“Gamergate”

In den 90ern gab es die „Frutarier“; nicht einmal Google kennt sie, aber es gab sie wirklich. Sie waren der kleinste Tentakel dieses spezifischen Bewegungskomplexes der Dekade, bei dem es um solche Sachen wir Ökologie, Tierrechte und den Hardcore-Soundtrack dazu ging. Frutarier wollten noch konsequenter sein als Veganisten und ernährten sich ausschließlich von Fallobst.

Im Ernst, ich habe das nicht erfunden.

Manchmal schmunzle ich über die Frutarier, denn sie sind nun wirklich albern. Wenn es so etwas wie eine Skala gibt, welche die Coolness einer Bewegung beurteilt (und zwar auf der Basis solcher Parameter wie Schlüssigkeit des Anliegens, popkulturelles Erscheinungsbild oder Wirkungsmacht), so waren die Frutarier lange Zeit meine unangefochtenen letzten: Ein Haufen von Hippies mit Dreadlocks, die in besetzten Häusern leben und modrige Birnen essen.

Doch dann kam „Gamergate“.

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Nichts, wirklich überhaupt nichts, an „Gamergate“ ist cool.

Ich besitze eine fehlgeleitete Empathie, der eigentlich kein menschlicher Irrweg unzugänglich ist, doch „Gamergate“ bleibt mir fremd. Wie soll ich mich in die Gedankenwelt einer Person hineinfühlen, für die Computerspiele ein Anlass zur Agitation gegen Frauen sind? Ich stelle mir ernsthaft die Frage, wie diese Männer ihre Vorstellung von Maskulinität, die es gegen böse Feministinnen zu verteidigen gilt, mit Videospielen (!) als Anlass vereinbaren. Es ist mir auch rätselhaft, woher diese Menschen ihre hysterische Energie beziehen, denn die Angst, dass ihre Art des Videospiels (also jene mit Ömmen und Wummen) aufhören könnte zu existieren, widerspricht offensichtlichen Fakten der Marktwirtschaft. Man hat da doch auch andere Medien und kann Vergleichen.

Kurzum: „Gamergate“ ist schrecklich, unattraktiv und dumm.

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Unsere Leser haben sicherlich den Versucht, uns für „Gamergate“ zu rekrutieren, mitbekommen. Damals hielt ich den anonymen Kommentator schlichtweg für einen Einzelgänger, dem dieses Thema auf der Seele lag, doch inzwischen habe ich meine Meinung geändert. Der von diesem Kommentator benutzte Anknüpfungspunkt – wir seien ein „meinungsstarkes“ Blog, von dem er sich eine Positionierung wünsche  – offenbart, dass er keiner unserer Leser ist, sondern vielmehr irgendeine Liste abarbeitete, denn:

Wir warnten bereits vor Jahren und wiederholt vor Verschwörungstheorien und ihrem Miasma. Wir prangerten vor Jahren chauvinistische und nationalistische Äußerungen in Texten der Printmagazine. Bestimmte Schimpfworte werden in unseren Kommentaren sofort geahndet. Wir thematisierten Sexualität in Spielen und kritisierten entsprechend. Wir zürnen seit Jahren über die Marginalisierung und Isolation von Minderheiten; wir brauchten hierfür nicht „Papers, Please“ als Anlass. Wir SIND ein Blog der Minderheiten.

Zusammenfassend: Wir sind und bleiben „Gamergate“ so fremd und fern wie es ein Blog nur sein kann. Nach den Maßstäben dieser Menschen sind wir SJW²³²³²³²³².

Und natürlich stellte ich mir die Frage: Wie kommt dieser Typ auf uns?

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Alle, die fühlen, sich gegen „political correctness“ behaupten zu müssen, spiken meinen Honkalarm. Diese Fiktion von einer moralischen Obrigkeit, die dem Volk sein natürlich erwachsenes Sprechen verbieten möchte, ist Bullshit. Die gelegentlichen Fehltritte entsprechender Bemühungen (der berüchtigte Vorschlag einer feministischen Linguistin „hurricane“ in „hissicane“ umzubenennen, etwa) fanden in den 70ern statt und haben höchstens humoristischen Wert. Selbst Robin Lakoff machte sich darüber lustig. Das Gefühl, man können nicht reden wie man wolle, ist letztendlich nur Ausdruck des Bewusstseins um die eigenen Defizite, sowohl in ethischer wie auch intellektueller Hinsicht.

