants wartete. Fuck!

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Wo wir dabei sind: Eine Marke wie Nivea hat eine immense Verantwortung. Ihr Duft ist ja allgegenwärtig und es werden sicherlich Millionen dementer Wracks an den blauen Cremes schnuppern müssen, um fetzotronische Flashbacks ihrer Teenagerjahre zu erleben – ein letztes Mal Ledersitze, Partykeller und nasse Zungen zu den „Plimsouls“ ist viel besser als überhaupt kein letztes Mal! Fuck!

Dabei kann ich den Geruch der Nivea-Sachen gar nicht einordnen; der Duft bemüht sich um „Neutralität“, aber die Produktlinie teilt sich ihre „Sprache“, ihren roten Faden, mit so einer unerbittlichen, totalitären Konsequenz, dass letztlich nichts weniger neutral sein könnte. Es ist egal, ob man es eine Rasier- oder Handkreme ist, ob es ein Deodorant oder ein Erkältungsbad ist: Nivea zu riechen, ist wie mit einem nassen Beiersdorf-Handtuch ins Gesicht geschlagen zu werden. Batz! Oder: Klatsch! Fuck!

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Meine Oma sprühte sich immer Parfüms von Chanel in die Armbeugen, das weiß ich genau. Wenn ich also mit meiner Frau in einer Parfümerie bin, sprühe ich immer „No 5“ und „Cuir de Russie“ auf die Papierstreifen und erinnere mich an meine coole Belgrader Oma. Die Düfte von Chanel sprechen auch alle eine Sprache, aber es ist eine coole Sprache, so dass selbst die Männerparfüms mich von meiner Oma schwärmen lassen. Es sind dann auch wirklich intensive Erinnerungen und jedes Mal werden neue aus der Kruste gebrochen.

Letztens fiel mir ein, wie meine Oma mit mir in die Videotheken Belgrads ging und mich wirklich jeden Film sehen ließ, auch solche „Heroic Bloodshed“-Teile aus Hong Kong. Die hatte überhaupt kein Problem mit Kopfschüssen und Geiselnahmen, da stand die voll drüber.

Es ist ein natürliches Erinnern, das mit dem Plop-Plop aufbrechender Verhärtungen einhergeht. Hallo, Oma!

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Ich habe mir jetzt ein Aftershave von „Floid“ gekauft. MENTOLADO VIGOROSO, CHICO!

Die Wahl fiel darauf, weil ich davon gelesen habe und zwar in einem dieser etwas obskuren Bücher: „Memoirs of an Italian Terrorist“ von „Giorgio“. „Giorgio“ ist das Pseudonym eines unbekannt gebliebenen Autors, der hier von seinen Erlebnissen als Terrorist der „Roten Brigaden“ Italiens berichtet – die Authentizität des Berichts ist dabei gesichert. Die „Roten Brigaden“ waren so etwas wie die deutsche „RAF“ auf Steroiden: Die Anzahl ihrer Opfer war weit höher – 1978 entführten und ermordeten sie sogar Italiens Ministerpräsident Aldo Moro und ihre Korrespondenz mit den italienischen Institutionen offenbart die genaue (und doch völlig irre) Lektüre von Foucaults „Surveiller et punir“, welches drei Jahre zuvor erschienen und heißer Shizzle der Linken war. Leonardo Sciascia erörtert das in seinem Buch „L’affaire Moro“ – wie Moro selbst ist er meisten Deutschen völlig unbekannt und dennoch fühlen sich die meisten Deutschen berechtigt, irgendwas von „Schuldenfalle Italien“ zu faseln und über dieses Land zu reden, als sei es ein rätselhaftes Dorf, das sich dem Bau einer Autobahnschneise widersetzt.

Nun, zurück zu Giorgio: Der Begriff des „Memoire“ ist hier irreführend, denn die Erzählung ist extrem konzise und außerdem von respektabler formaler Eleganz; Giorgio ist schließlich ein gigantischer Narzisst. Die uferlose, unerbittliche, gelangweilte Arroganz mit der er über die Welt jenseits seiner redet (also jene, in welcher Menschen leben, die keine Terroristen sind) ist faszinierend, macht mir aber auch Angst.

„Giorgio“ ist außerdem ein Hipster. Er eröffnet seinen Bericht mit einer Erörterung der richtigen Mode für klandestine Operationen wie Attentate. Er erörtert die Wahl der richtigen „Trattoria“. (Linksradikale Terroristen ERÖRTERN.) Er erörtert die sexuelle Aufladung von Pinball-Automaten und findet sogar Zeit mit seinen Flipper-Skills und Highscores zu prahlen. Dazwischen ölt er Pistolen und beschattet Fiat-Manager und Polizisten, die ermordet werden sollen. Er bemerkt, dass einer der besagten Polizisten nach Aftershave der spanischen Marke „Floid“ riecht und deshalb beschloss ich, mir auch dieses Aftershave zu kaufen.

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Es ist der totale Hammer. Altmodischer kann ein Aftershave nicht riechen. Selbst der ganze amerikanische Barbershop-Shizzle wie „Lucky Tiger“, der in Plastikflaschen kommt, duftet im Vergleich total modern und heutig. Ich verzichte jetzt auf die üblichen Begriffe der Männer, die Amazon-Rezensionen von Pomaden und Aftershaves schreiben („würzig“, „süß“, „klassisch“): Floid riecht wie ein Großvater, der in den 50ern erfolgreich als Amateur geboxt hat.

Übrigens hasse ich den Männerbund-Spasmus, der so viele Männer ergreift, wenn sie anfangen, sich über das notwendige Mindestmaß hinaus zu pflegen: Sie gehen dann mit so einer störrischen Ingenieursmentalität an die Sache und packen ihre idiotischen Fachbegriffe aus. Die erste Pomade ist ein „Primer“ und die zweite, welche für den Glanz ihrer Haare sorgen soll, der „Finisher“. Jemand, der Sinnlichkeit nur mit Fachjargon beherrscht bekommt, ist absolut unattraktiv.  Fachbegriffe und eine Maskulinität, die sich an Motorrädern und Autos (Maschinen überhaupt) begeistern kann, sind für die meisten Kriege dieser Erde und auch für Bootcut-Jeans verantwortlich, davon bin ich fest überzeugt.

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Ich wollte übrigens für die neue WASD einen Text über Sexualität, linksradikalen Terrorismus und Flipper schreiben, durfte aber nicht, weil da irgend einer ist, der Flipper BESITZT und dessen LEIDENSCHAFT sie sind. Das muss man sich mal überlegen.

Dabei habe ich einen synästhetischen Spaß extra fürs Flippern: Der Geruch von Mentholzigaretten lässt mich an die Arcade meiner Kindheit denken. Dunkle, schulterhohe Holzvertäfelung in einem Raum mit ungewöhnlich strammer Deckenhöhe für ein Plattenbau-Hochhaus und überall das Gebleepe von Cabs und Flippern. Bierkisten neben jedem Flipper, damit auch wir Grundschüler spielen können.

Ich habe keinerlei synästhetische Späße für alles, was an Videospielen folgt. Der Rest meines Lebens besteht aus sehr intensiven, verbindlichen Erinnerungen an Spiele, aber ich verfüge über nur einen Zugang zu ihnen – den kognitiven. Mein Erinnern an Spiele und das Spielen ist von gefurchter Stirn und Ratio, Ratio, Ratio bestimmt, was meine Texte darüber zu ziemlicher Arbeit macht. Schließlich schreibe ich über ein Thema, das mir faktisch niemals Schmerzen bereiten wird (weshalb mir auch dieser Irrsinn mit Todesdrohungen so rätselhaft und fremd ist). Es ist, als müsste ich Texte über Herzoperationen zu Texten übers blutende Herz machen, oder so. Manchmal weiß ich nicht, ob das Ganze schlüssig ist, aber der Spaß fühlt sich richtig an, also WEITER.