Vielleicht war es mein eigener (Fremd)Spracherwerb, der in den 90ern stattgefunden hat, aber ich habe Änderungen der deutschen Sprache mit intensivem Interesse beobachtet. Meine Schüler schimpfen nicht annähernd so rassistisch und chauvinistisch wie meine Klassenkameraden und ich es in den mitt-90ern taten und dem Bemühen von Rechtsextremisten und Islamisten (und ja, es war ein tatsächliches, aktives BEMÜHEN), „Jude“ und „Zigeuner“ als Schimpfworte neu zu etablieren, traten Schulen mit Vorträgen und Workshops entgegen. Die Sprache dient nicht mehr mit der gleichen Selbstverständlichkeit als Ausdruck eigener Niedertracht wie einst – insofern kann ich es verstehen, wenn manche empfinden, die Leichtigkeit ihres Sprachgebrauchs sei dahin. Es ist nun mal schmerzhaft, daran erinnert zu werden, dass man fehlerhaft ist und das Gefühl, ertappt worden zu sein, ist quälend und sorgt für die renitentesten Reaktionen. Aber da muss man durch.

Wieso erzähle ich das alles? Ich denke, dass „Gamergate“ eine sehr amerikanische Kiste ist. Ihr Jargon, bestimmte Themen und ihre Organisation finden keine deutsche Entsprechung – jedoch wartet auch hier ein Publikum auf diese Debatte. Es sind all jene, die das Rütteln an jener Art von Normativität, mit der sie aufgewachsen sind, als bedrohlich empfinden und aggressiv reagieren, wenn z.Bsp. jemand Spielerinnen im nächsten FIFA fordert. Ich mutmaße, dass die Ausmaße des Zorns und der Hysterie, die man im amerikanischen „Gamersgate“-Umfeld erlebt, in Deutschland nicht zu haben sind, jedoch die weit weniger amüsante und spektakuläre  passive Aggression all jener, die irgendwas sagen dürfen wollen. Kennen wir ja schon, nech.

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„Gamergate“ hat mein Internet auch hässlich gemacht, denn es sorgt für einen Strudel unappetitlichster Emotionen überhaupt: Empörung und Betroffenheit. Ich finde jedes dieser Gefühle einzeln nur schwer verdaulich, aber in ihrer Kopplung sind sie mir echt zu viel. Über die idiotische Hirnfurz-Empörung der „Gamergate“-Aktivisten brauchen wir nicht mehr zu reden, jedoch über diese seit Monaten anhaltende Schau der Betroffenheit, die durch deutschsprachige Blogs, die sich von „Gamergate“ abgrenzen wollen, stattfindet.

Betroffenheit ist die Königin aller fadenscheinigen Gefühle – ausschließlich die Person, die sie offenbart, profitiert von ihr. Keine der von „Gamergate“ bedrängten Autorinnen (von Texten oder Spielen) kann sich was von den solidarischen Tweets (und natürlich Retweets, diese sind auch total wichtig) irgendwelcher bloggenden Kerlchen kaufen, jedoch können eben diese Kerlchen ihre Betroffenheit identitätsstiftend verwerten, zur Affirmation ihres Gruppenerlebnisses eben. Dies ist eine sehr, sehr altmodische Praxis der etablierten deutschen Linken, die aber eigentlich ab den späten 80ern und durch die 90er erfolgreich (primär von westdeutscher Antifa) kritisiert und beendet wurde.

Illustrativ: Als ich Flüchtling war, kam niemand mit Kleiderspenden in der Unterkunft vorbei. Nie-fuckin‘-mand. Der head honcho der Mannheimer Grünen kam vorbei und ließ sich, seine BETROFFENHEIT demonstrierend, mit uns fotografieren, aber wir hatten von diesem Besuch wirklich nichts. Dies ist heute zum Glück anders.

In Rostock waren es Antifa-Aktivisten (hauptsächlich aus Hamburg), die in den Gängen der Plattenbauten die bedrängten Familien gegen Nazis zu verteidigen versuchten – die etablierte Linke gab im Fernsehen betroffene Kommentare ab. Auch dies ist heute, zum Glück, anders.

Mir ist klar, dass das Internet bestimmte Paradigmen verschoben hat und unmittelbare Hilfe schwerer fällt, dennoch finde ich es legitim, ein Abrücken von diesem impotenten Scheißgefühl zu fordern. Es gab nämlich exakt einen interessanten deutschsprachigen Text zu diesem Themenbündel und der blieb unkommentiert  – der Rest ist ausschließlich tosendes Gejammer. Dies sollte sich ändern.

(Don’t look at me, meine Themen bleiben das Flanieren und Chillaxen)

Duft, Erinnerung und Spaß

Ich habe keine Ahnung, was Aromatherapie sein soll, aber ich stelle mir vor, dass es um synästhetische Späße mit Düften geht; man ist ein alter Knacker, dessen Griff um die Erinnerungen immer loser wird und deshalb muss man an einem seidenen Taschentuch mit einigen Tropfen „Diorissimo“ drauf riechen – und schon denkt man an diese eine Gisela, mit der es im Sommer 73 auf dem Rücksitz des Opel Kadett dickes Megapetting gab. Der Opel: Braun. Giselas Arme: Braun. Es war wie in einem karamellgefüllten Aquarium. Sogar der Sonnenuntergang hinter der Rückscheibe: Braun. Besonderes Highlight war Opa Udos big ole Schleck-Move an einer von Giselas à la mode americaine rasierten Achseln – bloß um einen big ole Würg-Move unterdrücken zu müssen, weil dort statt erotischer Kicks der Tränengasgeschmack eines Nivea-Deodorants wartete. Fuck!

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Wo wir dabei sind: Eine Marke wie Nivea hat eine immense Verantwortung. Ihr Duft ist ja allgegenwärtig und es werden sicherlich Millionen dementer Wracks an den blauen Cremes schnuppern müssen, um fetzotronische Flashbacks ihrer Teenagerjahre zu erleben – ein letztes Mal Ledersitze, Partykeller und nasse Zungen zu den „Plimsouls“ ist viel besser als überhaupt kein letztes Mal! Fuck!

Dabei kann ich den Geruch der Nivea-Sachen gar nicht einordnen; der Duft bemüht sich um „Neutralität“, aber die Produktlinie teilt sich ihre „Sprache“, ihren roten Faden, mit so einer unerbittlichen, totalitären Konsequenz, dass letztlich nichts weniger neutral sein könnte. Es ist egal, ob man es eine Rasier- oder Handkreme ist, ob es ein Deodorant oder ein Erkältungsbad ist: Nivea zu riechen, ist wie mit einem nassen Beiersdorf-Handtuch ins Gesicht geschlagen zu werden. Batz! Oder: Klatsch! Fuck!

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Meine Oma sprühte sich immer Parfüms von Chanel in die Armbeugen, das weiß ich genau. Wenn ich also mit meiner Frau in einer Parfümerie bin, sprühe ich immer „No 5“ und „Cuir de Russie“ auf die Papierstreifen und erinnere mich an meine coole Belgrader Oma. Die Düfte von Chanel sprechen auch alle eine Sprache, aber es ist eine coole Sprache, so dass selbst die Männerparfüms mich von meiner Oma schwärmen lassen. Es sind dann auch wirklich intensive Erinnerungen und jedes Mal werden neue aus der Kruste gebrochen.

Letztens fiel mir ein, wie meine Oma mit mir in die Videotheken Belgrads ging und mich wirklich jeden Film sehen ließ, auch solche „Heroic Bloodshed“-Teile aus Hong Kong. Die hatte überhaupt kein Problem mit Kopfschüssen und Geiselnahmen, da stand die voll drüber.

Es ist ein natürliches Erinnern, das mit dem Plop-Plop aufbrechender Verhärtungen einhergeht. Hallo, Oma!

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Ich habe mir jetzt ein Aftershave von „Floid“ gekauft. MENTOLADO VIGOROSO, CHICO!

Die Wahl fiel darauf, weil ich davon gelesen habe und zwar in einem dieser etwas obskuren Bücher: „Memoirs of an Italian Terrorist“ von „Giorgio“. „Giorgio“ ist das Pseudonym eines unbekannt gebliebenen Autors, der hier von seinen Erlebnissen als Terrorist der „Roten Brigaden“ Italiens berichtet – die Authentizität des Berichts ist dabei gesichert. Die „Roten Brigaden“ waren so etwas wie die deutsche „RAF“ auf Steroiden: Die Anzahl ihrer Opfer war weit höher – 1978 entführten und ermordeten sie sogar Italiens Ministerpräsident Aldo Moro und ihre Korrespondenz mit den italienischen Institutionen offenbart die genaue (und doch völlig irre) Lektüre von Foucaults „Surveiller et punir“, welches drei Jahre zuvor erschienen und heißer Shizzle der Linken war. Leonardo Sciascia erörtert das in seinem Buch „L’affaire Moro“ – wie Moro selbst ist er meisten Deutschen völlig unbekannt und dennoch fühlen sich die meisten Deutschen berechtigt, irgendwas von „Schuldenfalle Italien“ zu faseln und über dieses Land zu reden, als sei es ein rätselhaftes Dorf, das sich dem Bau einer Autobahnschneise widersetzt.

Nun, zurück zu Giorgio: Der Begriff des „Memoire“ ist hier irreführend, denn die Erzählung ist extrem konzise und außerdem von respektabler formaler Eleganz; Giorgio ist schließlich ein gigantischer Narzisst. Die uferlose, unerbittliche, gelangweilte Arroganz mit der er über die Welt jenseits seiner redet (also jene, in welcher Menschen leben, die keine Terroristen sind) ist faszinierend, macht mir aber auch Angst.

„Giorgio“ ist außerdem ein Hipster. Er eröffnet seinen Bericht mit einer Erörterung der richtigen Mode für klandestine Operationen wie Attentate. Er erörtert die Wahl der richtigen „Trattoria“. (Linksradikale Terroristen ERÖRTERN.) Er erörtert die sexuelle Aufladung von Pinball-Automaten und findet sogar Zeit mit seinen Flipper-Skills und Highscores zu prahlen. Dazwischen ölt er Pistolen und beschattet Fiat-Manager und Polizisten, die ermordet werden sollen. Er bemerkt, dass einer der besagten Polizisten nach Aftershave der spanischen Marke „Floid“ riecht und deshalb beschloss ich, mir auch dieses Aftershave zu kaufen.

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Es ist der totale Hammer. Altmodischer kann ein Aftershave nicht riechen. Selbst der ganze amerikanische Barbershop-Shizzle wie „Lucky Tiger“, der in Plastikflaschen kommt, duftet im Vergleich total modern und heutig. Ich verzichte jetzt auf die üblichen Begriffe der Männer, die Amazon-Rezensionen von Pomaden und Aftershaves schreiben („würzig“, „süß“, „klassisch“): Floid riecht wie ein Großvater, der in den 50ern erfolgreich als Amateur geboxt hat.

Übrigens hasse ich den Männerbund-Spasmus, der so viele Männer ergreift, wenn sie anfangen, sich über das notwendige Mindestmaß hinaus zu pflegen: Sie gehen dann mit so einer störrischen Ingenieursmentalität an die Sache und packen ihre idiotischen Fachbegriffe aus. Die erste Pomade ist ein „Primer“ und die zweite, welche für den Glanz ihrer Haare sorgen soll, der „Finisher“. Jemand, der Sinnlichkeit nur mit Fachjargon beherrscht bekommt, ist absolut unattraktiv.  Fachbegriffe und eine Maskulinität, die sich an Motorrädern und Autos (Maschinen überhaupt) begeistern kann, sind für die meisten Kriege dieser Erde und auch für Bootcut-Jeans verantwortlich, davon bin ich fest überzeugt.

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Ich wollte übrigens für die neue WASD einen Text über Sexualität, linksradikalen Terrorismus und Flipper schreiben, durfte aber nicht, weil da irgend einer ist, der Flipper BESITZT und dessen LEIDENSCHAFT sie sind. Das muss man sich mal überlegen.

Dabei habe ich einen synästhetischen Spaß extra fürs Flippern: Der Geruch von Mentholzigaretten lässt mich an die Arcade meiner Kindheit denken. Dunkle, schulterhohe Holzvertäfelung in einem Raum mit ungewöhnlich strammer Deckenhöhe für ein Plattenbau-Hochhaus und überall das Gebleepe von Cabs und Flippern. Bierkisten neben jedem Flipper, damit auch wir Grundschüler spielen können.

Ich habe keinerlei synästhetische Späße für alles, was an Videospielen folgt. Der Rest meines Lebens besteht aus sehr intensiven, verbindlichen Erinnerungen an Spiele, aber ich verfüge über nur einen Zugang zu ihnen – den kognitiven. Mein Erinnern an Spiele und das Spielen ist von gefurchter Stirn und Ratio, Ratio, Ratio bestimmt, was meine Texte darüber zu ziemlicher Arbeit macht. Schließlich schreibe ich über ein Thema, das mir faktisch niemals Schmerzen bereiten wird (weshalb mir auch dieser Irrsinn mit Todesdrohungen so rätselhaft und fremd ist). Es ist, als müsste ich Texte über Herzoperationen zu Texten übers blutende Herz machen, oder so. Manchmal weiß ich nicht, ob das Ganze schlüssig ist, aber der Spaß fühlt sich richtig an, also WEITER.

Herbstpodcast mit Vicious V, Troublesome Toni und Mighty Marc 1/2.

Wir haben ein neues Podcast für euch aufgenommen, weil ihr keine Ruhe geben wolltet! Es ist ein besonderes Podcast, denn Marc macht voll den Houdini darin (ihr werdet schon sehen/hören). Themen:

  • Kleidung, insb. Sakkos und Hosen
  • Katzen, die Katzenhaarproblematik, man muss entfusseln!
  • Gamescom
  • Arcades
  • Yu Suzuki bester Mann! (Space Harrier, Out Run)
  • Schulausflüge, Schullandheime, Fäkalien
  • Mortal Kombat
  • Steam und das Spielen mit Freunden
  • DOS und das freundlose Spielen
  • Ethikunterricht
  • Empathie
  • rätselhafte Namen von Twitter-Usern (“Grobi”, “Predo”, “Pullipräsident”, “Scheinprobleme”)
  • rätselhafte Entwicklung der Superlevel-Sprache
  • TOPWARE, Monnem (und der stinkende Scheiß-Fussekverein do unne!), Abmahnbriefe
  • Außenwirkung von Shodannews, brauchen wir mehr Dissens?

Beweisfotos zum Thema TOPWARE:

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YT-Upload bei Shodantube kommt irgendwann im Laufe der Woche.

Leech it.

Der schwarze Gurt

Ich muss das JETZT wissen: Habt ihr euch auch manchmal in fremde Häuser hineingeträumt? Damit meine ich den sehr konkreten Wunsch, in einem fremden Gebäude, das man nie von innen gesehen hat, zu wohnen. Ich bin nämlich jemand, den das Wohnen fasziniert und damit meine ich nicht so etwas wie Möbel oder Dekoration – beide finde ich uninteressant – sondern das Gebäude und den Schnitt der Zimmer. Eins meiner Hobbies ist es, mir Wohnungsinserate im Internet anzuschauen; dabei stelle ich mir vor, wie es wäre, in diesen Zimmern zu wohnen und ich suche gezielt nach Anzeigen für leerstehende Wohnungen in Gebäuden, die mich faszinieren. Davon gibt es nämlich viele. Ich bin kein Voyeur, denn stört es mich, wenn in diesen Anzeigen noch fremde Möbel zu sehen sind – mich interessiert der nackte Grundriss, den mein Gehirn dann mit mir füllen kann, was wie im Traum passiert, also mit ständiger Verschiebung von Wänden. Und das mache ich so seit Jahren. Bereits als Schüler lief ich durch die Städte, in denen ich lebte, sah mir Gebäude an und erfreute mich am Schwindelgefühl, das die Vorstellung, in ihnen zu wohnen, manchmal begleitete. Dabei faszinierte mich besonders moderne Architektur: Ich wohne zwar im Altbau, aber das ist meiner Frau zu liebe.

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Am Samstag fuhr ich nach Mannheim, aber der Freund, mit dem ich dort bummeln wollte, sagte mir kurzfristig ab – ich musste mir überlegen, wie ich die Zeit fülle, denn auch meine Frau war mitgekommen und traf eine ihrer Freundinnen und wir wollten natürlich zusammen heimkehren. Ich konnte eine Weile mit Bummeln verbringen, doch ich bummle am besten, wenn ich jemanden dabei habe, mit dem man gut reden und lustige Geschichten austauschen kann. Alleine bummle ich viel schneller. Deshalb beschloss ich nach meinen Einkäufen „Häuser gucken“ zu gehen. So nenne ich das, wenn ich durch eine Stadt spaziere und mir Gebäude anschaue, in denen ich gerne leben würde. Ein Gebäude, das meine Fantasien seit 1994 beschäftigt ist dieses hier:

Traumi-Traum!

Traumi-Traum!

 

Es lag seit dem Zeitpunkt meiner Einschulung in Deutschland auf meinem Schulweg und aktivierte mich im Winter besonders stark, denn im Winter ist es vor der ersten Schulstunde noch dunkel; vielleicht schneit es sogar und man läuft an dieser verwinkelten Fassade vorbei und stellt sich vor, das Innere sei ähnlich labyrinthisch, es besteht aus Wohnungen voller Höhenunterschiede, Ecken, dunkler Zimmer und dunkler Bäder – die Decke der Wohnungen ist in der Tat niedrig und mit dunklem Holz verkleidet, so dass ich im Winter hochsah und das Licht mit fieser, aggressiver Wärme gelb in die Nacht herausstrahlte, wie beim Leuchtturm. Das Gebäude wurde 1980 gebaut und gewann den Preis des Bundes deutscher Architekten –Spätbrutalismus, über den Eingängen sind Zementblöcke mit schönen Mustern, es könnten Wälder sein.

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Zum Thema Fotografie: Ja, ich habe Bilder dieses Gebäudes aufgenommen, aber nur im Vorbeigehen und mit meinem Handy. Ich habe kein Talent für die Fotografie und mir macht es viel Spaß, mit günstigen Computerprogrammen und Smartphoneapps irgendwelche Filter über die Bilder zu werfen und sie so zu verändern. Folgerichtig wäre ein echter Fotoapparat an mir verschwendet. Ich habe außerdem aus ideologischen Gründen ein problematisches Verhältnis zur Fotografie, denn zu viele Autodidakten üben sie beruflich aus, was ich hasse. Und ich hasse diese blöden „Fotos der Woche“, welche der „Atlantic“ oder das „Time Magazine“ zeigen, weil diese immer brennende Pferde, Leichen, blöden, bunten Naturkitsch oder brennende Leichen beinhalten. Kann etwas, das so stark im Dienste der Identitätsabgrenzung gelangweilter Westler steht, irgendwie akzeptabel sein? Ausschließlich als ein Hobby, das dem Kegeln gleichzusetzen wäre?

Wo wir schon beim Thema Abgrenzung sind: Eine Kollegin warf mir vor, meine Liebe zu brutalistischer Architektur sei Abgrenzung, weil ja kein Mensch ernsthaft etwas anderes als Altbau aus der Gründerzeit mögen könne. Sie ist so eine kernige Öko-Eule, die mich für einen Hipster hält, weil ich mich im Lehrerzimmer kämme, bevor ich unterrichten gehe. Wisst ihr, was ich ihr auf diesen gemeinen Vorwurf entgegnet habe: „Die Architekten haben sich was gedacht!“ Das kam mir zunächst sehr dumm vor. Sie verstand überhaupt nicht, worauf ich hinauswollte und es beendete unser Gespräch auch, weil ich es mit einiger Heftigkeit und einem Ernst, den sie von mir nicht kannte, sagte. Später fand ich meine Antwort gar nicht mehr so dumm, denn sie war konzise und – wenn mich meine Kollegin GEFRAGT hätte, was ich meine – ich hätte ausführen können wie ideologisch aufgeladen der Brutalismus war. Das war nicht diese Fertighaussache, dem Brutalismus ging es um die Lebensgestaltung von Millionen oder um alle Seelen. Und ich liebe Brutalismus aufrichtig. Es muss sich nicht einmal um „schönen“ Brutalismus wie das „Barbican“ handeln, es kann auch missglückter Brutalismus sein.

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Hier der obligatorische Videospielgedanke dieses Flaniertages: Ich verstehe den Sinn von Handhelds immer noch nicht. Immer wenn ihr über Gameboys und Lynxe redet, mache ich mit, weil es halt DAZUGEHÖRT, aber ich verstehe eigentlich nicht, was Handhelds sollen. Ein Handheld kann nur nützlich sein, wenn man sehr lange im Zug, Bus oder Flugzeug reist – oder sich im Ausland befindet und sein PC-Rig zuhause lassen musste, im Hotelzimmer aber unbedingt seine Zock-Kicks befriedigt braucht.

Es gab nur eine Phase meines Lebens, in der ich einen Handheld ausgiebig zu spielen pflegte und das war während meines Studiums in England. Ich hatte keinen PC und der französische Nachbar mit der Playsi war irgendwann weg. Sobald ich aber wieder in der Nähe meines treuen PCs war (damals ein Scaleo, dessen Graka ich etwa 500 Mal getauscht hatte), flog der blöde GBA SP in die Ecke. Pffrt, weg mit dir, halbe Portion! Ich musste über Handhelds denken, weil der Tag so schön war und ich mir dachte, wie wenig man doch braucht, wenn es Gebäude und Menschen zu gucken gibt. Vielleicht noch Musik?

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Ich höre beim Spazieren gerne Musik; noch bin ich altmodisch und kaufe meine MP3s und lade sie dann auf mein Smartphone, aber ich ahne, dass ich bald den Schritt zu Spotify machen werde. Ich nutze es ja zuhause bereits intensiv, unterwegs aber gar nicht. Hier ist meine Playlist dieses Spaziergangs:

  • Beach Boys: Ich habe in letzter Zeit wieder intensiv die „Beach Boys“ gehört, denn ich bekomme regelmäßig „Beach Boy“-Phasen und jedes ihrer Alben ist ein wenig kryptisch und ich habe immer das Gefühl, ich muss mich hineinhören, manchmal über Tage. Diesmal hatte ich einige Lieder von der „Surf’s Up“ und der „Summer Days“ dabei – beide Platten stehen sich diametral entgegen, man darf sich nicht von der Semantik der Titel täuschen lassen. „Summer Days“ ist die enthemmteste Platte in meinem Besitz. Die Beach Boys flöten da ihre Harmonien durch die Gegend, die haben richtig Spaß. Die „Summer Days“ schafft es den Titel greifbar zu machen; man hört sie im Herbst und denkt an den einen Supersommer, als man jede Woche mit Freunden Minigolf spielen und dann am Baggersee in Frankreich war und Abends in Straßburg, um braungebrannte französische Chicks in Tommy-Tubetops zu oglen. Der einzige Schmerz der „Summer Days“ stammt vor zu intensivem Sehnen nach Schönheit, Verliebtsein, Erwachsenwerden und Zukunft. Richtige, verkrüppelnde Schmerzen, gibt es hier noch überhaupt nicht, höchstens ein bisschen zu erwartenden adoleszenten Heartbreak – aber die Chicks, die ihn lindern werden, sind ja schon auf dem Weg. Die „Surf’s Up“ ist fast so pessimistisch wie ihr Cover, komplett verbittert und da ist dieser schmerzhafte Humor am Anfang: „Don’t Go Near the Water“, denn das Wasser ist verschmutzt. Brian Wilson war inzwischen ein psychotischer Drogenghoul geworden, aus dem die Musik nur noch in Stößen floss. Entsprechen verklemmt und sperrig sind die Tunes der Platte und sie haben fast alle diese fiesen, harten Moog-Bässe und Flanger-Gitarren; überhaupt: die ganze Instrumentalisierung lässt einen an die 70er denken.
  • Funkadelic: Ich habe mir irgendwann die komplette Diskographie zugelegt, sie aber nie gehört. Was für ein Fehler! Bei diesem Spaziergang hatte ich ein paar Lieder von der „Maggot Brain“ dabei – „You and Your Folks, Me and My Folks“ und „Can You Get to That“ haben aber diesen Spaziergang bestimmt. Der zweite der genannten Tunes hat die folgende Zeile: „I recollect with a mixed emotion all the good times we used to have.” Die geht mir immer voll gut rein, weil ich genau weiß, was damit gemeint ist. Auf der Platte befindet sich mit „Super Stupid“, ein Geknüppel von so ausgesprochener Härte, dass es mir für diesen Spaziergang zu stressig war und ich ihn vorsorglich vom Smartphone löschte.
  • Neben den „Beach Boys“ habe ich eine andere Band, die nunmehr seit Jahren unerschütterlich als eine meiner liebsten Lieblingsbands gilt: Das sind die „Stone Roses“. Ich höre ihre Musik seit nun sieben Jahren ohne Unterbrechungen und ohne Saturationserscheinungen – es erstaunt mich selbst, wie langlebig und komplex ihre Tunes sind. Und trotzdem treten sie voll, denn ich höre immer „I am the Resurrection“, bevor ich Rennrad fahren gehe – dieses Instrumental am Ende macht dann für mich alles möglich. Beim heutigen Spaziergang war aber vor allem „Sally Cinnamon“ bestimmend. Ihr könnt mich nämlich nicht mehr mit Bla-Bla-Lyrics täuschen, ich brauche Zeilen wie:

Until Sally, I was never happy
I needed so much more
Rain clouds oh they used to chase me
Down they would pour
Join my tears
Allay my fears
Sent to me from heaven
Sally cinnamon
You are my world

I pop pop pop blow blow bubble gum
You taste of cherryade

  • Und es waren natürlich auch vereinzelte Soul-Hits dabei, denn die sind immer dabei, wenn ich spaziere. Repräsentativ: Lee Moses‘ zwei „Bad Girl“-Tunes. Ich mag dramatische Lieder, die dürfen auch instrumentalen Exzess mitbringen. Hier ist es eine Blechsnare über der eine Bläsersektion den Zorn über böse Frauen herauspustet.

Und so weiter. Ich habe mir angewöhnt, nie mehr als 30 Lieder in meinen Playlists zu haben, weil ich jenseits dieser 30 immer durch die Playlist zu springen anfange und vor lauter Auswahl nie zum Punkt komme. Eine Playlist zum Spazieren muss ausschließlich aus Hits bestehen, so dass es die Notwendigkeit, das Smartphone aus der Tasche zu holen, um ein Lied zu überspringen, erst gar nicht gibt. Eine Playlist zu der man spaziert, muss durchlaufen können. Man muss jedes Lied zu Ende hören können, ohne den Druck des Springens oder Wechselns zu haben, denn davon hat man nichts. Das habe ich in meinen Tagen als rastlos spazierender Teenager gelernt!

Den Abschluss meines Spaziergangs stellte mein Versuch dar, in den alten Schulhof des Gymnasiums, das Marc und ich zusammen besuchten, zu besuchen. Er war zu und ich kletterte über seine brusthohe Pforte, wurde aber dann vom Hausmeister überrascht, der mich unter der Androhung der Anzeige hinausschickte. Dann halt nicht! Ich wollte einen coolen Abgang machen, trug aber Slipper aus Wildleder, die mir immerzu von der Ferse rutschten – der Hausmeister diggte das nicht, aber Modelara hätte es gediggt. Die sechs Stunden bis zum Ende der Verabredung meiner Frau waren schnell vorbei, aber darüber staunte ich nicht – ich kenne die Möglichkeiten des Spazierens sehr gut. Was mich vielmehr beschäftigte, war die Vorstellung, dass wenn ich eines Tages wahnsinnig werden sollte, ich sicherlich als einer jener Menschen Ende, die ihre Städte im Selbstgespräch auf- und ablaufen.

Zu -V-iert!

Seht ihr Aules cooles neues Logo da oben? Jaha, es gibt einen Grund, wieso da neben unserer Huldigung des besten aller Länder – des Krudistans – auch eine vier steht: Wir sind nun VIER Nerds, denn V ist ab sofort auch dabei. (Wo dabei? Im “Autorenteam” – was für ein hässliches Wort! Er ist HIER dabei.) Eigentlich sogar ab der letzten Woche, aber wir wollten ein cooles Logo, das die Ankündigung begleitet.

Wir sind ja wirklich das Slowfood-Blog, nech. Es dauerte vier Jahre bis aus zwei Nerds drei wurden und dann nochmals drei Jahre, bis V hinzukam. Der Grund für unsere Langsamkeit ist, dass wir erstaunlich rigide Kriterien haben, was unsere Kiste hier angeht. Da müssen nicht die ganzen textlichen und hirnophonischen Selbstverständlichkeiten stimmen, sonder auch die Sympavibes. Das ist mein Ernst: Man muss ja mit allerlei Menschen studieren und arbeiten und man leidet furchtbar darunter, denn man kann sie sich nicht aussuchen. Hier aber, da muss man das; man muss wählerisch sein. Und wir sind es sehr. Bis auf Aule und V haben wir nur eine weitere Person gefragt, ob sie hier mitmachen möchte – das war dieses Stinktier Grobi, der aber keinen Bock auf den Stress hatte. Eine weiteren Person weiß, dass sie hier jederzeit ein neues Zuhause hätte, wenn ihr jetziges einstürzen würde (denn ich würde nie jemanden “abwerben”, das ist komplettes Mongobusiness, wir sind hier nicht bei fuckin’ Siemens).  Was ich sagen will – und das ist jetzt dünnes Eis – unser Deal ist durchaus, dass die Texte eine Fortsetzung in einem Geist der Kameradschaft und (häufig enthemmter, aber immer aufrichtiger) Zuneigung finden. Zwischen uns schreibenden, aber auch zwischen uns allen, wenn wir in den Kommentaren reden. Wisst ihr, was ich meine? Ich finde, dass dieses Vibe wichtig ist. Wir brauchen keine “Danke, Shodannews, ihr seid eine Bereicherung für die Bloglandschaft”-Kommentare, ich brauche diese besagten Vibes, die tun meiner Seele voll gut.

Deshalb begrüßen wir V nun zeremoniell! Auf viele gute Texte und auf gute Zeiten. Er steht euren Fragen sicherlich in den Kommentaren zur Verfügung. Oder auch nicht. In dem Fall beantworte ich sie mit Lügen.

IN SEARCH OF LOST TIME (Arcade-Dokus + AVGN Movie)

GOG.com verkauft Filme! Der erste Schwung besteht hauptsächlich aus einem Haufen Dokus mit Spielbezug, aber auch dem einen oder anderen Ausrutscher in artverwandete Nerderey (Cosplay, Comics, Dungeons & Dragons). Weil ich GOG mag und lange nichts mehr geguckt habe (okay, Sailor Moon Crystal) seit unsere lokalen Kinos sich entschieden haben nur noch 3D zu zeigen (wir erinnern uns: der Aule ist stereoblind) kam mir das Angebot gerade recht. Drei Dokus haben mich dann auch gleich bei den Eiern, denn THE SPACE INVADERS: IN SEARCH OF LOST TIME, 100 YEN: THE JAPANESE ARCADE EXPERIENCE und THE KING OF ARCADES drehen sich um mein Lieblingsthema – die ARCADE! Weiterlesen